Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-14 · Heft 33 (14.8.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 33 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228832--64797-3276877
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

: zwar zuerst in gemieteten Räumen,' bis am: 28. November 1869 als ein Geschenk der verstorbenen" Frau Emilie Goldschmidt, geborenen Feidel, dem Waisenhaus durch ihren Ehegatten Herrn Rüben Elias Goldschmidt das Grundstück in der Gießbergstraße, auf dem die Anstalt sich, heute noch befindet, überwiesen wurde. Die Räume erwiesen sich aber bald als zu klein, und am 17. Dezember 1899 konnte das geräumige, allen berechtigten Ansprüchen genügende Haus, in dem die Anstalt sich jetzt befindet, seiner Bestimmung übergeben werden. Das größere Haus gewährte uns die Möglichkeit, die Bestimmungen der ersten Satzungen über Aufnahme von Waisen aus dem ehemaligen Kurfürstentum Hessen zu erweitern: Gerade aus Hessen war in der letzten Zeit nur eine geringere Zahl von Waisen zugeführt worden Dies veranlaßte den Vorstand, wenn auch die ersten Stifter seinerzeit nur das engere Vaterland in den. Kreis ihrer Wirksamkeit gezogen hatten, nun auch den Anschauungen der zahlreichen späteren Wohltäter und Gönner gerecht zu werden. Er. wandte sich an den Regierungspräsidenten um die Genehmigung, aus ganz Preußen Waisenkindern Aufnahme gewähren zu dürfen; dabei sollten selbstverständlich, wie bisher,. die Kinder aus dem ehemaligen. Kurhessen den Vorzug behalten. Diese Satzungsänderung wurde von der Behörde am 8. Dezember 1905 genehmigt. Das Haus bietet nun Platz für 40 Kinder. Gerade jetzt hat die Zahl der Waisen mit 19 Knaben und 14 Mädchen den höchsten Stand seit dem Bestehen der Anstalt erreicht; Erziehung, Lebensunterhalt, Kleidung und Unterricht verursachen sehr erhebliche Ausgaben und machen bei den gegenwärtig teuren Lebensmittelpreisen die Höhe unseres Jahresaufwandes begreiflich. Das Haus steht unter der vorzüglichen Leitung des Inspektors Hauptlehrer a. D. Scheye. Seit der Eröffnung der Anstalt haben 79 Mädchen und 128 Knaben, zusammen 207 Zöglinge daselbst Ausnahme gefunden. Nach ihrer Entlassung bei erreichtem 14. Lebensjahre widmeten sich die Knaben dem Handwerker-, Lehrer¬ oder Kaufmannsberuf. Die Mädchen traten in Geschäfte ein oder wurden Schneiderinnen, Putzmacherinnen und Dienstmädchen. Mit Rat und Tat steht das Kuratorium ihnen stets zur Seite, und die durch den jetzt in Berlin lebenden Geheimen Kommerzienrat Aschrott errichtete H. S. Aschrott und Regina Aschrottsche Stiftung zu Kassel gibt ihm mit ihrem Zinsenerträgnis von einem Kapital von nahezu 53 000 Mark genügende Mittel hierzu an die Hand. Das Kuratorium besteht jetzt, aus den Herren: Alexander Fiorino, Vorsitzender: Amschel Alsberg, stellvertretender Vorsitzender; Kommerzienrat Georg Rosenzweig; Louis Mosbacher; Landrabbiner Dr. Doctor; Hugo Gotthelft; Oberlandesgerichtsrat Dr. Siegfried Sommer; Salomon Fröhlich Dr. jur. Friedrich Büding in Frankfurt a. M., und den Ehrenmüttern Frau Eugenie Wertheim, Frau Dr. Julie Prager, Frau Dr. Katia Margoulieff Büding in Frankfurt a. M. e. Köln, 8. August. Der vor kurzem hier verstorbene Herr Friedrich Drucker, der durch seine Wohltätigkeit und Opferwilligkeit während seines Lebens sich ein ehrendes Andenken bei den meisten Hilssvereinen unserer Gemeinde gesichert und in mehreren als werktätiges Vorstandsmitglied lange Jahre mit Eifer gewirkt hat, hat seine Fürsorge für seine Schützlinge auch durch letzwillige Verfügungen betätigt, während zugleich sein Sohn, Herr Amtsgerichtsrat Karl Drucker in pietätvoller Nacheiferung des sel. Vaters selbst noch bedeutende Geschenke hinzugefügt hat. Von den Institutionen unserer Gemeinde erhielten das Israel. Asyl für Kranke und Altersschwache 20000 Mark Legat und 5000 Mark Geschenk des Herrn Amtsgerichtsrats Drucker, das Israel. Lehrlingsheim 15000 und 3000 Mark, das Israel. Waisenstift 15000 und 3000 Mark, der Israel. Unterstützungsverein 10000 und 2000 Mark und eine ganze Reihe anderer Wohltätigkeits- und Humanitätsvereine gleichfalls ansehnliche Beträge. ■ ' — Koblenz, 4. August. Seinerzeit wurde gemeldet, daß seitens des Proviantamtes zu Koblenz der Bezug des Fleisches geschächteter Tiere fortan abgelehnt werde, weil das Schächten „festgestellter Maßen eine Tierquälerei" bedinge und daher „auf Anregung der Königlichen Regierung zu Koblenz für den Bereich der Militärverwaltung verboten worden sei". Im Hinblick auf die prinzipielle Bedeutung, welche dieser Verfügung, namentlich durch ihre Begründung, innewohnte, hat sich die „Freie Vereinigung" veranlaßt gesehen, sofort durch persönliche Vorstellungen und schriftliche Eingaben bei sämtlichen beteiligten Behörden gegen diese sachlich unberechtigte, die Gewissensfreiheit beeinträchtigende Disqualifikation einer jüdisch-religiösen Einrichtung Verwahrung einzulegen. Der Regierungspräsident zu Koblenz erklärte sofort mündlich und dann schriftlich, daß es ihm völlig fern liege, in dem ihm unterstellten. Verwaltungsbezirke die Befugnisse der jüdischen Bevölkerung in bezug auf das Schächten nach jüdischem Ritus zu beeinträchtigen oder eine Aufhebung der in dieser Beziehung geltenden Bestimmungen vorzubereiten. Nunmehr hat die Militär-Intendantur zu Koblenz dem gestellten Anträge stattgegeben und unter Zustimmung des Regierungspräsidenten, sowie nach eingeholter Genehmigung des Kriegsministeriums die beanstandete Verfügung aufgehoben. Gelsenkirchen, 3. August. Der Verein „JsraelitischesAltersheim in Westfalen" versendet seinen Bericht über das Geschäfts-, fahr 1907/1908. Während desselben traten 11 Pfleglinge neu in die Anstalt ein. Freiwillig schieden.3 Pfleglinge aus, 3 starben. Der Gesamtbestand beträgt gegenwärtig, 26 Insassen. Der Gesundheitszustand war im allgemeinen zufriedenstellend. Das Berichtsjahr verzeichnet insgesamt 8925 Kosttage. Mit Zuhilfenahme einiger Unnaer Glaubensgenossen wurde häufig Gottesdienst in der Synagoge abgehalten. Am 1. Dezember 1907 fand die übliche Chanukafeier statt, zu der insbesondere der Jüdische Frauenverein in Dortmund Geschenke und Geldbeträge gesammelt hatte. Rabbiner Dr. Jacob-Dortmund hielt die Festrede. Aus Anlaß derselben Feier spendeten Herr Bankier Siegfried Stern und Frau Berta Stern zu Dortmund als „Siegfried- und Berta Stern-Stiftung" den Betrag von 3000 Mark. Die Jahrzeitstiftungen betragen jetzt 15 300 Mark. Die Einnahmen betragen 29 573,55 Mark, denen Ausgaben im Betrage von 19 692,88 Mark gegenüberstehen. Der Vermögensbestand stellt sich aus 188 197,14 Mark. li. Frankfurt a. M., im August. Daß die Konfession nicht ohne Einfluß auf die Entstehung der Geisteskrankheiten ist, hat die Statistik nachgewiesen. Vielfach wurde beobachtet, daß bei den Katholiken relativ am wenigsten Geisteskrankheiten Vorkommen, bei den Israeliten am meisten, die protestantische Bevölkerung steht in der Mitte zwischen beiden. Eine interessante Zusammenstellung wurde jüngst aus der Frankfurter Irrenanstalt von Dr. Sichel veröffentlicht, die sich besonders auf die israelitische Bevölkerung bezieht. Es ist daraus zu entnehmen, daß in den letzten beiden Jahren die Israeliten 6,5 % sämtlicher Aufgenommenen bildeten, und zwar waren es beiden Männern 4,7 %, bei den Frauen 10,6%. Da die Frankfurter Juden 6,8% der ganzen Bevölkerung ausmachen, so entspricht auch die Zahl der aufgenommenen Juden ziemlich genau ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Erhebliche Unterschiede ergaben sich aber, wenn man die Art der Geisteskrankheit, weswegen die Aufnahmen erfolgten, ins Auge faßt. Während bei der nichtjüdischen Bevölkerung 320/0 sämtlicher Aufnahmen wegen auf Alkoholismus beruhender Geistesstörung erfolgten, war dies bei den Juden nur in 1,5 % der Fall. Auch wegen Epilepsie erfolgten Aufnahmen bei den Juden nur halbmal so häufig, wie bei der nichtjüdischen Bevölkerung. Dafür waren natürlich Geisteskrankheiten anderer Art um so häufiger bei den Juden vertreten. Mit den Strafgesetzen waren in Konflikt gekommen 14,8 % der Aufgenommenen bei den Juden, dagegen 42% bei der nichtjüdischen Bevölkerung. Auch das Geschlecht der Aüsgenommenen zeigte andere Zusammen-, setzung bei den Juden wie bei den Nichtjuden. Während bei ersteren unter 100 Aufgenommenen 510/0 Männer und 49 % Frauen waren, entfielen bei den aufgenomtnenen Nichtjuden auf 72 Männer nur 28 Frauen. Gefterntch-Nnsarm. HI Wien, 10. August. Die christlichsoziale Kommunalpolitik hat eine niederschmetternde Niederlage erlitten. In den Zeitungen, in den liberalen sowohl als in den christlichsozialen —' war davon freilich nichts zu lesen, aber Tatsachen werden auch nicht ungeschehen geryacht, wenn man sie totschweigt. Die Gemeinde Wien beschloß vor einiger Zeit, eine Anleibe von insgesamt 360 Millionen Kronen aufzunehmen, und Dr. Lueger liquidierte vor kurzem den ersten Teil der Schuld. Ein Konsortium von Wiener Banken, mit der Boden-Kredit-Anstalt und Herrn Ritter v. Taussig an der Spitze, übernahm um 200 Millionen Kronen' vierprozentige

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.