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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-14 · Heft 33 (14.8.1908) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 33 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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-Anleihen der Stadt Wien, von denen es 150 Millionen zur. öffentlichen Subskription auflegte. Für diese neue Anleihe wurde eine' Riesenreklame inszeniert, und man stellte sie als Prüfstein, für das Vertrauen hin, das die Luegersche Stadtverwaltung bei den großen und kleinen Kapitalbesitzern genißt. Allein der Tag der Subskription endete mit einem seit Dezennien nicht dagewesenen Fiasko.. Im ganzen wurden nur etwa 104 Millionen gezeichnet, von denen bloß. 76 Millionen in Sperrstücke vorgemerkt worden sind. Das solide Sparkapital beteiligte sich also bei einer Anleihe von 200 Millionen im ganzen mit dem dritten Teil des Betrages. Also das Mißtrauen in die christlich-soziale Herrschaft. ist bereits weit vorgeschritten. — Der Professor der Exportakademie Dr. Siegmund Feilbogen, dessen Affäre im Vatikan noch in Erinnerung steht, hat, wie seinerzeit,gemeldet, um seine Pensionierung ersucht. Diesem Ersuchen ist nunmehr Folge gegeben worden, und Professor Feilbogen wird im nächsten Semester keine Vorlesungen mehr abhalten. Damit ist die Affäre wohl definitiv abgetan. — Der vorige Woche in Baden verstorbene Gymnasial-Profeffor Dr. Süß hat für eine Reihe von gemeinnützigen Institutionen in Landskron, Prag, Wien und Baden namhafte Legate testiert, mit der Bestimmung, daß auf die Konfession der Nutznießer keine Rücksicht genommen werden, dürfe und daß „jede etwaige Verwendung der Gelder in antisemitischem Geiste zu unterbleiben hat". — Die philosophische Fakultät der. Universität Lemberg erläßt ein Preisausschreiben für die beste in. polnischer Sprache, verfaßte Arbeit über „die ökonomischen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den polnischen Ländern". — Herr Raph. Parnes in Lemberg hat zwei Stiftungen errichtet, die eine von 1000OO Kronen zur Verheiratung armer Bräute,, die andere von 200 O0O Kronen, aus deren Zinsen jährlich 20 arbeitsunfähige Greise mit je 400 Kronen bedacht werden sollen. Von Sah und ssern. — An der Berliner Universität ist Dr. Fritz Weigert, ein Sohn, des Stadtrats Dr. Max Weigert, als Privatdozent per philosophischen Fakultät für das Fachgebiet der Chemie zugelassen worden. Er hat am Sonnabend seine Antrittsvorlesunggehalten. — Am 9. d. M. ist hier nach schweren Leiden Frau Geh. Kommerzienrat Jenny Meyer Cohn geb. Heymann im 78. Lebensjahre gestorben. Sie war eine der edelsten und wohltätigsten Frauen unserer Gemeinde und eine glaubenstreue Jüdin. Ehre ihrem Andenken! — Auf dem schlesischen Bundesschießen, zu dem das antisemitische Tafellied gedichtet wurde, das wir in voriger Nummer zur Kenntnis unserer Leser brachten, wurde Bundeskönig der jüdische Kaufmann H er m a n n Krämer in Kattowitz. — In Oels ist am 3. d. M. der Arzt Dr. Georg Schüller nach langem Leiden gestorben. Derselbe war jahrelang Vorsteher der Repräsentantenversammlung daselbst. Ehre seinem Andenken! — Zum Direktor der Stiftungsschule in Hamburg von 1815 ist ein Glaubensgenosse, der bekannte namhafte Mathematiker Professor Dr. Max Kutnewskh gewählt und vom Senat bestätigt worden. — Herr Ludwig Langenbach aus München wurde zum Obersekretär am städtischen Schauspielhause in Hagen i. W. ernannt. — Der Geheime Kommerzienrat Ludwig Ritter von Gerngroß in Nürnberg wurde vom deutschen Kaiser und vom Prinz- . regenten von Bayern zum Mitglied des Verwaltnngsausschusses des kaiserlichen Germanischen Museums in Nürnberg ernannt. — In Mommenheim in Elsaß würden auf dem israelitischen Friedhof 41 Grabsteine mit Gewalt umgeworfen. Die israelitische Kultusgemeinde hat 100 Mark Belohnung für die Ergreifung des Täters festgesetzt. — Professor Dr. Paul Errera wurde zum Rektor der Universität in Brüssel gewählt. — Die Pariser „Acaddmie des Inscriptions et Belles-Lettres“ hat ihren diesjährigen Preis für das beste Werk über den Orient Moise Schwab für seine Arbeit „Hebräische Inschriften in Spanien" verliehen. Dieselbe Akademie hat auch dem Gelehrten Lazare Saineanu dem Institute de France für den Volneh-Preis (1400 Francs) für sein Werk „L’argot Ancien" (1455 bis 1850) vorgeschlagen. — Die Expedition nach dem Lande in Nordafrika, welches Israel Zangwill in seiner am 8. Dezember vorigen Jahres in Manchester gehaltenen, Aufsehen erregenden Rede als das zunächst ins Auge gefaßte „Jto-Land" be-. zeichnet hatte, ist im Aufträge der„Jewish Territorial Organisation" ■* bereits abgegangen. Die Expedition, an welcher auch einige Mitglieder des Jto-Rates teilnehmen, hat London dieser Tage verlassen.^ — Bei den olympischen) Spielen in London haben zwei Juden, beide aus Budapest, erste Preise errungen und zwar Eugen-Fuchs' im Fechten und Richard Weiß im-Ringen. — Ans dem deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle erhalten wir folgende Mitteilung : ®ie Alliance Isra&lite Universelle hat für die Feuerbeschädigten in Telsch i (Gouvernement Kowno) eine Unterstützung von 5000 Francs bewilligt. —: Wie die russische Zeitungen berichten, soll beim Zusammentritt der Re ichsduma im Oktober die erste Gesetzesvorlage über die Gleichberechtigung sein. — Polowzew, der im Verdacht steht, an dem-Morde des Abgeordneten Herzenstein in Terjoky (Finnland) teilgenommen zu..haben, wurde in Ketten gefesselt nach Wyborg transportiert. Wie die Zeitungen melden, soll er sich bis jetzt heimlich in Odessa aufgehalten haben. — Nach den neuesten statistischen Aufnahmen beläuft sich die Zahl der Warschauer Juden auf 265 122 unter einer Gesamtbevölkerung von 764 611 Seelen. — In der „heiligen Stadt" Kiew—der Mutter der russischen Städte, wie dieselbe im Volksmunde bezeichnet wird — fanden seitens der Verbandsleute blutige Ueberfälle auf ruhige Bürger statt. Mehrere Beamte, wie auch Juden, nämlich Mark Lebidinsky, Frank und andere Personen, wurden auf der Straße mißhandelt, und mußten medizinische Hilfe anrufen. Schöne Zustände in einer Universitätsstadt! — Das Kischinewer jüdische Krankenhaus delegierte den Oberarzt Dr. Sluzky nach Petersburg, damit er sich, bestrebe, aus der Fleischpacht eine bedeutende Summe zu bekommen, um das Hospital zu vergrößern. Außerdem soll er die Bewilligung nachsuchen, beim Krankenhause eine Schule für Feldschere nach, dem Muster der Petersburger, die den Namen des Generals Kaufmann trägt, zu eröffnen. — Ein schreckliches Unglück ereignete sich in.Kischinew. Als die Frau des dortigen Müllers Moses Feigel Eingemachtes ansertigte, fingen ihre Kleider plötzlich Feuer. Der- Wind faßte dasselbe. Die bedauernswerte Frau verbrannte lebend in Gegenwart der zusammengeeilten Nachbarn. — Der Justizminister Tscheglowitow, ernannte von sechs jüdischen Nechtsanwaltsgehilfen, auf Vorstellung bloß vier zu Rechtsanwälten am Petersburger Gerichtshöfe. — In der „Rußkaja Znamja" („Die russische Fahne") ist ein kurioses Telegramm der Moskauer Verbandsleute, vom Archimandriten Makary unterzeichnet, abgedruckt. Dasselbe begrüßt „das männliche und edle Vertreten Markows (des antisemitischen Deputierten) gegen den sich viel herausnehmenden Fremdling". Darunter wird der bekannte liberale Deputierte Pergament gemeint, der seit vielen Jahren schon der orthodoxen Kirche (Prawoslawny) angehört. Bekanntlich verteidigtderselbe stets die Interessen seiner früheren Glaubensgenossen. Das betreffende Telegramm schließt mit folgenden Worten: „Dasselbe wurde allen Ministern zugeschickt". Einen Kommentar hinzuzufügen, finden wir überflüssig. — Dieser Tage kehrte der Generalgouverneur Tolmatschew nebst Gemahlin aus Petersburg nach Odessa zurück. Letztere, die sich viel mit Wohltätigkeitsangelegenheiten beschäftigte, sagte unter anderem einem Mitarbeiter der lokalen Presse folgendes: „Man muß Sorge tragen, von den gesammelten Geldern auch den jüdischen Armenküchen zu geben. Denn der Hunger verschont-niemanden: sei es ein Christ, ein Jude oder irgendwelch ein anderer". — Vor kurzem starb in Odessa der Kaufmann G. Rauchwerger, der bedeutende Beträge für jüdische Wohltätigkeitsanstalten hinterließ. Aus seinem Testamente ist ersichtlich, wie sehr er sich für das Wohl seiner armen Glaubensgenossen lebhaft interessierte. — In Kiew fand eine Versammlung der Rabbiner des Kiewer Gouvernements statt. — Die einzige in Bulgarien (Rustschuk) erscheinende antisemitische Zeitung ist nach kurzem Dasein auf Anordnung der Regierung unterdrückt worden. — In Varna, ist von Dr. Zemach Rabbiner, ein Jnformationsbureau für jüdische Auswanderer errichtet worden. — Aus Buenos Aires kommt die Nachricht von dem Selbstmorde des Rabbiners A. Hoffmann, der seinem Leben durch Gift ein Ende gesetzt hat. Der junge, nicht unbegabte Gelehrte machte vor einigen Jahren von sich reden, als er sich als Leiter eines angeblichen Jnformationsbureaus für Ausw anderer mit Zuschriften und Zirkularen an die Oeffentlichkeit wandte.

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