Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72: Jahrgang. Nr. 33. Berlin, 14. August 1908. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums. lkorrrlpondenZkn und Kachrichtrn. Deutschland. ' s. Berlin, 12. August. Einer der besten und edelsten Männer unserer Gemeinde, Herr SiegfriedBrünn, feierte am 11. d. M.in säst jugendlicher Rüstigkeit und Frische den 70. Geburtstag. Durch seine nahen Beziehungen zu unserem verehrtesiScmitätsrat Dr. Neumann kam er früh in den Kreis jüdischer Interessen. Es darf zur Ehre des Jubilars heute gesagt werden, daß er sein Leben lang eifrig bemüht war, dem Vorbilde, das er stets vor Augen Hatte, zu entsprechen. Eine tiefe Begeisterung für das Judentum, ein warmes Interesse für dessen Wissenschaft und deren Träger, wie es heute leider nur selten noch zu finden, innige Teilnahme für alles Große, Gute, Schöne auf allen Gebieten der Kunst und des Wissens zeichnen diesen Mann aus, der es aber auch verstanden hat, dieser Begeisterung und Teilnahme beredten Ausdruck durch die Tat zu verleihen. Siegfried Brünn ist nicht nur wohltätig für Arme und Unglückliche; er hat auch seine lebhafte Teilnahme für die jüdische Wissenschaft stets in hervorragender Weise betätigt. Unser Jubilar ist ein überaus bescheidener Mann, und darum wollen wir hier nur kurz bemerken, daß es wahrlich nicht seine Schuld war, wenn mehrere Preisaufgaben aus den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft des Judentums, für die zu wiederholten Malen größere Summen ausgesetzt waren, nicht gelöst wurden. Dem Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunds, dem Ehrendienst der jüdischen Gemeinde, der Verwaltung verschiedener Vereine hat er, der vielbeschäftigte Seniorchef einer angesehenen Firma, außerdem seine Zeit und Kraft stets mit besonderem Eifer zur Verfügung gestellt. Möge es dem verehrten Manne noch lange beschieden sein, in ungetrübter Frische und Gesundheit Gutes zu tun und die Früchte seines gedeihlichen Wirkens zu schauen! 8. Berlin, 10. August. Anläßlich des zehnjährigen Todestags des Fürsten Bismarck wollten auch die Berliner Studenten eine Gedächtnisfeier veranstalten. Man plante eine große Kundgebung mit Fackelzug und Auffahrt am Bismarckdenkmal. Zu der Feier sollten möglichst alle Berliner Studenten herangezogen werden. Aber schon bei den Vorberatungen kam es zu dem üblichen Krach zwischen den farbentragenden Korporationen und den «schwarzen" Vereinen. Daraufhin machten die Herren von der „Couleur" eine eigene Feier und ließen die schwarzen Organisationen unter sich^ Diese wollten nun ebenfalls nicht zurückstehen und beschlossen, eine eigene Feier in Szene zu setzen. Die Vertreter von etwa 50.schwarzen Korporationen wurden zusammengetrommelt, und der antisemitische „Verein Deutscher Studenten" fühlte sich berufen, die Sache in die Hand zu nehmen. Der Erfolg war großartig. Bei dieser Führerschaft verzichtete die Mehrzahl der schwarzen Korporationen überhaupt auf eine Bismarckfeier. Ganze 21 Korporationen scharten sich um den V. D. St. und zogen unter dessen Anführung nach dem Bismarckdenkmal. Dieser Zug von 22 Wagen, machte die „große Kundgebung" der Berliner Studenten für Bismarck aus. Die Festrede hielt ein Herr vom V. D. St. Dieser Studierende der Landwirtschaftlichen Hochschule gehört also dem Verein Deutscher Studenten an der Universität an, denn an der Landwirtschaftlichen Hochschule gibt es keinen Verein Deutscher Stu denten. Nun ist aber den Korporationen an der Universität streng verboten, Studierende anderer Hochschulen aufzunehmen Verschiedene Vereine sind erst in letzter Zeit wegen Nichtbeachtung^ dieses Verbots aufgelöst worden. Der Verein Deutscher Studenten uarf sich aber über die Bestimmungen hinwegsetzen. Er ist. ja das Schoßkind der Universitätsbehörden. — Im Neuphilologischen Verein an der Universität, der dem Weimarer Kartellverbande neuphirologischer Vereine angehört, scheinen auch sonderbare Dinge vorzugehen.>Visher war er ein Gegner des antisemitischen Vereins Deutscher Studenten und bekämpfte ihn heftig bei den Lesehallenwahlen. Der Vorsitzende dieses,Neuphilologischen Vereins wurde sogar erster Vorsitzender der X Lesehalle, als die antisemitische Herrschaft im Jahre 1906 gestürzt wurde. Nun ist dieser Herr Plötzlich aus dem Verein ausgeschlossen worden, und der Verein selbst ist dem antisemitischen «Deutschen Verbände wissenschaftlicher Vereine" beigetreten, der dem Verein Deutscher Studenten treue Gefolgschaft leistet. Diesem Verbände gehören damit jetzt sechs Vereine an, neben dem Neuphilologischen noch der Akademisch- Pharmakognostische Verein, der Juristische Verein Teutonia, der Theologische Studentenverein, der Akademisch-Philologische Verein und der Akademische Verein für Mathematik und Physik. si. Charlottenbnrg, 7. August. Gestern verschied nach dreiwöchentlichem Krankenlager hier der Prediger vr. Isidor Blum im 61. Lebensjahre. Ein tragisches Geschick waltete über dem Leben dieses Mannes. Nachdem er lange Jahre hindurch sich vergeblich bemüht hatte, in einer der von Juden am dichtesten bewohnten Gegend der sich mit rapider Schnelligkeit ausbreitenden Stadt durch eine Synagoge ein Zentrum zu schaffen und er jetzt mit Aufbietung aller seiner Kräfte und Aufopferung seines ganzes Vermögens dieses Ziel erreicht hatte, ist er wenige Wochen vor der Weihe des von ihm errichteten Gotteshauses in die Ewigkeit eingegangen. Ein Leben voller Mühe und Verkennung, aber reich an Undank und Enttäuschung hat in dem Hause, in dem vr. Blum ein prachtvolles Eebethaus errichtet hatte, geendet. Es muß dem Toten nachgesagt werden, daß er sich in dem ihm mehr als ein Jahrzehnt, ohne jegliche Entschädigung geleiteten Religionsunterricht, der ihm vielen Undank einbrachte, nicht verbittern ließ, sondern - trotz aller schmerz, lichen Erfahrungen, unentwegt bemüht war, die jüdische Jugend im religiösen Geist zu erziehen. Und viele der galizischen Kinder hat er auch noch weiter unterrichtet, wenngleich es ihm nur selten gedankt wurde. Noch bevor er erkrankt war, beschlichen ihn Todesahnungen- Als die Gedächtnistafeln in der neuen Synagoge angebracht wurden, wandte er sich während Der Aufrichtung an seine neben ihm stehende Gattin, die ihn in seinem frommen Unternehmen eifrig unterstützte, mit den Worten:. „Wessen Name wird zuerst wohl aus diese Erinnerungstafel kommen? Ich glaube, es wird mein Name sein", setzte er wehmütig hinzu. So hat sich denn seine Ahnung erfüllt. Diejenigen aber, die da neben seinen menschlichen Schwächen die vielen edlen Eigenschaften, seine tiefe Frömmigkeit und seinen kindlichen Sinn gekannt haben, werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren. Hoffentlich wird die von ihm erbaute Synagoge auch in dem Geiste des Stifters ihren Zweck erfüllen und sein Name mit ihr verknüpft bleiben. Ehre seinem Andenken! Königsberg i. Pr., 4. August. Hier ist infolge eines Schlaganfalles der Landgerichtsrat Max Katschinskh plötzlich gestorben. Der Präsident, die Direktoren und Richter des Landgerichts, die Richter des Amtsgerichts, der Erste Staatsanwalt und die Staatsanwälte der Staatsanwaltschaft beim Landgericht, die Rechtsanwälte des Landgerichts und des Amtsgerichts widmen dem Heimgegangenen folgenden ehrenden Nachruf: „Wir stehen tiefbewegt an der Bahre dieses Verewigten. — Seit 1875 im Justizdienst, seit 1885 Richter in der Provinz Ostpreußen, endlich seit 1900 Mitglied des Landgerichts Königsberg i. Pr. hat sich Landgerichtsrat Katschinski stets durch feine reiche Begabung, einen rastlosen Fleiß, strenge, von mildem Sinne, und praktischem Blick geleitete Gerechtigkeit, durch seine Kollegialität und durch seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegen jedermann in hohem Maße ausgezeichnet und sich hierdurch unsere ungeteilte Liebe und Verehrung erworben. Sein Andenken wird bei uns dauernd in Ehren gehalten werden." Die Beerdigung fand auf Wunsch des Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhose in Breslau statt.. ff. Posen, 3. August. Aus Anlaß der Fertigstellung des Neubaues für das Amtsgericht Hierselbst ist dem Herrn Landesgerichtsrat Springer der Rote Adlerorden vierter Klasse verliehen worden. — Herr Rechtsanwalt Zulius Smoschewer beim Oberlandesgericht Hierselbst ist zum .Justizrat ernannt worden. — In Pleschen hat