Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 396 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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mir die Zukunft des Judentums höher steht älss'der'Sieg irgendeiner-. Partei- oder Richtung. > Obich -in der Lage sein werde, dev Mrn-. berger Konferenz im September beizuwohuen, weiß ich noch nicht. Wenn ich aber dabei mitrate, dann will ich Herrn S. F. ..das feierliche Versprechen geben, die orthodoxen Forderungen, soweit sie in der Theorie berechtigt und in .der Praxis durchführbar sind, ,mit aller Wärme zu vertreten. Herr S. F. ruft aus: „Mit Zeitungspolemiken macht man'keine Politik, die Taten müssen entscheiden." Ich stimme ihm ganz bei- Ich will zwar keine Politik machen und keine Feldzugspläne entwerfen; ich halte eine Politik, wo sie nicht hingehört, für kindlich und oft auch für schädlich. Aber — die Taten sollen entscheiden. Nur müssen diese Taten richtig geschildert sein. Daß es schon in den nächsten Monaten zu einer Revision des Judenedikts in Bayern kommen wird, glaube ich nicht. Kommt es aber dazu, dann hoffe ich bestimmt, daß die Majorität trotz der von der Orthodoxie verschuldeten Verstimmung ihre Friedensliebe bekunden und auch der Orthodoxie gerecht zu werden suchen wird. Herr S. F. findet es für richtig, auf die Tagesordnung des Laudesvereins vom 18. Mai d. I. mit besonderem Nachdruck hinzuweisen. Ich vermag in dieser Nürnberger Versammlung keine Verkümmerung der Rechte der Orthodoxie zu erblicken. Ich bin nicht mit allem einverstanden,' was da gesprochen worden ist, aber man hat der Orthodoxie von 18 Mandaten im Ausschuß zur Vorbereitung der Grundlage einer neuen Verfassung vier Mandate freimütig eingeräumt. Dazu kamen einige Männer, die sich zwar nicht orthodox nennen, der orthodoxen Richtung aber sehr nahe stehen. Das war gewiß demokratisch und entgegenkommend. Wenn der eine Vertrauensmann der Orthodoxie abgelehnt wurde, so geschah es nicht wegen seiner orthodoxen Gesinnung, sondern aus Motiven persönlicher Natur. Ich gestehe, ich hätte, um dem Prinzip der Selbstbestimmung gerecht zu werden, mit den Präsidenten von München und Nürnberg auch für diesen Herrn gestimmt. Aber in dieser Ablehnung eine geschlossene Phalanx von Kultnrkämpfern zu sehen, die auf ihre Macht pochen, ist arg übertrieben. Herr S. F., der soviel von Politik spricht, wird wohl wissen, daß es im politischen und kommunalen Leben oft vorkommt, daß man einer Partei eine gewisse Anzahl von Mandaten einräumt, gegen die eine oder die andere Person aber Bedenken hegt. Ich sage nicht, daß das der Gipfel der Gerechtigkeit und Vornehmheit ist, aber — tunt äs brüll pour uns omelette! Es gibt in Bayern wahrlich nicht zu viele radikale Reformer, und daß man nicht kulturkämpserisch gesinnt ist, — dafür sorgt schon der Jndifferentismus. Die bayerischen Juden müssen schon sehr gereizt werden, wenn sie sich zum Kampfe aufraffen. Eine geradezu unglaubliche Ungerechtigkeit ist es, von Ukasen und Gewaltmaßnahmen der jüdischen Verwaltung in München zu sprechen. Ich kenne in ganz Deutschland keinen Gemeindevorstand der friedfertiger und entgegenkommender als der Münchener wäre. Herr S. F., der ein eifriges, opferfreudiges Mitglied dieses Verwaltungskörpers ist, wird mir zugeben, daß bis zum — übrigens in der Oeffentlichkeit gänzlich einseitig dargestellten — vorjährigen Konfliktsobjekt in den letzten 15 Jahren die schönste Harmonie in München herrschte. Es ist in dieser ganzen Zeit auch nicht eine Handlung vorgekommen, die der Orthodoxie gerechten Anlaß zur Klage hätte bieten können. Alte, ehrwürdige Mitglieder der orthodoxen Gemeinde haben dieses dankbar anerkannt, und es ist ein offenes Geheimnis, daß viele Orthodoxe in München mit dem neuen „Feldzugsplan" durchaus'nicht einverstanden sind. Auf die eigentliche Frage des Religionsunterrichtes geht Herr S. F. nur mit einigen Worten ein. Er spricht von Lehrern, die die Spaltung des Schilfmeeres als fromme Legende und natürliche Folge von Ebbe und Flut vortragen. Ich weiß nicht, ob das hypothetisch gemeint ist, oder ob er einen wirklichen Vorgang im Auge hat. Mir wenigstens ist ein solcher Fall in Bayern unbekannt. Ich würde einen solchen Unterricht schon aus pädagogischen Gründen für verfehlt halten. Solange aber Herr S. F. nicht in der Lage ist wirkliche Mißstände im heutigen Unterricht auf den bayerischen Schulen zu nennen, halte ich seinen Feldzugsplan für unberechtigt und verhängnisvoll. Gewiß, sind nicht alle Lehrer orthodoxer Gesinnung, aber ich kann-mir wohl einen sehr modernen Lehrer denken, der in der Schule einen positiven Religionsunterricht erteilt,- der auch diese Mißgriffe bei der zuständigen. Instanz Klage geführtwerden. Die. Gesinnungsschnüffelei aber ist ebenso unjüdifch wie unschöm-^Vpr?7 läufig weiß Herr S. F. nur, daß aus der „südwestlichsten und der nordöstlichsten Ecke des Reiches" Klagen über einen radikalen Unter-. richt laut werden. .Wahrscheinlich werden sich auch diese Klagen bei näherer Untersuchung als arg übertrieben Herausstellen. Aber >7-7 h ier haben wir es mit B ayern zu tun, und hier in May erw kann Herr S. F. mit Tatsachen nicht dienen. Das steht fest-. Also ist und bleibt die Hereinziehung des Ministeriums in diese Angelegenheit ein Fehler, der der bayerischen Judenheit zum Schaden gereicht. Das allein habe ich behauptet, und durch alle Rhetorik kann diese Tatsache nicht erschüttert werden. Ich zweifle nicht darandaß Herr S. F. von der Gerechtigkeit seiner Sache überzeugt ist und ich wünschte, daß viele in Bayern mit einem so feurigen Idealismus und mit einer solchen treuen Hingabe für die Idee des'Judentums/ eintreten wie er. Wenn man aber die Interessen der Orthodoxie höher als die des Gesamtjudentums stellt, weil man die Orthodoxen für die alleinigen auserwählten echten Juden hält, wenn^man Maßregeln ergreift, um die Orthodoxie auf Kosten des Gesamtjudentums zu stärken, dann muß ich es vom Standpunkt der jüdischen Zukunft aufs tiefste bedauern. / Mein verehrter Gegner muß mich gänzlich falsch verstanden haben, wenn er meint, daß ich über den Unterricht in Mifchna und Talmud spöttle. Ich glaube, mich mehr mit diesen Dingen befaßt zu haben und mehr davon zu verstehen, als mancher orthodoxe Wortführer. Nur meine ich, daß man damit nicht prunken soll. Ich freue mich über die Verbreitung jüdischen Wissens und.ich wünsche, daß jeder Knabe möglichst viel von der jüdischen Religionsliteratur verstände. Ich behaupte nur, daß da, wo nur zwei bis drei Stunden wöchentlich für den Religionsunterricht zur Verfügung stehen, die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur wichtiger ist. Das wird mir jeder bestätigen, der etwas von Pädagogik versteht. Herr S. F. spricht sogar von der „intensiven Beschäftigung mit den halachischen Schätzen der Religionsliteratur". Wiederum ein sehr schönes Wort, aber — nur ein Wort. Eine gediegene Kenntnis des Talmud ist heute leider auch bei den Lehrern sehr selten, viel seltener natürlich noch bei Schulkindern. Die Orthodoxie bildet wahrlich darin keine Ausnahme, und ich kenne gar viele orthodoxe Mitglieder, die auch das Hebräische ohne Schwierigkeiten nicht zu lesen vermögen. Ich wünsche Herrn S. F. in seinen Bestrebungen, die Kenntnis des Judentums zu erweitern und zu vertiefen, die besten Erfolge, und auch jeder moderne Jude wird ihm gern darin helfen. Nur meine ich, daß dies auch ohne Durchkreuzung des obligatorischen Unterrichts möglich ist. Woeine Dispensierung tatsächlich begründet und geboten ist, da soll sie gewährt werden. Dazu sind weder Petitionen beim Ministerium, noch weniger eine Verhöhnung des öffentlichen Unterrichts nötig. Ich und mit mir die weitgehendste Majorität der bayerischen Judenheit wünschen keinen Kulturkampf im Judentum. Aufgabe der Gegenwart ist es, die Kräfte zu vereinigen und nicht sie im Parteikampse aufzureiben. Es gibt im Judentum wohl verschiedene Richtungen, aber keine feindlichen Parteien. Alle, die das Judentum lieben, streben demselben Ziele zu, nur auf anderen Wegen. Wie die Geschichte nach hundert Jahren über die heutigen Strömungen urteilen wird, das vermag niemand zu sagen — auch Herr S. F. nicht. Wir aber wollen bemüht sein, die Gegensätze zu mildern und nicht zu verschärfen und den Boden für gemeinsame Tätigkeit im Dienste des Judentums nicht zu untergraben. Eine Reform der jüdischen Verfassung in Bayern muß jeder Jude vom jüdischen wie vom liberalen Standpunkt aus mit Freuden begrüßen, nur wird auch dieses notwendige Werk nicht durch Drohungen mit „Donner und Blitz" gefördert. Dieser Fortschritt kann nur auf dem Wege gemeinsamer ernster Arbeit erlangt werden. München, 1. August. . . Hochachtend E. N. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Be-.antwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.'.