Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 395 (sequence 13)
- Language
- German
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vielleicht sogar ein integrierender Bestandteil der Kur und eine der zahlreichen Bedingungen guten Erfolgs derselben. ' Daß es trotzdem in Nauheim nicht an jüdischen Kurgästen fehlt, ist zwar sehr merkwürdig, doch aber wahr. Sie bilden freilichnicht eine so imposante Zahl, wie in den böhmischen Bädern, aber sie sind immerhin stark genug vertreten. Und warum sollten die Juden gerade nicht am Herzen leiden? Dafür hat die Menschheit seit Jahrhunderten schon gesorgt. So findet man denn auch hier Glaubensgenossen aus aller Herren Länder: reiche Amerikaner, spleenige Engländer, gemütliche Süddeutsche, skatspielende Norddeutsche und vor allem russische und Polnische Juden in großer Zahl. Nun sollte man eigentlich meinen, daß, wo diese weilen, es an jüdischem Witz nicht fehlen könne. Leider ist aber diese Meinung eine falsche. Haben sie sich dem Geiste des Kurorts so „assimiliert", oder haben ihnen die Pogrome und andere Leiden den Witz ausgetrieben — genug, sie sind hier ebenso still und langweilig wie die andern Kurgäste. Und ebenso vornehm, möchte ich fast sagen. Sowohl in' der Kleidung wie im Benehmen unterscheiden sie sich Vorteilhaft von den Peies- und Ehlat-Juden anderer Länder. Die „Karlsbader Idylle" würde hier gar nicht verstanden werden. Die Szenen an dem von ihnen so viel umlagerten „Felsenquell" wären hier ganz unmöglich. In Nauheim geht alles in bester Ordnung vor sich, und dieser fügen sich auch unsere westöstlichen Juden in geradezu musterhafter Weise. Sie sind so ordentlich, daß sie sich nicht einmal trauen, einen Witz zu machen. Und in dieser ebenso witzlosen wie schönen Umgebung soll.ich einen heiteren Badebrief schreiben? Un möglich. Außerdem leben wir ja in den „drei Wochen", und da soll man ja nicht lustig sein. Ich will also meine Harfe auf Trauer stimmen, wie es bei Jehuda Halewi heißt, und Ihnen von dem autochthonen Nauheimer Judentum erzählen. Dieses ist nämlich in jeder Beziehung autöchthon, das heißt, es kümmert sich so gut wie gar nicht um die p. t. Kurgäste. Es ist auch orthodox, und zwar, wie sich von selbst versteht, von der intransigenten Frankfurter Richtung. Die Synagoge ist sehr klein und hat kaum hundert Sitzplätze. Einem Christen, der sich darüber wunderte und fragte, wie alle die jüdischen Kurgäste da hineingingen, antwortete ein Einheimischer treffend: Wenn sie hineingingen, gingen sie nicht hinein, da sie aber nicht hineingehen, gehen sie hinein! Das ist gewiß sehr treffend — aber die.Schutd liegt nicht allein an den Kurgästen. Ich habe schon gesagt, daß man auf diese weder hinsichtlich der Zeit, noch in irgendeiner weiteren Beziehung die geringste Rücksicht nimmt. Am Sabbatmorgen zum Beispiel beginnt der Gottesdienst um 8 Uhr, wo sehr viele grade am Kurbrunnen ihre Sünden abbußen. Und dieser Gottesdienst ist leider auch nicht danach eingerichtet, daß von irgendeiner Erbauung die Rede sein könnte. So ungefähr hat man vor fünfzig Jahren bei uns in Loschitz „gedawent". Nicht einmal der schüchternste Versuch eines Chors, nicht die geringste Aenderung oder Kürzung in den Gebeten. Mit heiligem Eifer wird am Freitag abend die Abhandlung über Flachs, Navhtha, Brennöl und andere Beleuchtungsgegenstände „gebetet!" Mit wahrer Inbrunst wird am Sonnabend morgen das Heil und die Gesundheit der Rektoren der Hochschulen von Sura und Pumbeditha erfleht. Ein naiver Frommer müßte nach einem solchen Jekum purkan bei der Nachricht von ihrem Tode sich erheben und sprechen: Loruob öajan emes! Das ist aber kein Gottesdienst für moderne Kurgäste. Wenn ich an gndere Badeorte, vor allem an' Karlsbad denke und mich erinnere, welch tiefgehende Wirkungen dort Tempel, Predigt, Chor und Gebetordnung selbst aus fast dem synägogalen Leben entfremdete Gemüter ausüben, so erfaßt mich doch innige Trauer bei dem Gedanken, wie viel hier gefehlt und vernachlässigt wird. Man sammelt in Nauheim schon seit Jahren für eine neue Synagoge. Wird es dann besser werden, wenn diese einmal errichtet wird? Wir wollen es hoffenobzwar auch derartige Hoffnungen oft leider auf Sand gebaut sind. So erzählte mir hier der vortreffliche Prediger einerkleinen westfälischen Gemeinde, in der es nur am Sabbatmorgen möglich ist, das nötige Minijan zusammenzubringen, er habe nach der Einweihung der neuen Synagoge beim fröhlichen Festmahle seinem ersten Vorsteher den Vorschlag gemacht: „Nun wollen wir aber auch am Freitag abend Gottesdienst abhalten!" Worauf dieser ihm bestürzt erwiderte: „Nur keine Neuerungen, lieber Freund!" Soweit ist man in Westfalen, und hier sagt man noch Jekum purkan... Wenn der gute westfälische Vorsteher hierher käme und in die Synagoge ginge — was ja an sich sehr unwahrscheinlich ist — so würde er diese vermutlich für eine Reformsynagoge halten, weil keine Orgel darin ist. Ja, der Begriff der Neuerungen ist ein sehr verschieden aufgefaßter und unsere Glaubenseiferer sollten gerade aus diesem Exempel Duldung und Toleranz lernen. Je weniger aber das religiöse Judentum hier ein trostreiches Bild bietet, desto erfreulicher ist es, das zu betrachten, was auf dem Gebiet des praktischen Judentums in Nauheim geleistet wird. Ich meine vor allem die israelitische Kinderheilstätte, die in diesem Jahre fast 300 Kindern den Segen der hiesigen Heilquellen erschließt, und sodann das israelitische Frauenheim, das mehr als 50 herz- und rheumatismuskranken Frauen den Weg zur Heilung eröffnet. Diese beiden Institute versöhnen uns mit der landesüblichen Orthodoxie; sie zeigen uns auch den Weg, der zu friedlichem Zusammenwirken führen muß und wird. Wie schön ist doch der Midrasch zu dem Vers des Hohenliedes: „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach". „Ich schlafe — bei der Ausführung der Gesetzesvorschristen", aber „ich wache — bei der Erfüllung von Liebespflichten". Der alte Prediger hat die Juden besser gekannt als alle modernen Eiferer und Fanatiker. Am leichtesten ist ihr Herz zu fassen. Und deshalb sind auch so viele in Nauheim. Was mich persönlich betrifft, so verlasse ich das idyllische Nauheim mit -leidlich geflicktem Herzen. Aber meine Leser werden aus dieser traurigen Plauderei doch ersehen, daß dagegen mein zweites Gebet um „einen neuen Geist" leider unerhört geblieben ist. Womit ich die Ehre habe, zu zeichnen als Ihr ergebener G. K. i&m . ■' Sprrchlasl. Geehrter Herr Redakteur! err S. F. ist in seiner letzten Replik sehr liebenswürdig in der Form, aber — auf Kosten des Inhalts.- ' Etwas weniger Liebenswürdigkeit und mehr Objektivität wäre mir lieber. Er wünscht mir-mehr Einblick in die „realen Dinge". Ich kann ihn versichern, daß ich. aus den besten Quellen orientiert bin. Das „Ding an sich" ist freilich schon philosophisch schwer zu fassen, viel mehr noch praktisch. Es kommt darauf an, wie man die Dinge sieht und erfaßt. Der verehrte Herr S. F. scheint sich einen Röntgen - Apparat konstruiert zu haben, der bei der Beleuchtung nur orthodoxe Tugenden und neologe Fehler zeigt. Ich sehe die Erscheinungen anders,- vielleicht weil ich nüchterner und weniger Pathetisch beanlagt bin, vielleicht auch, weil