Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 394 (sequence 12)
- Language
- German
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seine Gegenwart auch dunkel, wird seine Zukunft doch glänzend sein. Beides ist uns vorher verkündigt worden und beides wird in Erfüllung gehen." Er sprach jedoch umsonst; er hätte eben so leicht einen Strahl des Sonnenlichts in das Dunkel der Nacht leiten können, als durch seinen Geist umstimmen das Gemüt seines Gefährten. So zogen die beiden ihres Weges fort. Die Reise war langwierig und beschwerlich, denn sie mußten Pfadlose Wälder und reißende Bergströme umgehen. Mit Schreck gewahrten sie, daß sie in der Zeit sich verrechnet, daß das hohe Passahfest, welches sie in Worms zu feiern gedachten, einige Tage früher Heranbrechen würde, ehe sie ihr Ziel erreichen konnten- Sie erinnerten sich jedoch an eine - Herberge, die im Besitz eines Glaubensbruders und nicht weit von ihrem Wege abseits gelegen war. Dort beschlossen sie zu verweilen, bis das Fest vorüber. Vier Tage hatten sie dort zugebracht, als ein Mann eiligst in den Hof stürzte, bedeckt mit Staub und Kot und so erschöpft, daß er kaum imstande war, die Schreckenskunde, die er überbrachte, zu erzählen. Wüten und Morden bedrohten wieder die unglücklichen Juden. „Am ersten Passah-Tage," so erzählte er, „als eben in Worms eine Prozession mit der Monstranz durch das Judenviertel zog, erhob sich das Geschrei, daß zwei Juden, welche aber sogleich verschwunden, die Hostie beschimpft hätten. Die gesamte jüdische Bevölkerung solle, ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht und Rang, ausgerottet werden, so die beiden Verbrecher nicht ausgeliefert würden. Sieben Tage waren den Unglücklichen gestattet, um über ihr Geschick zu beschließen. Ein nutzloser Aufschub, denn wer sollte eine Schuld bekennen, wo alle unschuldig waren! Die Tore der Stadt waren geschlossen, kein Jude durfte sich daraus entfernen, und nur mit höchster Gefahr seines Lebens war es dem Erzähler all dieses Schrecklichen gelungen, allein daraus zu entkommen." Arodis Züge wurden noch ernster und finsterer, da er dies hörte. Er hatte zwar weder Verwandten noch Freunde unter den Bedrohten, aber er fühlte nur wieder einmal den Fluch, der auf sein Volk gefallen und er brach in furchtbare Verwünschungen aus. „Nun sing' von Glück!" rief er, indem er sich zu Helon wandte, dessen wiewohl marmorbleiches Gesicht von einem Strahle seltsamer und wundervoller Schönheit leuchtete. „Nun sing' ein freudig Lied zum Gruß an die verwüstete Heimat und die gemordete Mutter. Du wolltest hoffen. Du wolltest fröhlich sein; — nun höre die Zornesstimme des gewaltigen Rächers!" „Ruhig, Arodi; sie werden gerettet werden." „Gerettet!" rief jener, „flehe zum rasenden Wolf, daß er schone das Lamm; zum hungrigen Löwen, daß er die Beute lasse." — Helon antwortete ihm in kurzen, leisen, aber so durchdringenden Worten, daß Arodi einige Schritte zurückwich, ihn anstarrte, als zweifelte er, ob er den Sinn auch recht verstanden. „Wie! — Du wolltest — Du könntest — wie! Allem entsagen?" Die Frage löste sich langsam von seinen Lippen, die kaum der Rede mächtig waren. „Ich entsage nicht — ich vertausche bloß für unvergängliche Schätze." * „Und Admah? Hast Du, o Helon, auch ihrer gedacht?" „Ich dachte an sie!" und das krampfhafte Zucken in Helons Gesicht und Körper sprach in der Tat mehr als genügend; doch fügte er nach minutenlangem Schweigen ruhig hinzu: „Um solchen Preis würde auch sie entsagen. Ihr Geist spricht in mir, und befiehlt mir zu tun, wozu es' meine Seele drängt.Was ist ' das Glück, des einzelnen gegen das Leben von Hunderten?" ' 1 Die Seele des ernsten, finstern Mannes war erschüttert Umsonst bekämpfte er seine Rührung.. Er fiel Helon um den Hals und brach schluchzend in die Worte aus: „Vergib mir, o vergib, mein Bruder! Ich schmähte-- verachtete Dich, und nun lerne ich meine Pflicht von Dir!, Befiehl mir, mein Bruder: wohin Du gehst, will auch ich gehen; was Du tust, will ich tun!" '■ _ .. .... Nur noch eine Nacht lag inzwischen, ehe der Tag anbrachan welchem das schreckliche Geschick der unglücklichen Juden zu Worms sich erfüllen sollte, dem sie mit dem dumpfen Schweigen äußerster Verzweiflung entgegensahen. — Die Festesfreude, welche die Passah-Feier auch in den finstern Zeiten der Verfolgung zu begleiten! pflegte, hatte sich in tiefste Trauer verwandelt. Auch nicht ein Schimmer menschlicher Hoffnung fiel in dieses grausige Dunkel. Gellte ja noch in ihren Ohren die Nachricht von dem gleichen Lose der Hunderte, ja der Tausende und Zehntausende ihrer Leidensbrüder! Er, bei dem allein Rettung zu finden, halte im Zorne das Antlitz von seinem betrübten Volke abgewendet! — Nur ein Trost war den Armen geblieben; und Mütter drückten ihre schuldlosen Säuglinge, und Gatten ihre Weiber fester an die Brust, in dem Bewußtsein und dem einen frohen Gedanken: daß keines von ihnen übrig bleiben werde, um die anderen zu beweinen daß sie alle — allesamt— vereint sterben sollten! Die Nacht kam heran, so mild und ruhig. — O, wer könnte beim Aufblick zum sternenfunkelnden Firmament, losgelöst im Geiste von diesem niederen Sein und gedenkend der zahllosen Welten, die im ungemessenen Raume kreisen, wer könnte da ohne Schauder sich erinnern an die riesige Wucht menschlicher Leidenschaften und menschlicher Schmerzen, die solch ein kleiner Winkel dieses Erdballs in sich birgt? Wer, der auch nur auf einen kurzen Augenblick in seiner Seele die Gewalt der Unendlichkeit zu empfinden vermag, wie sie in der feierlichen Geister stille der Nacht sich offenbart, könnte auf die Angelegenheiten dieser Erde zurückblicken, ohne zu schaudern über die schreckliche Unzahl von Grausamkeiten, welche von dem Menschenwurm hienieden verübt werden? (Schluß folgt.) Von der Seile. I. Bad Nauheim, im Juli a ich das Gebet des Psalmisten um „ein untadelig Herz" und „einen neuen Geist" leider so lange vergeblich gebetet, beschloß ich auf Geheiß des Arztes die kohlensäurereichste Thermalquelle Deutschlands aufzusuchen und fuhr kurzweg eines Tages quer durch den hessischen Antisemitismus nach diesem vielgenannten und ebenso gefürchteten Kurorte. Da sitze ich nun in Bad Nauheim und trinke und bade und habe Zeit genug, an die sonnigen Tage der Jugend zurückzudenken, wo ich in fröhlichem Uebermut in Karlsbad Mühlbrunnen trank oder auf den Höhen des Brenner schwitzte oder in fremden Landen gar nach jüdischen Witzen jagte. Das ist nun alles anders geworden. Hier gibt es keinen Uebermut, keine Jugend, keine Witze. Ich glaube, manche Aerzte würden hier am liebsten auch diese verbieten — wenn es ginge. Hier ist alles still und friedlich und lieblich und — langweilig. Aber diese Langeweile ist keineswegs störend; man findet sich bald