Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 393 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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'h-T- / däs^Charatterbild/des -gegeüwärtrgen" LrberälismW"sagens wie ' darüber,- was ich 'von seiner Entwicklung in:der Zukunft ersparte. Auch dabei muß ich mich äußerster Kürze" befleißigen und werde nur schwer deren Fehlern — der Unklarheit und dem Mißverständnis — mich entziehen können. |gU{ij|jggÖ/7 H klon. Ein Fragment aus Der jüdischen Geschichte. Nach dem Englischen der Miß Grace Aguilar. „Und kommt des Wiedersehens Stand'- Dann krönt das Glück der Liebe Bund!" ‘ I. waren die letzten Worte eines Liedes von Frühlings- und Liebesfreud und Hoffnung, welches mit lieblicher, wohlklingender, aber etwas gedämpfter Stimme ein junger Mann,, der unter dem Fenster eines düstern, altersgrauen Hauses stand, gesungen. — Die Sonne war eben ausgegangen und Erde und Himmel schienen in milde rosige Glut gebadet. Manche Blumen von köstlicher Gestalt und Farbe schmückten den frisch glänzenden, smaragdgrünen Rasen. Umsäumt von - grauen Felsen und dichtem, dunklen Gehölz lag das tiefblaue Gewässer des lieblichen Rheins, als wenn die früh wachen Morgengeister ein reiches goldglänzendes Gewand darüber gebreitet-hätten. Selbst der finstere Wald in weiter Ferne und das alte, ruinenartig aussehende Haus, — alles lachte im Glührot des Lichts, preisend die Wiedergeburt der Natur sowohl wie das Wiedererstehen des Tages. Denn der Frühling hatte sich seit einigen Tagen aus den Armen des Winters losgerissen; und Blumen und Vögel, Erde und Himmel hatten seine Geburt gleichsam mit einem Freudengejauchze begrüßt. Auffallend war jedoch die tiefe Verborgenheit und Abgeschlossenheit des Schauplatzes. Schlösser und Türme und Klöster, die sonst allenthalben, schon um jene Zeit, gegen das Ende des elften Jahrhunderts, die Ufer des Rheins schmückten — nichts von alldem war hier zu sehen. Nur das erwähnte alte Haus und einige dazu gehörige Räumlichkeiten außerhalb desselben. Es war dies eine jüdische Schule, eine Art Kollegium^ dessen Ursprung sich weit zurück in die Vergangenheit, in geheimnisvolles Dunkel verlor. Dank feiner verborgenen Lage hatte es sich ungestört erhalten, während sonst überall jede Schwelle einer Jsraelitenwohnung vom Blute getränkt Wörden- Jahrhunderte hindurch lebten hier ehrwürdige Lehrer des Gesetzes, tiefgelehrt in dessen Geheimnissen und treu den Vorschriften desselben; es wohnten da einige wenige jüdische Familien, welche die friedliche Verborgenheit der Gegend vorgezogen den Gefahren in den Städten, und endlich einige Jünglinge, die von besorgten Eltern hierher'gebracht worden, oder freiwillig kamen, um allda jene Wissenschaften zu erlernen, die sie befähigen sollten, entweder lebend ihren Glauben zu verherrlichen oder sterbend dessen Wahrheiten mit ihrem Blute zu besiegeln. Der junge Sänger, den wir gesehen, war auch seit seinem zehnten.Lebensjahre Zögling dieser Schule. Eben jetzt war er im Begriffe, nach Worms, seiner Geburtsstadt, zu ziehen, um seine verwitwete Mutter, von welcher er vierzehn Jahre entfernt gewesen, wieder zu sehen, ihren Segen zur Wahl einer Gattin — der Tochter eines seiner Lehrer — zu 'Hollen, dann aber , wieder zurückzükehren zu seiner Verlobten, und,' den Umständen gemäß, entweder hier in stiller Zurückgezogenheit, zu leben, oder anderswo seinen Wirkungskreis zu suchen/ - Er trug einen Ranzen auf dem Rücken, und als beim raschen Aufblick während seines Gesanges ihm der Hut vom Kopfe'herab gefallen, konnten wir eines jener Gesichter erkennen, welche/ einmal gesehen, sich unablöslich fest an unser Herz klammern. Es waren Züge von wundervoller Reinheit und geistigem Adel, ausdrucksfähig für jede freudige und erhebende Empfindung und ganz frei von jener Scheu und Furchtsamkeit, welche die öfteren Verfolgungen den Mienen und Blicken der Israeliten in den Städten ausgeprägt hatten. Als er sein Lied geendet, erschien auf einen Augenblick ein liebliches Gesicht am Fenster. Ein Lächeln, dessen sonnige Wärme kein Dichter zu glühend beschreiben könnte, ein zärtliches Schwenken der Hand, — und das Fenster war wieder verlassen. — Der junge Mann wendete sich ab, summte noch leise einige Verse seines Liedes, als sich ihm ein Gefährte zugesellte, den er zu erwarten schien; es war dies ein ungefähr um zehn Jahre älterer Mann mit so ernsten und finsteren Blicken, als hätte er jede weichere Regung in sich bekämpft und wirklich zum Schweigen gebracht. „Glück, Liebe, Hoffnung! Was haben solche Worte , im Munde des Juden für einen Sinn?" rief bitter der Neuangekommene.' „Wie, Du gehörst dem fluchbelasteten, heimatlosen Stamme an und wiegst dich singend in eitle Glücksträume? Kennst Du nicht das Geschick des Juden, wie es dem ernsten Mannesblick sich darstellt? Folter, Strick und Tod! Hast Du nicht davon gehört, daß auf diesem neuen Kriegszuge der. ...... — Nazaräer in diesem ihrem heiligen Kriege — das Sterbegeschrei der Niedergemetzelten Juden ihren Fußtritten folgt? Speier, Metz, Köln, Trier, Preßburg, Prag — frag dort nach dem Lose Israels, und sing', wenn Du's vermagst! Ja, selbst aus den freundlichen Fluten dieses Stromes, worin sie eher die Ruhe suchen als der Grausamkeit der Menschen erliegen wollten, wurden unsere Brüder ans bluttriefende Land gerissen und da erst hingeschlachtet! Frag den Strom nach dem Geschick jener Hunderte, die sich hineingestürzt, — und sing' von Freude und Glück!" »Ich weiß das alles, Arodi," lautete die ruhige Antwort, wiewohl die geröteten Wangen von der inneren Erregung zeugten, „ich weiß, daß der Jude nur solch Glück kennt, woraus er in jedem Augenblicke zu verzichten bereit sein muß, nur solche Hoffnung, deren Erfüllung nicht hienieden zu gewärtigen. Denkst Du aber, weil ich mit lieberfülltem Herzen im freudigen Sang einen Traum von Erdenglück hinhauchte, daß ich darum weniger fähig als Du, alle Freude, alle Lieb' und Hoffnung hinzugeben,'so es der Wille Gottes wäre?" „Unmöglich! Du liebst,' bist sreudenerfüM! Du hast Dir süße Träume gewoben, deren Vereitlung Dich in den Staub beugen würde. Menschliche Neigungen fesseln Deine Seele an die Erde. Wie kann sie Gott sich hingeben?" „Sie kann's eben um der Gnade willen, die Er mir hat zugeteilt; Segnungen, die so sehr mein Herz mit der Liebe zu ihm erfüllen, daß ich ohne Murren alles auf seinen Ruf hinopfern könnte." „So meinst Du nur jetzt; verhüte Pott, daß Du Deine Selbsttäuschung erkennst. — Mir . aber liegen Hoffnung und Freude so ferne, wie jene blaue Wölbung droben von der kalten Erde, auf welcher ich nur die Blutspuren meiner Brüder erblicke." ’ „So blicke denn aufwärts," antwortete Helon mit Wärme. „Warum sollte .es kein Glück für Israel mehr geben? Ist