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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-14 · Heft 33 (14.8.1908) · p. Seite 392

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 33 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 392 (sequence 10)
Language
German
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Zeit. Die äußere Verkörperung Änd die' Form) hie einer' .Periode der Unterdrückung folgten, durftender nicht gleichen, 'die: sich an einem Zeitraum der Freiheit anschloß. > .; Die Herzen der Leute schlugen damals hoch. Sie hofften auf-immer weiteren Fortschritt und konnten ja die Reaktion nicht voraussehen, die darauf folgen sollte. Das Judentum war eine Familienreligion gewesen, es war dann zur nationalen Religion geworden und nun sollte es sich anpassen, eine Weltreligion zu werden. Düs Judentum hatte in seiner rabbinischen Zeit sein eigenes Gesetz gehabt. Ohne dieses würde es auch nicht die lange Nacht der Verfolgung überlebt haßen. Nun aber war die Dämmerung eines neuen Morgens gekommen. Die Zwangsjacke des mündlichen wie des schriftlichen Gesetzes konnte in einen verborgenen Winkel gehängt werden. Denn was es an Hohem, was an Großem, an Wahrem und an Wesentlichem im Judentum gab, war ja doch der ethische Monotheismus der Propheten. Das Gesetz selbst war nur der Diener dieses Monotheismus. Der Geist Gottes offenbart sich aber nicht nur den Menschen einer einzigen Epoche. Sein Geist weilt auch unter uns. Und wenn wir Gedanken in die Tat umsetzen und erklären, daß dies oder jenes. Gesetz nicht beachtlich sei, daß es nur zeitlichen Wert habe, ja überhaupt nur auf Zeit berechnet sei, wenn wir aussondern, was für unser Zeitalter als absterbend nutzlos ist, wenn wir hier abziehen, dort hinzusetzen, wenn wir in unserer Zeit entwickeln, wie unsere Voreltern mit anderen Mitteln, zu anderem Zweck, es in der ihren taten, wenn auch wir danach streben, das Judentum aufrecht und stark zu erhalten und unserer Religion ein Gewand zu geben, das ihrem Wesen mehr entspricht, wenn wir in gleicher Weise Dogma wie Ritus von Schlacken befreien, wenn all dies wir uns angelegen sein lassen, dann tun wir es nicht aus bloßer Neuerungssucht, und wenn wir dabei darauf vertrauen, daß wir Richtiges erstreben, so können wir es deshalb, weil wir glauben, daß der leitende Geist Gottes in uns ebenso noch arbeitet und wirkt, wie er es bei den Werken unserer Voreltern getan hat. Es ist nicht der Wille Gottes, nach unserer Meinung, daß das Judentum untergehen soll, sondern daß es sich entwickeln und groß werden soll, groß an Reinheit und groß an Wahrheit. Aus diese Weise und von dieser Erwägung ausgehend, trat der Liberalismus ins Leben. Er versuchte das Wesentliche und Dauernde von dem Zufälligen und Zeitlichen zu scheiden. Der Versuch war kühn, aber durchaus notwendig. Er war schwierig, aber vollkommen gerechtfertigt. Nicht berechtigt war er, solange als man an die wörtliche Inspiration der Heiligen Schrift und an ihren mosaischen Ursprung glaubte, an ihre Vollendung durch Gott und an die autorative Unwandelbarkeit des Gesetzes im Pentateuch; er wurde berechtigt und notwendig, als man diesem Lotsen des orthodoxen Judentums nicht länger in dieser einfältigen und unerschütterlichen Festigkeit anhing. In diesem Werk der Trennung und Reinigung waren die leitenden Gesichtspunkte, dem rein religiösen Gedanken erweiterte Geltung zu verschaffen und ihn zum Weltgedanken zu machen. Was nun den Ritus und die Zeremonien anbetrifft, so wurden einige Reformer zu weit geführt. In ihrem glühenden Enthusiasmus vergaßen sie, daß für die meisten Menschen die Religion einer entsprechenden Zahl von Zeremonien und Ritualien nicht entraten kann, und ebenso vergaßen sie, daß derartige Zeremonien und Ritualien von mehr als einem Gesichtspunkte aus gehalten und gefeiert werden können. Und doch waren ihre Leitsätze, verständig. Sie versuchten das Judentum zu festigen — auf der theoretischen Seite. — hinsichtlich der An- Religionen verursachten, gegen das, was^ man heute^höherö Kritik der Religionen nennen würde. Und ebenso Bestrebten sie sich/ es, zu verschanzen gegen die. Angriffe,' aber auch in Uebereinstimmung mit den anerkannten Ergebnissen der Wissenschaft. ' .... -, ' ' Der ethische Monotheismus;der Propheten, die Lehre.des Judentums betreffend die. Beziehungen der Menschen zu Gott, die Lehre von der Vervollkommnung der Menschen, konnten und sollten an der Wahrheit oder -dem Irrtum der Wunder aus der Zeit' des -Pentateuch losgelöst und unabhängig gemacht worden. Die Reformatoren glaubten und rühmten es —' ich will über den Wert oder Unwert dieses : Stolzes nicht diskutieren — daß das Judentum weniger an Wunder gefesselt , sei und weniger an die tatsächlichen Angaben seiner Gesetze glaube, als es das Christentum tue. Das Judentum, sei, so lehrten sie, eine geschichtliche Religion. Es war zur Entstehung gelangtwurde und entwickelte sich weiter und würde sich auch noch weiter, entwickeln. Es war eine geschichtliche Religion auch in dem Sinne, daß es eine ruhmreiche und interessante Vergangenheit auswies. Nicht aber war es eine geschichtliche Religion in dem Sinne, daß eine seiner Lehren auf erzählten Wundern beruhte oder auf dem Vorkommen geschichtlich bekundeter Ereignisse; Es war eine geschichtliche Religion in dem Sinne, daß eine seiner Hauptanschauungen in dem bestand, was man den Glauben an ein Wirken Gottes in der Geschichte nennt und daß ein weiteres Dogma der Glaube an die Auserwählung Israels war, um ein vorhandenes religiöses Werk zum Wohle der Menschheit auszugestalten. Es war aber nicht eine geschichtliche Religion in dem Sinne, daß sein Glaube an die Auserlesung Israels darauf beruhte, daß Gott selbst „herabgestiegen" sei ' (oder was sonst für Worte gebraucht werden, um einen allgegenwärtigen Geist zu bezeichnen) unter Donner und Blitz auf einen Berg und mit eigener Stimme die zehn Gebote kundgetan habe. Und was die Verkörperung der Religion anbetrifft, so wünschten die liberalen Führer, sie dem Universalismus und der Reinheit der Lehren wert, zu machen an Gestalt wie Bestand. Sie hielten dafür, daß der Gottesdienst dem Wohle der Lehre zu dienen bestimmt sei und keinen davon unabhängigen und unverletzlichen, eigenen Wert repräsentiere. Er müsse — mit der der historischen Entwicklung und Eignung schuldigen Rücksicht (die allerdings nicht immer geübt wurde) — den Postulaten des Jahrhunderts und des Milieus angepaßt werden. In einem orientalischen Lande, da mag das, Judentum ein völlig orientalisches Gewand tragen. In den freien Ländern des Westens müsse dieses orientalische Gewand geändert und gewechselt werden. Okzidentales Judentum erfordert okzidentalen Werkdienst. Das Motto des Liberalismus war „Fortschritt und Entwicklung". Das, was das Judentum durch tausend Jahre erhalten hatte, konnte wohl geeignet sein, es jetzt zu vernichten. Seit Arnos und Jesaias gesprochen hatten, hatte das Judentum wohl Fortschritte und Gewinne zu verzeichnen gehabt, aber auch manche Verluste mußte es beklagen, manche Fehler bereuen. Zeit war/s drum zu reinigen, Schlacken abzustoßen, Zeit war's zu neuem Aufschwung. Und so traten sie mit geschwellten Segeln und warmemüberzeugungsfestem Glauben ihr heiliges Werk des Fortschritts, der Reinigung an? Mehr kann ich über die Geschichte der liberalen Bewegung unter den Juden nicht sagen,- darüber, wie er entstand, was er wirkte, wie er wurde und mit ihm die Juden in Deutschland, Amerika und England. Lassen Sie mich noch — wenn ich Sie nicht schon zu lange aufgehalten habe— ein paar Worte über

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