Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 391 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber Herr Kollege, wir .beide wollen bleiben, was wir find. Sie ein rechter Israelit, an dem kein Falsch ist, und ich will mich be' streben, ein guter Christ zu sein. Hier gehen unsere Wege auseinander, aber es gibt einen Vereinigungspunkt, wo wir uns immer wieder zusammenfinden werden, und dieser Punkt ist das Eine, was Not tut: daS ist die Liebe mit ihren herrlichen Früchten, der gegenseitigen Duldung und des konfessionellen Friedens. Das ist die Liebe und daS heilige Gebot, das ist die Liebe, des Herzens Erfüllung— das ist die Liebe, das Band der Vollkommenheit. O möchte dieses Band alle Bewohner unserer Stadt umschlingen, möge nie der Tag erscheinen, an dem der konfessionelle Friede in unserer Stadt gestört wird. Ich bin denn in guter Zuversicht, daß Sie, verehrte Anwesenden, diesem Wunsch gern Ihre Zustimmung mit einem feurigen Lebehoch erteilen werden." Große, ja schwärmerische Liebe hegte Formstecher für seine Vaterstadt, in der er ein langes Menschenalter hindurch lebte und wirkte und die ihn bei den verschiedensten Anlässen so außerordentlich auszeichnete. Bis in sein hohes Greisenalter hatte sich Formstecher die regste Teilnahme an allen Erscheinungen aus geistigen und kulturellen Gebieten bewahrt. Er war z. B. ein eifriges Mitglied aller Rabbmerversammlungen, und seine ebenso geistreichen wie gründlichen, aber stets versöhnlichen und freundlichen Ausführungen erweckten stets das lebhafteste Interesse. Nachdem er volle 57 Jahre an der Spitze der Ossenbachschen Israelitischen Gemeinde gestanden und bis zum letzten Augenblick sich vollster Gesundheit und seltener Rüstigkeit erfreut hatte, verblich er, wie schon gesagt, am 24. April 1889, nicht nur von seiner Vaterstadt, sondern weit über deren Grenzen hinaus allgemein betrauert. - Liberales Judentum. Ein Vortrag von Claude G. Montefiore. III. ie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war der günstigste Zeitraum für die ausgedehnteste Emanzipation der Juden. In Deutschland wie in England begegneten ihre Forderungen vollster Zustimmung und in Frankreich waren sie bereits vorher anerkannt worden. Stimmte doch das, was die Juden verlangten, vollkommen mit den Gedanken überein, die zurzeit die Welt bewegten. Jenes alte Gefühl der Verachtung, jene alte Art des Judenhasses starben aus; es herrschte bemerkenswerter Friede; der neue Antisemitismus war noch nicht geboren. Glauben Sie nicht, daß ich mit diesen Ausführungen meinen Weg verlassen habe. -Komme ich doch jetzt dazu, die Wirkungen dieser Emanzipation und dieses Kampfes um Emanzipation auf die Juden selbst zu untersuchen. Oder besser die religiösen Wirkungen und auch diese nur in einigen Ländern und in bestimmten Kreisen. In andern Ländern hingegen war die Wirkung eine zwar allmähliche, nichts destoweniger gut zu bemerkende und im Weiterwachsen begriffene Abkehrung der Juden von irgendwelcher Teilnahme oder Interesse an ihrer Religion. Da sie nicht mit den liberalen Gesamtanschauungen Schritt hielt, wandte man sich von ihr ab, und die Zahl der im festen Glauben auserzogenen und in diesem Sinne tätigen Anhänger des Judentums ward immer kleiner. In andern Ländern dagegen begannen einige Juden über die Beziehung zwischen ihrer Religwn und ihrer eigenen Emanzipation nachzusinnen. Sie gaben sich nicht damit, zufrieden, sie ein mittelalterliches, museumsreifes Kuriosum bleiben zu lassen, gut genug nur für Kinder und ungebildete Leute, als Institution grauer Vergangenheit. Sie wünschten sie sich als lebenden Glauben und als eine Religion in steter Wechselwirkung mit jeder einzelnen Regung und Bewegung ihres gesamten Lebens. Eine, wenn auch wunderbar erhaltene und konservierte Mumie, die man von Zeit zu Zeit hervorholte und zur Schau stellte, konnte diese Bedingungen nicht erfüllen. Sie waren — um ein Beispiel zu nehmen — Deutsche, und sie waren auch Juden. Sie waren deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. In allem fühlten sie sich mit ihren Landsleuten eins, in allem, mit Ausnahme der Religion. Denn das Judentum war eine Religion, und seine Gesetze.waren religiösen Inhalts. Wenn der deutsche Jude irgendwelche nationale Gesetze und Gebräuche kannte, denen zu gehorchen er verpflichtet war, so waren es die deutschen Gesetze und Sitten. Denn die Nation, der er angehörte, war die deutsche. Es kann niemand zwei Herren dienen, noch zwei Nationen angehören denen er beiden Anerkennung und Gehorsam zu ein und derselben Zeit schuldet. Und nun waren zweifellos viele jüdische Gesetze nationalen Inhalts. Und dies, obwohl sie ebenso zweifellos religiöse Gesetze waren,, und wenn sie immer noch befolgt wurden, und zwar streng befolgt wurden, es geschah im Hinblick auf ihren religiösen, nicht ihren nationalen Charakter- Das Schwergewicht lag vollkommen aus der religiösen Seite des Judentums. Ein religiöses Gesetz, ebenso eine solchs Sitte, eine solche Formel verschafften sich Geltung; ein nur nationales Gesetz, wie Sitte und Formel besaß diese Kraft nicht Das eine lebte und war mit Recht lebensfähig, das andere besaß nicht mehr die zwingende Kraft, im Leben eine Rolle zu spielen. Wie aber verhielten diese Bestrebungen sich zur übernatürlichen Offenbarung? Dem Liberalismus, der das fast instinktiv gewonnene Ergebnis der Emanzipation darstellte, kamen als Bundesgenosse die kritische und philosophische Betrachtungsweisen zu Hilfe, deren Erscheinung wir oben erwähnten. Jene, die die vollständige Theorie der Emanzipation mit einem unerschütterten Glauben an den Ursprung aus Moses, an die Vollendung durch Gott und an die Unveränderlichkeit des mosaischen Gesetzes verbanden, hatten damit zu tun, sich aus der Affäre mit Anstand zu ziehen. Zwar konnten sie sich sagen: „Jedes Gesetz, dem wir gehorchen, jeder Ritus, den wir anwenden, ist religiöses Gesetz, ist religiöser Ritus. Wir allerkennen überhaupt keinen anderen." Aber darüber hinaus konnten sie nicht gehen, noch können sie es je. Für sie kann eine weitere Berichtigung in ihren Anschauungen, eine weitere Entwicklung nicht stattfinden. Die anderen aber, die Jungen, die Liberalen, gingen doch darüber hinaus; sie gingen aus ihrer inneren Ueberzeugung heraus weiter, gleicherweise wie die Orthodoxen aus ihrer inneren Ueberzeugung Halt machen mußten. Die Liberalen verwirklichten den Gedanken, daß das Gesetz nicht in sich geschlossen, nicht homogen, mithin unabänderlich sei; daß es nicht „urmosaisch", nicht „nur göttlich" sei. Sie erkannten das Menschenwerk in ihm ebensogut, wie das Gottes. Sie fühlten die Notwendigkeit einer Religion, die in ihren Dogmen universal ist, es auch zu sein hinsichtlich ihres Ausdruckes, ihrer Formen. . Eine philosophische Auffassung vom Judentum begann sich bei ihnen auszubilden. Sie waren der Ansicht, daß jede Periode des Judentums ihr eigenes Recht erfordere. Das. Judentum hatte sich entwickelt, es entwickelt sich noch, und es würde es auch in Zukunft tun. Es hatte seine Bildungsperiode durchgemachh die Periode der Bibel war dann durch die rabbinische Zeit geschritten und stand jetzt wieder an der Schwelle, einer neuen