Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 390 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Wortes, der von der Kanzel herab die Herzens zu veredeln und die Geister aufzuklären suchte, gehörte der vor einem Jahrhundert, am 28. Juli 1808, in Offenbach a. M. geborene und dort im hohen,'Alter von 81 Jahren am 24. April 1889 gestorbene Dr. Salomon Formstecher. Unserm modernen Geschlecht ist er in erster Linie durch seine belletristischen Arbeiten, besonders aber durch seinen .1863 A erschienenen Familienroman: „Buchenstein und Cohnberg" bekannt; doch lag der Schwerpunkt seiner Tätigkeit nicht auf dem schöngeistigen Feldes sondern in seinen gründlichen, lichtvollen Forschungen auf dem Gebiete der Philosophie, Theologie, und Homiletik. Nicht minder bedeutungsvoll war seine Wirk- ' samkeit als praktischer Schulmann. Ein Lehrer von Beruf, mit außerordentlicher Begabung hat er so manche Arbeiten sür die Religionsschule herausgegeben, die von seinem praktischen Blick und seinem Verständnis für die Seele der Jugend Zeugnis geben. Allezeit war er geleitet von dem Worte Maleachis, Kap. 3, Vers 22, das er auch als Motto seiner — Gießen 1860 erschienenen — „Mosaischen Religionslehre" vorangesetzt: „Gedenket der Lehre Moses, meines Knechts, die ich befohlen habe am Horeb für ganz Israel, Gesetze und Rechte." Doch nicht allein als Gelehrter, Forscher, Prediger und Dichter, sondern auch als Mensch durch seine edlen, wahrhaft mustergültigen Eigenschaften verdient Salomon Formstecher, v daß wir ihm anläßlich des Säkulartages seiner Geburt eine Betrachtung widmen. Zum Theologen bestimmt, erhielt er schon frühzeitig einen gediegenen wissenschaftlichen Unterricht in den rabbinischen Wissenschaften, und seine seltenen geistigen Fähigkeiten kamen bald zur vollen Blüte. Allezeit erinnerte er sich dankbar , der Einwirkungen des väterlichen Hauses und der Unterweisung, die ihm von seinem Vater zuteil wurde. Als man in Offenbach a. M. anläßlich der Feier seines fünfzigjährigen .. Dienstjubiläums 1882 verschiedene Feste veranstaltete, sagte er in seiner in der Synagoge gehaltenen Dankrede unter anderem : „Wie könnte ich in dieser mich tief ergreifenden Stunde der Erinnerung aus meiner Vergangenheit mich erwehren, die einen Zeitraum von mehr als 70 Jahren umschließt, die in meinen Gedanken zurück bis in jenen umnebelten Horizont meines Daseins führt, wo , Dichtung und Wahrheit eng ineinander verschwimmen! Welche Lunten, verschieden schattierten Bilder zaubert diese Stunde jetzt vor mein inneres Auge! Hier in diesem Tempel betete einst mein teurer, ehrwürdiger Vater, dessen schützende Hand den kleinen Knaben hierherführte und am Schluffe der Andacht sich.segnend auf des Kindes Haupt legte. Hier flehte eine gar fromme Mutter so innig, so herzlich für das Wohl ihrer heißgeliebten Kinder, hier weilten eng verbundene Geschwister und Jugendgenossen, Freunde und teure Gönner. Wie lebhaft tauchen jetzt vor der Erinnerung die ehrwürdigen Gestalten der einstigen Lehrer auf mit ihren mahnenden Worten. Ernste, heitere und düstere Bilder ziehen vorüber im wechselvollen Kreislauf der W Zeiten... So wechselvoll, wie das irdische Leben in seinen heiteren und düsteren Erscheinungen, so wechselvoll sind die Bilder, die bei einem Rückblick in die Vergangenheit vpr der Erinnerung des Volkslehrers auftreten, und. in ihnen erkennt er die Freude, aber auch den hohen Ernst seines Berufes. Und wenn bei dem Streben zur Erfüllung dessen heiliger Pflichten der Allgütige mit dem erforderlichen geistigen und körperlichen Kraft uns gesegnet macht, dann erkennen und fühlen wir, daß der Dank nicht, uns gebührt, sondern Ihm, dem Ewigen, „welcher gütig ist gegen alle und dessen Barmherzigkeit sich erstreckt über seine Werke." Seine Universitäts- und rabbinischen Studien setzte er . 1827 in Gießen fort. Ueberdies widmete er sich mit großem Eifer philosophischen, philologischen und geschichtlichen Disziplinen. 1831 zum Doktor promoviert, kehrte er in seine Vaterstadt zurück und übernahm am 1. Oktober 1832 das Amt eines Predigers ünd'.Religiönslehters; ünd^zehn Jahredapäüft has eines Rabbiners.' Diese Stellung bekleidete er bis zu seinem Lebensende. Aufs tiefste von der Notwendigkeit durchdrungen, durch zeitgemäße Reformen das religiöse Interesse zu beleben und an Stelle veralteter und überlebter Einrichtungen neue und dem Zeitgeist besser entsprechende Institutionen ins Leben zu rufen, widmete er seine geistige Kraft zunächst der Umgestaltung des Gottesdienstes. Offenbach am Main war eine der ersten deutschen Städte, in deren Synagogen Orgel und Chorgesang, sowie Predigt und Konfirmation eingeführt wurden. Auch aus das Schulwesen übte er einen bedeutenden Einfluß aus, inderb er nicht nur selbst Religionsunterricht erteilte, sondern auch eine Nachhilfeanstalt für Realschüler leitete, in der er sehr gute Erfolge erzielte. Durch seine gemeinnützige, ersprießliche und ideale Wirksamkeit erwarb er sich nicht allein die Liebe seiner Gemeinde, sondern der ganzen Stadt und wurde von seinen Mitbürgern außerordentlich geschätzt. Welcher Beliebtheit er sich erfreute, bewies schon sein erwähntes 50 jähriges Amtsjubiläum, am 1. Oktober 1882. Es wurde ihm damals von der Stadt Offenbach das Ehrenbürgerrecht verliehen; der Verein für Naturkunde ernannte ihn zu seinem Ehrenmitglied und der Großherzog von Hessen verlieh ihm das Ritterkreuz erster Klasse des Ordens Philipps des Großmütigen. Die ganze Stadt nahm an seinem Jubelfest regsten Anteil und auch Frankfurt war bei demselben durch den Geheimen Justizrat Dr. jur. Fuld, den damaligen Vorsteher der israelitischen Gemeinde, und Ernst Rosenberg, Vorsitzender der „Loge zum Frankfurter Adler", vertreten. Die Festpredigt in der Synagoge hielt Dr. Julius Landsberger, Großherzoglicher, Landesrabbiner zu Darmstadt. Er zeichnete in ergreifenden, zu Herzen gehenden Worten den Lebensweg und das Wirken und Streben des Jubilars, in geistreicher Weise ausführend, daß der Gefeierte sich durch sein unermüdliches und gesegnetes Schaffen eine dreifache Krone errungen habe: die Krone der Wissenschaft, des Priestertums und der Herrschaft, in liebenden Worten zugleich der Werke Formstechers gedenkend. Nicht minder pries er sein heißes Streben nach Wissen und Wahrheit, nach Belehrung und Aufklärung. Noch höher als diese drei Kronen stellte der Redner die Krone des guten Namens, die er im vollsten und wahrsten Sinne des Wortes errungen, denn er sei geachtet und geehrt, nicht nur von seinen Glaubensgenossen, sondern auch von der ganzen Stadt, von der gesamten Bürgerschaft. Zu dieser Achtung und Liebe habe nicht zum geringsten Teil seine große Duldung beigetragen, die er gelehrt und gepredigt, und zwar in einer Zeit, wo der konfessionelle Haß oft so grell aufloderte und namentlich das Judentum in oft so ungerechter Weise angegriffen wurde. Am Nachmittag desselben Tages wurde dem Jubilar zu Ehren ein Festbankett arrangiert. Bezeichnend ist, daß auch der Vertreter der evangelischen Kirchengemeinde zu Offenbach, her Dekan Bonhard, den Jubilar und dessen Toleranz rühmend anerkannte. Aus seiner schönen Rede möge hier nur die nach- .... stehende Stelle mitgeteilt werden: „Es war vor langen Jahren, als ein hochangesehener Kollege unseres verehrten Herrn Jubilars, ein Oberrabbiner in Dresden, sein 50 jähriges Dienstjubiläum beging. Beim Festmahl feierte der Oberkonsistorialpräsident Dr. von Ammon in begeisternden Worten die hohen Tugenden des. Jubilars und schloß seinen Toast mit den Worten: „Dieser Mann verdient, ein Christ zu sein". Alsbald erhob sich der Jubilar, feierte in gleicher Weise die hohen Tugenden des Herrn Oberkonsistorialpräsidenten und schloß seinen Toast mit den Worten: „Dieser Mann verdient, ein Israelit zu sein". Nun,