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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-14 · Heft 33 (14.8.1908) · p. Seite 389

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 33 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 389 (sequence 7)
Language
German
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t;n der Agrarier uüdder Sozialdemokrat kamen in die StichwaM. Die Wiener LuegeriLner forderten nun ihre Genossen auf, dem -. sozialdemokratischen Genossen unter keiner Bedingung ihre Stimmen zu geben, und siegesbewußt sahen die Antisemiten von hüben-und drüben, das heißt die Christlich-Sozialen und Deutsch-Nationalen, der Wahl , entgegen. ' Aber siehe, es geschah nicht also, wie die jetzigen patentierten Herrgötter von Oesterreich es sich dachten. Der sozialdemokratische Kandidat drang durch, und nun großes Wehgeschrei darob, daß der 88. Sozialdemokrat ins Abgeordnetenhaus einzog und unter dem Jubel seiner Genoffen die Angelobung leistete. . * Es ist nun ein Schauspiel für Götter, zu sehen und zu hören, wie die antisemitischen Brüder untereinander sich streiten und sich gegenseitig die Schuld an dieser Niederlage in die etwas unreinlichen Schuhe, mit. Respekt, schieben. Mobile par fratrum! Ein edles Zeitungsbrüderpaar lebt da in unserer Reichshauptstadt. Da ist vor allem das „Deutsche Volksblatt", das Organ des mächtigen, „zaubergewaltigsen" Vergani. Es stellt gleichsam den linken Flügel der Antisemiten dar, .schillert manchmal, je nach Nutzen und Vorteil, national und wünscht die deutsche Gemeinbürgschast unter christlichsozialer Führung. Man ist national, man ist klerikal, wie man es eben braucht. Der zweite edle Bruder benamset sich „Reichspost", das Organ des „Piusvereins". Diese „Reichspost" wandelt nur im Dunkeln, ihr ist es nur in der Finsternis wohl, Schwarz ist ihre Farbe. Die beiden Brüderchen liegen sich, wenn sie nicht zufällig auf die Juden vereint losschlagen, in den Haaren, und boten dieses ergötzliche Schauspiel des Bruderkampfes auch anläßlich der soeben, stattgefundenen Wahl in Schlesien dar. Es nützte aber doch nichts, der Sozialdemokrat strich das Mandat ein. Wir Juden haben allerdings kejnen Grund, uns irgendwie für die sozialdemokratische Partei zu begeistern. Wenn wir nicht sehr irren, und wir irren nicht, machen wir mit dieser Partei dieselben Erfahrungen wie mit den selig im Herrn entschlafenen Liberalen. Die Sozialdemokraten lassen sich jüdisches Geld und jüdische Stimmen gefallen, dafür haben sie uns die Ehre angetan, ein neues Wort zu'erfinden, und ein solches neues Wort wirkt, um wieder Goethe zu zitieren, immer „tyrannisch"'. Freilich spricht der große Weimarer von „neuen Ideen". Aber an diesem Artikel sind selbst die Sozialdemokraten nicht allzu reich. Also, unsere Sozialdemokraten, und ihr Wiener Hauptorgan an der Spitze, leisteten sich das Wort vom „jüdischen Klerikalismus". Wenn der Jude in diesen schweren Zeiten sich seiner Haut wehrt — ist er klerikal. Spricht man von der Judenfrage — und diese kann doch unmöglich, höchstens von alles besser wissen Wollenden, und zu denen gehören auch die Herren Sozialdemokraten, geleugnet werden — ist man klerikal. Wir freilich können keine Vogel-Strauß-Politik treiben, die Köpfe in den Sand stecken und behaupten, der berühmte „Judenpunkt" existiere nicht. Wir wagen es vielmehr, trotz alles Hohngelächters, laut auszurufen: Um diesen Punkt dreht sich bei uns alles. Den Sozialdemokraten passiert in ihrem Kampfe, gege.n den „jüdischen Klerikal isrnus" ein eigentümlicher Lapsus, sie bezeichnen auch den jüdischen Nationalismus als „Kterikalismus", obgleich es doch bekannt ist, daß gerade die jüdisch-nationale Bewegung eine nur ökonomische sein und sich von der Religion oder, wenn man will, dem Klerikalismus lösen möchte. .Dabei ist gerade die österreichische Sozialdemokratie vom Nationalismus nicht' ganz frei, und scharfe Beobachter wollen erkannt haben, daß der tschechische und polnische Sozialdemokrat zunächst Tscheche und Pole, dann erst Interre. nationaler ist'Doch das mögen-die Herren untereinander ausmachen, wir .stören ihre Kreise nicht, bitten aber höflich r; und entschieden, uns gefälligst auch in Ruhe zu kaffen. ' Wie gehässig, das sozialdemokratische Wiener Hauptorgan bst gegen ± uns Juden vorgeht, konnte man in letzter Zeit oft wahrnehmen. Da veröffentlichte es ein Feuilleton über den .neuesten Roman von Arthur Schnitzler „Der Weg ins Freie". Dieser ohne Zweifel bedeutendste Vertreter der neuen, modernsten Literaturschule in Oesterreich hatte es gewagt, in seinem neuesten Werke „die Judenfrage" zu behandeln. Man höre nun, wie : der Kritikus des sozialdemokratischen Organs — er wird doch nicht am Ende gar selbst ein Judenstämmling sein, oder sollte } es sich doch so verhalten? — gegen dieses Wagnis Schnitzlers . loszieht. Man habe von ihm die Behandlung der großen Gefellschaftsfragen erwartet, und die Gesellschaft sei für ihn die — der Leopoldstadt. Für minder Eingeweihte bemerken S wir hier, daß dieser zweite Bezirk Wiens besonders dicht von 41 unseren Glaubensgenossen bewohnt wird. Und der Kritiker geht weiter. Wenn man schon Juden und nichts als Juden zu Helden eines Romans macht, warum sind sie alle so edel, so gut, so ideal? Warum werden die Wucherer, die Aussauger, die kapitalistischen Vampyre nicht geschildert? Ich denke, es kommt in der Romanliteratur auf die Erzählung und Schilderung, auf dieJnteresse erregende Charakterisierung hauptsächlich an; wo der Dichter sich seine Personen sucht, aus welchen - Gesellschaftsschichten er sich sie auswählt, das müssen wir und muß auch der 'Feuilletonist der „Arbeiter-Zeitung" gütigst dem v Dichter selbst überlassen. Ich dächte, gerade die neuere deutsche Literatur sei so reich an gehässigen Schilderungen von Juden und jüdischen Charakteren, daß es erfreulich ist, wenn ein hervorragender, aus jüdischem Stamm entsprossener Schriftsteller auch einmal etwas Gutes von uns zu sagen weiß. Gar so schlecht sind wir ja doch, nicht, und das meiste Nebel, an dem wir seit Jahrtausenden zu leiden haben, kommt von den Rene-; gaten her, die sich auch jetzt darob ärgern, wenn man auch - dem Juden sein Recht zuteil werden läßt. Wir fühlen uns : nicht berufen, Schnitzlers Roman zu loben oder zu tadeln, aber es dem Dichter zum Vorwurfe machen, daß er jüdisches. Milieu, jüdische Charaktere schildert, erscheint, uns — gelinde gesagt — eigentümlich, sehr eigentümlich. Natürlich blieb uns die richtige Bezeichnung für ein solches Vorgehen in der Feder stecken. Immer und immer wieder kommen wir darauf zurück, wie schlechten Händen, wie falschen Freunden wir unser Geschick \ anvertrauen, wenn wir nicht selbst darüber wachen. Es ist in letzter Beziehung manches in Oesterreich geschehen, lassen wir die Keime nicht verdorren und schreiten wir auf dem Wege der Tat „via facti“ weiter. Wir werden ja sehen, wie sich die E Verhältnisse in Oesterreich weiter eiüwickeln werden. An die Wand, drücken lassen sich die Juden nicht. So sehen wir denn zuversichtlich der kommenden Herbstsession des Reichsrats entgegen. Jetzt aber möge für kurze Zeit auch Ruhe in unsere Gemüter einkehren. IwrL / Lin deutscher Hekorm-Habdiner. Von Dr. Adolph Kohut. : ‘ ■ I. :■ >fu den verdienstvollsten Vorkämpfern auf dem Gebiete dev : t/ religiösen Reform, der in Wort und Schrift fast ein Menschenalter hindurch mit Begeisterung und innigster UebeiA . zeugung für ihre Ideale gestritten, sowtz zu den Meistern' des

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