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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-14 · Heft 33 (14.8.1908) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 33 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 388 (sequence 6)
Language
German
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MK 1t wenn dsie dritte Duma irur keine neuest Beschränkungen - der "Juden ' erlassen würde. Aus eine Frage des Korrespondenten über die Aeußerung vStolypins, daß die Regierung bereit sei, die Judenfrage in humaner Weisezu behandeln, äußerte sich Roditschew dahin, daß man die russische Regierung nur nach ihren Taten beurteilen dürfe und nicht nach den Versprechungen einzelner Minister, die nur mit Rücksicht auf die Meinung - des Auslandes abgegeben würden. Roditschew sieht also ziemlich pessimistisch in die Zukunft, was die Juden angeht, und man wird nuN abwarjen müssen, ob diese Zukunft ihm oder den hoffnungsvolleren Beurteilern der Lage recht geben wird. Daß. zurzeit die Situation wieder recht traurig ist und pessimistische Aeußerungen sehr erklärlich erscheinen läßt, muß allerdings zugegeben werden. Etwas spät kommt diesmal die übliche Meldung, daß die Juden auch in der Türkei die Urheber der politischen Umwälzung seien. Der bekannte Professor Theodor Schiemann hat die Entdeckung in der „Kreuzzeitung" gemacht. Herr Schiemann bespricht die neuesten Vorgänge in der Türkei und schreibt wörtlich: „Wir. finden also zwei Gruppen am Werk: die revolutionäre antidynastische, deren Wortführer zum Teil Armenier und Juden sind, und die eigentlichen Jungtürken, die, wie sich nachträglich her? äusstellt» in. der türkischen Armee unter den Offizieren überaus zahlreiche Anhänger hatten." Darauf erklärt nun Dr. Paul. Nathan, der die Verhältnisse im Orient etwas besser kennt als Herr Schiemann: ' „Man wird den guten Glauben des Herrn Professor Schiemann hinsichtlich der Behauptung, daß orientalische Juden als Führer der „antidynastischen" Bewegung in der Türkei in Betracht kommen, unter einer Voraussetzung nicht in Zweifel ziehen dürfen. Man braucht nur anzunehmen, daß Herr Professor Schiemann von den Zuständen und den Verhältnissen in der Türkei nicht die geringste sichere Kenntnis hat, und es scheint mir, daß auf diese mildernden Umstände zu plädieren ist. Denn auch nicht Armenier oder Jungtürken sind die vornehmsten Träger der Bewegung. Armenier und Jungtürken haben sich im letzten Augenblick angeschlossen, während die Führung bisher bei dem gebildeten liberalen, aber . keineswegs radikal gesinnten Offizierkorps geblieben ist, das ganz wesentlich seine modernen Anschauungen guter deutscher Unterweisungverdankt. Das alte Regime in der Türkei ist zusammengebrochen, weil der Sultan zur Verteidigung seines Reiches freilich gebildete Offiziere haben wollte. Aber er übersah dabei, daß gebildete Offiziere, die im modernen Sinne kriegstüchtig sind, nicht zugleich willenlose Werkzeuge einer bedenk lichen Palastregierung bleiben können. Was die Juden in der Türkei anbelangt, so glaube ich, daß nicht ein einziger in irgendeiner Beziehung die neuesten orientalischen Vorgänge beeinflußt hat. Das muß der Wahrheit gemäß festgestellt werden, obgleich es ja rühmlich wäre, Anteil an einer Bewegung zu haben, die auf die Regeneration des eigenen Vaterlandes abzielt und die im Interesse der Kultur unternommen worden ist. Die türkischen Juden betrachtete der Sultan aus zureichenden Gründen als völlig ungefährlich. Irgendwelche politischen Aspirationen lagen ihnen bisher gänzlich fern; sie waren leicht zu regieren, und dieser Erkenntnis entsprach es, daß der Sultan ihnen ein wohlmeinender Herrscher gewesen ist. Noch jüngst erwies sich dies bei einem Zwischenfall in Jaffa. Der dortige Kaimakan hatte sich antisemitische Ausschreitungen erlaubt, und auf ein Telegramm der Gemeinde an die Zentralbehördenwürde. . dieser Beainte sofort' abgesetzt' und zur Berichterstattung nach Konstantinopel berufen. Die orientalischen Juden, die streng religiös sind,- stehen politischem Radikalismus bisher völlig fern, und ich zweifle nicht, daß sie Anlehnung suchen werden an jene mohammedanischen Kreise, die den Staat modernisieren wollen, ohne die bestehenden Zustände umzustürzen, - und die vor allem, an die Person des Kalifen nicht rühren werden." , Von der Erhebung der Türkei zu einem Verfasfungsstaat wird auch die nicht unerhebliche Anzahl der Juden im Reiche des Padischah Nutzen ziehen, deren staatsbürgerliche Stellung bisher jeglicher festen Unterlage entbehrte. Sie haben nicht nur gemeinsamen Anteil an der Preßfreiheit und an dem' Versammlungs- und Petitionsrecht, auch die verfassungsmäßigen Garantien des Eigentums sowie die gleichmäßige und gesetzliche Verteilung der Steuern sind gerade für die Juden sehr wichtig. In dem Hati-Humajum, der am 2. d. M. veröffentlicht wurde, heißt es ausdrücklich: ,, Es sollen nicht Vertreter der einen und der anderen Klasse, sondern es sollen alle auf dem Boden vollständiger Gleichheit dev Gerechtigkeit teilhaftig werden.. Seit einiger Zeit sind, entgegen unserer Absicht, diese Grundsätze in gewissen Gebieten geschwächt worden, und während. die pflichtgemäßen Ausgaben, die der Verwaltung unseres Reiches im allgemeinen obliegen und der Verwaltungszweige im besonderen, in den Spezialgesetzen genau bestimmt sind, kann eine Anzahl dieser Aufgaben nicht in richtiger Weise erfüllt werden. Wie natürlich, hat dies Nachteile verursacht. Um das öffentliche Leben jetzt und in Zukunft zu sichern, wurde als dringend nötig erkannt, die Grundsätze des gemeinen Rechts und der der Re, giernng obliegenden Pflichten zu bekräftigen sowie gewisse Mängel in beiden Belangen zu ergänzen, wie folgt: 1. Alle unsere' Untertanen — gleichgültig welcher Rasse und welcher Religion sie angehören, — besitzen persönliche Freiheit und sind gleichen ihren Rechten und Pflichten an das Reich". Lnek aus Selterrrich. ■ Ende Juli. CaZie können nun alle auf Urlaub gehen: die Minister, Abgeordneten und großen Finanzmänner. Es ist nun „über allen Wipfeln Ruh", um mit dem alten, ewig jungen Goethe zu reden. — Bevor aber das Parlament den stark ersehnten Urlaub antrat, hat sich ein Ereignis in ihm vollzogen, das wie ein Blitz das Dunkel erhellte, in dem die Christlich- Sozialen so gern uns erhalten möchten. Wir meinen natürlich nicht die Demission des deutschen Landsmannnünisters, obwohl auch dieses Ereignis viel zu denken und zu reden gibt über die vielfach verschlungenen Verhältnisse, in denen sich Neu-Oesterreich befindet, über den schweren nationalen Kampf namentlich, den hierzulande die Deutschen zu kämpfen haben, welche die Juden aus ihrer Mitte bannten und nun schrittweise den Tschechen, sowohl in Böhmen als auch in Mähren, weichen müssen. Die Tatsache, aus die wir hier anspielen, ist bedeutsam genug. In einem schlesischen Wahlbezirke kam es nach dem Tode des ehemaligen Vizepräsidenten des Reichsrats, des strammen Antisemiten Kaiser, zur Wahl eines Abgeordneten. Drei Parteien standen einander gegenüber. Zunächst die der deutschen Agrarier, will sagen, deutsch-nationalen Antisemiten, dann die der Christlich-Sozialen, endlich die der Sozialdemokraten. Der Christlich-Soziale, obgleich gestützt von der mächtigen Olmützer Klerisei, unterlag im ersten. Wahlgange SU MM

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