Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 387 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bit Woche. Berlin, 12. August, ie konfessionelle Frage im Offizierkorps wurde vor wenigen ^Wochen lebhaft erörtert, als durch die Presse eine Notiz ging über einen Erlaß von höchster Stelle des Inhalts, daß bei der Offizierwahl keine Rücksicht zu nehmen sei auf die Konfession des Aspiranten. Diese Notiz ist von den Blätterxr verschiedener Parteirichtung in verschiedener Weise ausgedeutet worden, vielfach auch so, daß der Erlaß nur auf Christen verschiedenen Glaubens Bezug habe. Diese Deutung ist, wie die „Freis. Ztg." jetzt zu melden weiß, falsch! Gemeint ist, daß nicht bei der Auswahl der Offiziere Unterschiede gemacht werden sollen Zwischen Christen und Juden, sondern daß nur ausschlaggebend sein soll, ob die Aspiranten militärisch und nach ihren persönlichen Verhältnissen sür das Offizierkorps qualifiziert sind. Der Erlaß bewegt sich also zweifelsohne in der Richtung bürgerlicher Gleichberechtigung. In einem soeben publizierten „Wahlrechtsfragen" betitelten Aufsatze hat der vielgenannte Freiherr Octavio von Zedlitz und.Neukirch gesagt, daß die Freisinnigen durch die Hilfeleistung, zu der sie anläßlich der bevorstehenden Reichsfinanzreform . berufen sind, begründeten Anspruch darauf erworben hätten, in Preußen nicht länger als quantit£ negligeable behandelt zu werden. Man müsse ihnen deswegen in Preußen entgegenkommen. Es wird Sache eben dieser Liberalen sein, nunmehr die Stunde zu nützen, und klipp und klar mit der strikten Forderung der preußischen Regierung entgegenzutreten, daß der Armeeverwaltung im führenden deutschen Staate endlich der konfessionelle Zopf abgeschnitten wird, und die durch die Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung all er Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession bei der Formierung und dem Ersätze, sowohl des aktiven Offizierkorps sowie desjenigen des Beurlaubtenstandes endlich zur Durchführung gelangt. Die Zeiten sind ernst genug, um zu erfordern, daß durch eine solche Maßregel der allereinfachsten Gerechtigkeit dem Staatswesen in der Stunde der Gefahr die begeisterte Hingabe aller seiner waffenfähigen Söhne gesichert werde. * Von Interesse dürfte der folgende Bescheid des bayerischen Ministeriums des Aeußeren sein, in Angelegenheit der Pässe r deutscher Kaufleute jüdischen Glaubens bei, Geschäftsreisen nach Rußland. Er ist wiederum ein erfreuliches Symptom der wohlwollenden Gesinnung dieser Regierung sür unsere Glaubensgenossen. Vor kurzem wurde eine Eingabe an das Ministerium gemacht, worin die Bittsteller betonten, „daß die deutschen Paßformulare keine Rubrik für die Religionszugehörigkeit aufweisen und daß es daher eigentlich konsequent wäre, wenn die deutschen Verwaltungsbehörden es ablehnen würden, für die russische Regierung Recherchen bezüglich der Konfession des Reisenden zu pflegen, zumal dieser Vermerk der israelitischen Konfession, wie schon wiederholt in der Presse ausgeführt wurde, vielfach für die betreffenden Reisenden den Ausgangspunkt und den Vorwand für Schikanen und Drangsalierungen aller Art seitens untergeordneter russischer Polizeiorgane bildet." Darauf erfolgte nun der nachstehende Bescheid: München, den 1. August 1908. Das Königliche Staatsministerium des Königlichen Hauses und des Aeußeren hat veranlaßt, daß die Religionsangehörigkeit des Paßinhabers in den zur Reise nach Rußland bestimmten Pässen von den bayerischen Paßbehörden nicht angegeben wird. Hiervon werden Euer Hochwohlgeboren in Erwiderung auf die Eingabe vom 23. v. M. in Kenntnis gesetzt. Der der Eingabe beigesügt gewesene Reisepaß folgt zurück. I. A. gez. Seefried, Königlicher Ministerialrat. In Preußen besteht bekanntlich überhaupt eine andere Praxis und wird in den Pässen die Religion des Paßinhabers gar nicht vermerkt. Praktisch ist durch die Stellungnahme des' bayerischen Ministeriums auch nicht viel geholfen, weil das' russische Konsulat in München in Zukunft die Reisenden erst recht nach der Konfession inquirieren wird; aber wenigstens lehnt es die bayerische Regierung in Zukunft ab, mittelbar der russischen Negierung in ihrem Antisemitismus Schergendienste zu leisten, und dieser Erfolg ist immerhin ein nicht zu unterschätzender. * ' Die Fraktion der konstitutionellen Demokraten der russischen Reichsduma hat nach Schluß der ersten Session ihren Rechenschaftsbericht herausgegeben. Hinsichtlich ihrer Stellung zur Judenfrage äußert sie sich folgendermaßen: „Zur Iudensrage hat — unabhängig von der Fraktion — das Mitglied, Herr Nisselowitsch, wiederholt Stellung genommen. Die Fraktion als ganze hat sich in der Verteidigung der Juden gegen die Angriffe der Rechten mit aller Energie beteiligt, besonders wenn diese mit Vorschlägen, die Juden betr., wie z. B. wegen Ausschließung der Juden aus der Armee, hervortraten. Den Versuch des Mitglieds der Rechten, Zamislowski, einen solchen Antrag mit ziffernmäßigen Daten zu begründen, hat Pergament mit glänzendem Erfolge zerstört. Diese Rede war — darin stimmen alle überein — eine der gehaltvollsten und besten Reden, die in der dritten Duma gehalten wurden, und hat auch auf alle einen tiefen Eindruck gemacht. Zur selben Frage sprachen auch Roditschew und Friedmann. Was die Frage betrifft, ob eine selbständige Gesetzesvorlage, betreffend die Regelung der Judenfrage, jetzt in der Duma eingebracht werden solle, steht die kadettische Fraktion auf dem Standpunkte, daß bei der gegenwärtigen antisemitischen Stimmung der Duma- Majorität an eine gerechte Lösung der Judenfrage nicht gedacht werden könne! Selbst in der ersten „Platform", welche die Führer der Majorität in der Duma vor Eröffnung derselben durchführen wollten und nicht konnten — weil nicht alle sie akzeptieren wollten —.wurde bloß von Aufhebung der „überflüssigen Begrenzungen" gegenüber den Juden gesprochen und selbst dies' nur mit unklaren, halben Andeutungen zum Ausdruck gebracht." Da in den Zeitungen die Nachricht verbreitet wurde, daß Herr Nisselowitsch den Versuch gemacht habe, mit der Duma-Majorität diesbezüglich zu einem Uebereinkommen zu gelangen, mußte der Obmann der Fraktion, Miljukow, öffentlich erklären, daß die Fraktion diesen Unterhandlungen ferne steht. Gleichzeitig hiermit erklärte die Fraktion nochmals, daß laut dem Beschluß des Helsingforser Parteikongresses unsere Fraktion bereit ist, jede Bestrebung, welche nur irgendwie ernstlich mit dem Programm der Kadettenpartei übereinstimmt, mit allem Nachdrucke zu fördern." Ebenso hat sich der berühmte Kadettenführer Roditschew in einem Interview gegenüber dem Korresponden der hebräischen Tageszeitung „Hed-Hasman" (Wilna) über den Stand der Judenfrage in folgender Weise geäußert: „Ich halte die Aufrollung der Judenfrage in der Duma gegen-, wärtig nicht sür ratsam. Denn, wenn es sich nur um eine Demonstration handeln soll, so steht dieser natürlich an sich nichts im Wege. Aber meiner Meinung nach darf man eine solche Demonstration nur dann unternehmen, wenn man nichts zu verlieren hat. Die Lage der Juden könnte sich aber durch eine rein demonstrative Aufrollung der Judenfrage nur verschlechtern. Daß die Duma den Juden jetzt irgendwelche Verbesserungen bewilligen wird, ist nach Lage der Sache ausgeschlossen. Durch die Ablehnung aller judenfreundlichen Anträge würde aber gar mancher höhere und niedere Tschinownik, der bisher den Juden stillschweigend manches nachsah, erst zu strenger Anwendung aller gegen die Juden gerichteten Gesetze veranlaßt werden, und manche halb vergessene Verfügung, die den Juden das Leben sauer machen soll, würde von neuem ausgegraben werden. Ich persönlich würde schon sehr zufrieden sein,