Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 386 (sequence 4)
- Language
- German
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'E'- für das Schicksal der Nationen entscheidend : seien,' sie Ungestört ihren Geschäften nachgehen und Berechnungen über das Steigen und Fallen der Staatspapiere anstellen sehe. Monrad fragt-, ob die christlichen .Beamten unter solchen Verhältnissen unterließen, ihre Gehalte zu beziehen, ob die Bauern aushörten zu pflügen und zu säen, ob diejenigen, die Gelder in der Sparkasse hätten, auf sie wegen deren Ausbezahlung loszustürmen vergäßen, und erinnert an die große Krise vom Jahre 1848. Er erklärt es als im Interesse des Staates gelegen, daß die Bürger während großer Umwälzungen ihre Tätigkeit möglichst ungestört fortsetzten. Bischof Martensen hatte den Juden vorgeworfen, daß sie, „ein Gefühl ihrer Inferiorität" hegten, wenn diese auch von niemand anderem als von ihnen selbst anerkannt werde. Monrad antwortet: „Martensen macht darauf aufmerksam, daß die Juden ihre Nationalität als eine königliche betrachten, zu der alle anderen Nationalitäten in einer Art /Vasallenverhältnis zu stehen hätten. Ich Pflichte dieser jüdischen Anschauung bei, obgleich ich sie zum Teil auf andere Gründe stütze als die Juden." Und mit jener Mischung gesunden Menschenverstandes und bischöflicher Rechtgläubigkeit, die für Monrad bezeichnend ist, fährt er fort : durch .verscherzt habe, daß sie ihren berühmtesten Sohn kreuzigte. Zweifelt irgend 'wer daran, daß die. anderen Nationen ebenso gehandelt hätten? Reichten nicht die Griechen Sokrates Gift? Ermordeten die Römer nicht Cajus Julius Cäsar? Verbrannten die Franzosen nicht lebendig Jeänne d'Arc? Oder man denke an Italien und Böhmen. Welches Ende wurde Giordano Bruno und Johann Huß bereitet? Kein anderes als der Tod auf dem Scheiterhaufen! Doch Monrad hat auch auf diesen Einwand eine Antwort. Er schreibt: Man könnte vielleicht einräumen, daß die Juden das auserwählte Volk Gottes gewesen seien, dann aber fragen, ob sie nicht durch die Kreuzigung des Erlösers die Herrlichkeit verscherzt hätten und die Kinder der Verdammnis und des Zornes Gottes geworden wären. Lassen wir den Apostel Paulus diese Frage beantworten. Er schreibt in dem Briefe an die Römer: „Denn ich will Euch Brüder über dieses Geheimnis nicht in Unwissenheit lassen (damit Ihr nicht Euch selbst erhebet), daß die Blindheit einem Teile von Israel zuteil geworden, bis die Fülle der Heiden eingegangen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden. Sie sind zwar in Hinsicht des Evangeliums Feinde um Euretwillen; aber in Hinsicht der Auserwählung sind sie Lieblinge um der Väter willen; denn Gottes Gaben und Berufung gereuen Gott nicht. Das jüdische Volk ist nicht allein merkwürdig, es ist ganz und gar einzig dastehend. Die Juden sind in unserer Mitte und legen, nicht durch ihr Bekenntnis, wohl aber durch ihr Dasein, Zeugnis von der Wahrheit der Offenbarung ab. Man hat mir gesagt, daß Judenblut stärker sei als jedes andere Blut, daß in Mischehen der jüdische Volkstypus weit kräftiger durchschlage als jeder andere Volkstypus. Wenn man die geringe Zahl der Juden bedenkt, und dann erwägt, wie viele sich zu Einfluß und Bedeutung in der Gesellschaft emporringen, so kann man nicht umhin, die Ueberlegenheit der jüdischen Nationalität anzuerkennen. Denkt nur, wenn Dänemark zugrunde ginge, wenn die Dänen als Sklaven verkauft, und in der ganzen.Welt verstreut würden, wie lange würde es wohl währen, bis jede Spur der dänischen Nationalität verschwunden wäre? Aber über achtzehnhundert Jahre ist es jetzt her, seit Jerusalem eingenommen, der jüdische Staat vernichtet und die Juden in der ganzen Welt verstreut wurden, und noch heutigen Tages besteht die jüdische Nationalität. Ist daS nicht merkwürdig? Wenn wir das sehen, sehen wir nicht mit eigenen Augen ein Wunder? Monrad ist so davon betroffen, daß ihm eine natürliche Erklärung nicht genügt. Er fährt als der rechtgläubige Christ, der er ist, folgendermaßen fort: Woher kommt das? Weil die Juden das auserwählte Volk Gottes waren. Als der eingeborene Sohn Gottes sich mit Menfchennatur umkleidete, umkleidete er sich auch mit einer Nationalität. Mit welcher? Der jüdischen- Deshalb stellt sich die jüdische Nationalität so hoch, deshalb sage ich, daß sie mit Recht sich die königliche nennt. Christus sitzt zur Rechten des allmächtigen Vaters und lenkt die Welt, nicht allein als Gottes-, sondern auch als Menschensohn, nicht allein mit der göttlichen, sondern auch mit der menschlichen Natur- Wenn dem nun 1>o ist, daß die menschliche Natur, so rein sie sei, ein nationales Gepräge erhält, so nimmt die jüdische Nationalität tatsächlich an der Weltenlenkung teil, und alle anderen Nationalitäten stehen mithin in einem Vasallenverhältnis zu ihr. Denken wir minder Rechtgläubigen uns einen Augenblick, daß Jesus von einer.finnländischen Mutter oder einer norwegischen, einer jütländischen geboren worden wäre, kann sich jemand vorstellen, wie hoch den Finnen, Norwegern oder Jüten der Kamm geschwollen wäre? Keinem von ihnen hätte man nahen können. Der Erlöser der Welt ein Jütländer! Sind die Anhänger der jütländischen Bewegung auch so schon unverfroren,, wie wollten sie da die Nase in die Wolken stecken! Und man sage nicht, daß die jüdische Nation ihren Teil an der Lenkung des Sirius Orion und der Milchstraße da¬ Die Herausgeber der Zeitschrift „Der Leuchtturm" mögen daraus lernen, daß es zur Zeit des Bischofes Martensen einen andern und größern Bischof in Dänemark gab, dessen Denkweise von der seines Amtsbruders stark abwich und in besserer Uebereinstimmung mit den wirklichen Verhältnissen wie mit wahrem Christentume stand. Die Annahme liegt nahe, daß das moderne Finnland die im Lande lebenden Juden aus konfessionellen Gründen außerhalb des Gesetzes stellte. Die Finnen sind ja im großen und ganzen ein rechtgläubiges Volk, bei dem die Geistlichkeit sich großen Einfluß bewahrt hat. Indessen sagte man mir von den verschiedensten Seiten, konfessipnelle Gründe Hütten in diesem Falle nichts zu bedeuten. Die Ursache läge in anderem. Man fürchtete die Konkurrenz der Juden infolge ihrer Anlage zum Handel, falls man ihnen das Recht gäbe, unter gleichen Bedingungen den Wettbewerb mit den heimischen Landsleuten aufzunehmen. Dies läuft darauf hinaus, daß man sie für ihre vermutete Tüchtigkeit straft. Oder man gibt als Grund an, daß man, wofern den Juden freier Einlaß in Finnland gewährt wurde, eine Massen einwand erung aus Rußland zu befürchten hätte. Diese Furcht dürste grundlos sein. Die Eingewanderten würden sich aus der Armut rasch emporarbeiten und dann in der zweiten oder dritten Generation ein Kontingent von außerordentlich nützlichen Elementen zuführen. Doch dies ist nicht die Frage des Augenblicks. Die im Augenblick vorliegende Frage ist die, weshalb das finnische. Volk, das selbst unter harter Behandlung gelitten hat, selbst beständig gegen Unterdrückung protestiert und im ganzen ein freiheitliebendes Volk ist, keine menschlichen Verhältnisse der kleinen Schar von Menschen zugefteht, über deren Wohl und Wehe es für sein Teil der absolute Herr ist. Es klang recht wehmütig, als ein jüdischer Student, in Finnland geboren und großgezogen, mir sagte, daß nur unter Bobrikow, der keinen Unterschied machte, das Los der jüdischen Bevölkerung erträglich gewesen. Selbst Bobrikow war humaner als Finnlands Senat. Das finnische Volk sollte gegen andere handeln, wie es von anderen behandelt zu werden wünscht! .; ' °M8M>