Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- Seite 384 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Isaak aus der Stadt der Breslauer Landstraße zu und dankte inbrünstig seinem Gott, daß er dieser Anschuldigung, die bereits so vielen Hunderten seiner Glaubensbrüder das Leben gekostet habe, unversehrt entronnen sei. . \ , Er gedachte nun rasch zuzuschreiten, um die abermals verlorene Stunde einzuholen; aber er fühlte jetzt erst, daß sein Körper von den unausgesetzten Anstrengungen und Beängstigungen der laufenden Woche ungewöhnlich stark angegriffen worden, und es begann die. Sehnsucht nach der Sabbatruhe mächtig in ihm aufzusteigen. So schnell er konnte, durchzog er den Rest des heutigen Tages und während der ersten Hälfte des folgenden, des letzten der sechs Werktage, die an der Breslauer Chaussee gelegenen Dörfer und verkaufte reichlich mit mäßigem Gewinn. Um die sechste Nachmittagsstunde war er nur noch eine Meile von Breslau entfernt, aber nun mußte er beinahe eine Stunde lang ausruhen, weil die Füße ihm den ferneren Dienst versagten. Als er endlich weiter zu kommen versuchte, fuhr an ihm der Breslauer Kaufmann Israel Ephraim, aus dem Bade kommend, vorüber. Isaak winkte dem Kutscher, daß er einige Augenblicke anhalte, und näherte sich dem Kutschenschlag, bescheiden um Erlaubnis bittend, auf dem Bocke mitfahren zu dürfen, da der Sabbat mächtig heranrücke und er fast nicht mehr weiter könne. „Lieber Freund das geht nicht," antwortete ihm Ephraim, etwas unwillig über diese, Aufforderung, „es tut mir leid, aber es geht nicht." „Ach, laß doch den alten Mann aufsetzen," bat seine Gattin. „Mein Kind, das geht unmöglich" erwiderte ihr Ephraim, „mit solchem Bedienten fahre ich nicht. Die Kinder erwarten uns gewiß in Kleinburg und würden schöne Augen machen, wenn sie uns mit einem — Packjuden" flüsterte er ihr ins Ohr — „ankommen sähen'. . . Kutscher, fahr zu." „Es ist unrecht," sagte die Frau kopfschüttelnd — und der Wagen rollte davon. Isaak nahm nun einen letzten Anlauf. Er rief den Gedanken an die nahe Sabbatruhe sich vor den Sinn, und dieser goß neue Kraft durch seine Glieder. Es mochte nahe an acht Uhr sein, als er dicht vor der Stadt in der Ferne seine Esther mit dem kleinen Hannchen zu erkennen glaubte. Das Herz erweiterte sich ihm bei dem Gedanken an diese Vorboten seines häuslichen Friedens. Und er hatte sich nicht geirrt. Mit Inbrunst umarmten Vater und Kinder miteinander; mit Verlangen wünschte jeder Teil die wichtigsten Fragen von dem andern beantwortet, und drängte gleichwohl zu raschem Vorwärtsschreiten, da der Sabbat bereits angebrochen war und . die Liebenden daheim über das lange Ausbleiben sich ängstigen könnten. Auf die Promenaden hinüber glänzten die Lichter aus den Wohnungen der Glaubensgenossen, aus der Lissaer Synagoge, aus dem jüdischen Hospitale; auf der Antonienstraße ward auch schon hier und da ein Bekannter, vom Gottesdienst kommend, sichtbar, und Isaak eilte mit doppelt raschen, Schritten dem langersehnten Ziele seiner Wanderschaft zu. Ach, es tat ihm diesmal so not, im Kreise der Seinen Erfrischung - zu finden für die Entkräftung seines Körpers und Balsam für die Wunden seines Gemütes. Von den Fenstern seiner Wohnung herab winkten ihm die Seinigen ihren bangenden Gruß entgegen, und er war glücklich, auch sein krankes Weib unter den Grüßenden zu sehen. An der Tür seines Hauses kam ihm der in der Breslauer Gemeinde als Religionseiferer bekannte Jtzig Wandsbeck entgegen. „Was ist das?" sagte er zu dem Eintretenden, „seid Ihr nicht ein Kohen?" Isaak bejahte die Frage. „Da dürft Ihr ja nicht in das Haus hinein, nebenan ist ja Frankels Kind heute Nacht gestorben." Entsetzt wankte Isaak aus dem Hause zurück. Die. arme Esther, die diese Schreckensverkündüng mit angehört hatte, wollte über den zudringlichen „Seelenversorger", wie sie ihn nennen, ihren Aerger ausschütten, aber Isaak hielt ihr die Hand vor den Mund. Er übergab ihr sein Bündel und seinen Stock, grüßte Weib, Mutter, Kinder aus der Ferne imd ging am Sabbat der Tröstung eine Zuflucht zu suchen für seinen zu Tode entkräfteten Leib. Und am nächsten Morgen beim Frühgottesdienste siehst du einen bejahrten, freundlich milden Mann das Almemor besteigen. Mit dem Zipfel seines Betmantels bestreicht er den Anfang des Wochenabschnittes in der aufgerollten Thora und küßt die Stelle des Zipfels, die das göttliche Wort berührt hat. Und hierauf ruft er in die Versammlung mit feierlicher Stimme in der heiligen Sprache: „Lobet den Ewigen, den Gebenedeieten!" und die Versammlung erwidert: „Gelobt sei der Ewige, der Gebenedeiete in Ewigkeit." Und der Alte vor der Thora betet den Segensspruch: „Gelobt seiest du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns ausersehen hast aus allen Völkern und uns gegeben hast deine Lehre; gelobt sei'st du, Ewiger, Geber des Gesetzes." Der alte Betende ist der Hausierer David Jsaäk. Und einen solchen Mann wolltest du ferner verhöhnen und verfolgen? Sxrechssal. Hochgeehrter Herr Redakteur! n der Nummer 31 Ihrer geschätzten Zeitung befindet sich ein Artikel über die Versammlung des Verbandes jüdischer Lehrer für Posen und Westpreußen zu Bromberg. In diesem Artikel werde ich von dem Verfasser angegriffen, weil ich verabsäumt habe, den Lehrerverband in Bromberg zu begrüßen. Zur Richtigstellung bitte ich Sie in der nächsten Nummer Ihrer geschätzten Zeitung nachstehende Erklärung aufzunehmen. 1. Auf meinen Antrag haben die Gemeindebehörden in Bromberg beschlossen, durch eine Deputation den Lehrerverband zu begrüßen. 2. Dem Verbände ein Festessen zu geben. 3. Da ich am Versammlungstage in Bromberg nicht anwesend sein konnte, weil ich vorher zur Kur nach Karlsbad abgereist war, übernahm Herr Rabbiner Dr. Walter auf meinen Wunsch, den Verband in meinem Aufträge ju begrüßen und mein Bedauern zum Ausdruck zu bringen, daß ich verhindert bin, dies selbst zu tun. Das Gleiche geschah auch von meinen Herren Kollegen aus dem Synagvgenvorstand. 4. Sandte ich von unterwegs dem Vorstände ein Telegramm, worin ich mein Bedauern aussprach, daß es mir nicht vergönnt sei, die Herren Lehrer persönlich zu begrüßen, und den Verhandlungen den besten Erfolg wünschte. Da diese Tatsachen, wie ich überzeugt sein muß, dem Herrn Verfasser wohl bekannt waren, so überlasse ich es der öffentlichen Meinung, sich über diesen Angriff gegen mich ein Urteil zu bilden. Nehmen Sie die Versicherung meiner besonderen Hochachtung entgegen! Ihr ergebener Aronsohn. Mitglied des Hauses der Abgeordneten. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz In Berlin.