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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-07 · Heft 32 (7.8.1908) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
Seite 383 (sequence 13)
Language
German
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wohl fühlte, als er auf-offenem Felde sich das Zeugnis geben konnte, daß sein Leben mit dem Judentum zu innig verwachsen sei, als daß es ohne dasselbe möglich wäre.. Am nächsten (Donnerstag-Morgen befand sich Isaak bei Tagesanbruch bereits auf dem Marsche. Obgleich er von Ohlau aus sich fortwährend in südöstlicher Richtung gehalten hatte, um auf dem kürzesten Wege nach dem mehr östlich gelegenen, fünf Meilen von Breslau entfernten Städtchen Zobten zu gelangen, so war er doch am Donnerstag noch einige Meilen von demselben entfernt, und hatte zu befürchten, daß er bei größerer Säumnis nicht werde zum Sabbat nach Breslau zurückkommen können. Nach Zobten aber mußte er. Er hatte daselbst einen säumigen Schuldner, den Kleinkrämer Krause, der trotz dringender Erinnerungen an Zahlung nicht zu denken schien und dadurch Isaak in sehr große Verlegenheit brachte. — Nach einem starken Marsche und bei sehr geringem Aufenthalt in den zwischenliegenden Dorfschaften langte Isaak gegen Mittag in Zobten an. Krauses Laden befand sich in der Vorstadt. Als er in ihn trat, fand er niemand daselbst, vernahm aber aus der hinten anliegenden Wohnstube ein starkes Schelten. Es war Krauses Frau, die mit ihrer Schwiegermutter zankte, daß sie die ihr obliegenden Arbeiten so saumselig verrichte und sich umsonst füttern lasse. Ein Schwarm schmutziger Kinder sprang um die alte taube Frau herum, und schien sich, an ihrer Verlegenheit zu weiden. „Ihr kommt mir gerade recht, alter Schandfleck," begrüßte die keifende Frau den eintretenden Hausierer, „Ihr wollt Geld haben? Wir haben keins, abgemacht, packt Euch." Isaak fragte gelassen nach ihrem Mann. „Der schnarcht noch drinnen in guter Ruhe; hat sich gestern beim Kegelschieben vollgesoffen, heute liegt er wie ein Klotz und ist nicht zu erwecken." „Ich muß ihn wecken," sagte Isaak, „ich brauche das Geld notwendig." „Nun, wenn Ihr ein Paar Augen zuviel im Kopse habt, versuchtes. Aber zwei schlägt er Euch gewiß aus, wenn Ihr ihm zu nahe kommt." Isaak brauchte das Geld zu dringend, um sich vor der allerdings nicht unwahrscheinlichen Gefahr zurückzuziehen. Er ging in die Kammer und rüttelte den Schnarchenden. Aber nun begann Isaaks Not. Mann und Frau häuften einen solchen Schwall von Schimpfreden auf den Armen, daß dieser einsah, mit Milde sei hier nicht durchzukommen, und, nach einer ernsten Darlegung ihres undankbaren Benehmens, ihnen seinen Entschluß, um die schuldige Summe klagbar zu werden, kund tat. Kaum hatte er aber die Drohung der Klage ausgesprochen, so packte ihn Krause zornglühend an und warf ihn zum Laden hinaus. Der Vorwurf des Undankes und die Androhung einer Klage hatte Krause bei seiner Ehre verletzt. Er sann jetzt auf Rache: er wollte den unverschämten Juden verderben und dadurch zugleich sich seiner Schuld entledigen. 'Er dachte lange nach, konnte aber kein geeignetes Mittel finden. Dadurch noch mehr aufgereizt, ließ er die sämtlichen Hausgenossen seinen Zorn empfinden; der Laufbursche der eben jetzt von einem weiten Wege zurückkehrte, erhielt, er wußte nicht warum, eine tüchtige Tracht Prügel, und als er deshalb zu murren wagte, warf ihm Krause ein Brandweinglas, das er so eben gelehrt hatte' so heftig an den Kopf, daß es zerbrach, und der Knabe an Stirn und Gesicht fürchterlich blutete. Wie wenn ihm jetzt ein glücklicher Gedanke durch den Kopf gegangen, blickte Krause in freudiger Hast umher, schaffte die Glasstückchen beiseite und sprach mit dem Blutenden im Geheimen längere Zeit. Hierauf rannte er mit ihm auf die Straße und erhob ein furchtbares Geschrei, in das der Bursche heulend einstimmte. „Der Jude Isaak hat meinen Kaspar an einen Klotz gebunden und ihn mit einem langen Messer an drei Stellen angezapft und das Blut in einer großen Flasche aufgefangen," so schrie er in einem fort durch die lange Straße in der Vorstadt. Und es erfolgte auf sein Schreien, was in viel größeren Städten als Zobten und unter viel gebildeteren Leuten als Krauses Nachbarn noch im gefeierten Gutenberg-Jahre achtzehnhundertundvierzig erfolgt ist. Tie Alten und die Jungen und die Verständigen und die Dummen steckten die Köpfe zusammen und sagten.: „Herr Jesus, nee, das ist doch schrecklich." Und alsbald mischte sich auch der Schulmeister in die aufgeregte Menge und lehrte mit gewichtiger Miene, daß das Gebot vom Christenblut im Talmud stehe, daß aber die Juden aus Furcht es ausgelöscht hätten, und daß es darum recht sei, wenn man sich absondere von dieser blutdürstigen Nation. Während nun ein Teil der wachsenden Volksmenge den mit Blut überdeckten Knaben und seinen natürlichen Beschützer zur Wohnung des Polizeibeamten begleitete, war ein anderer Teil dem Juden nachgesetzt und brachte ihn nunmehr unter fürchterlichen Verwünschungen und Flüchen ebendahin. Nur der Schutz eines Sergeanten vermochte körperliche Verletzungen von ihm abzuwehren. Der rechtliche, aber etwas furchtsame Polizeibeamte stellte dem in die Amtsstube eingedrungenen Volkshaufen vor, daß eine ähnliche Geschichte vor nicht langer Zeit in der „Schlesischen Zeitung" aus dem Posenschen berichtet worden sei, sich aber hinterher völlig grundlos ergeben habe. „Der Krause ist ein rechtlicher Bürger in Zobten, und der Schulmeister sagt auch, daß es wahr ist," wandte die Menge wiederholt ein und drang auf die strengste Bestrafun des Verbrechens. Jetzt wurde der Knabe verhört und gab genau dasselbe an, was Krause dein Publikum mitgeteilt hatte; aber der nun befragte Jude erklärte die Aussage für erlogen, er habe den Knaben niemals gesehen, noch weniger ihm Blut abgezapft, was die ärgste Sünde in seiner Religion wäre; sehr wahrscheinlich wolle der ihm schwer verschuldete Ankläger sich auf diese Weise seiner entledigen. Ein lautes Murren lief durch die Menge ob dieses schändlichen, durch nichts bewiesenen Verdachtes gegen den braven Krause. Der Polizeibeamte ließ jetzt durch den inzwischen herbeigeholten Phyfikus die Wunden des Knaben untersuchen, und siehe, die tiefeingehende Sonde brachte mehrere Glassplitter hervor. Das gab der Sache eine andere Wendung. Der Knabe, über diese Splitter befragt, stotterte, fing heftig zu weinen an, und als der Beamte ihm Mut zugesprochen, daß er ohne Furcht die Wahrheit gestehen könne, berichtete er denn, daß sein Herr ihm im heftigen Zorn ein Brandweinglas ins Gesicht geworfen, bald darauf aber ihm gütlich zugeredet und ein nagelneues Habit versprochen habe, wenn er die Schuld der Blutung auf einen alten Juden, der eben dagewesen sei, schiebe. Als den Ort, wohin die zerbrochenen Glasstücke gebracht worden seien, bezeichnete der deshalb befragte Knabe die unterste Schublade der Kommode in Krauses Wohnstube. Auf diesen Gang der Verhandlung .war Krause nicht vorbereitet, er verwickelte sich daher in Widersprüche, welche die Lügenhaftigheit seiner früheren Beschuldigung klar herausstellten. Die herbeigeschafften Glasstücke, die an der vom Laufburschen angegebenen Stelle gesunden wurden, beendigten die hochnotpeinliche Untersuchung. Die Menge entfernte sich kleinlaut und unbefriedigt; ein Teil glaubte sogar zu wissen, daß au der Milde des Polizeibeamten seine Frau schuld sei, deren Vater, wie das Gerücht ginge, ein Namslauer Jude gewesen sein sollte. Nachdem die Menge sich verlaufen hatte, ging

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