Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- Seite 381 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Liebstes genommen, und der stumpf dahinbrütenden Trauer des einen Mädchens, dessen Gefährtin von der Alten getröstet wird. Der Gegensatz der schwarzgekleideten, düster blickenden Menschen gegen die schreiend rote Tapete des Zimmers, das ihre Klagen erfüllen, erhöht noch die eindringliche Wirkung des Bildes. Max Liebermann, dessen Schaffen einen Brennpunkt im künstlerischen Leben der Zeit bildet, dem die Jahre nichts von seinem Glanze nehmen können, hat in der Sezession neben drei meisterhaften Porträts, Schöpfungen einer großen, gereiften Kunst, seine dem Magdeburger Museum gehörende „Judengasse in Amsterdam" ausgestellt. Hier fesselt üppiges, von feinen Lichtern umspieltes, malerisches Leben und die natürlich und frei entwickelte Räumlichkeit den Blick; es ist ein Musterbeispiel impressionistisch farblich konzentrierter Kunst. Mit erstaunlicher Sicherheit ist das bunte Gewimmel der Händler und Käufer, der Wagen und Waren, der Läden und offenen Stände in der sonnenbeschienenen, engen Gasse wiedergegeben. Gar viele der jüngeren Künstler stehen, wie man bei einem Rundgange durch den Kunsttempel am Kurfürstendamm bald gewahr wird, im Banne der künstlerischen Persönlichkeit Liebermanns. Ein Stilleben eigener Art hat sich ein polnischer Malerzum Vorwurf eines kleinen aber höchst anziehenden Bildchens genommen, welches das Innere der alten Synagoge in Pintschow, einem kleinen russisch-polnischen Städtchen, darstellt. Die Zeichnung und Farbengebung des Almemors, der heiligen Lade mit ihrer bunten Decke, selbst der schlichten Betpulte, verrät ein liebevolles Eingehen aus die Details. Ein alter Jude mit einem Leuchter in der Hand, der echte Typus eines polnischen Schammes, ein kleines verwittertes Männchen, dessen rötlich schimmernde Nase auf eine gar fleißige Beschäftigung mit der Alkoholfrage hindeutet, hantiert an der geweihten Stätte. Gleich im Park vor der Großen Kunstausstellung begrüßen uns zwei sympathische Bildwerke: Hugo Beerwalds Entwurf zu einem Denkmal für die Großherzogiu Alexandrine von Mecklenburg, die Schwester Kaiser Wilhelms I., und Stanislaus Cohns Brunnenmodelle. Die Statue der alten Dame, in der Tracht der Fünfzigerjahre, mit ihren milden, klugen, scharfgeschnittenen Zügen zeugt von einer seltenen Kunstfertigkeit. Im Skulpturensaale hat Artur Lewin-Funcke die Marmorgruppe einer ihr Kind herzenden Mutter ausgestellt, ein hohes Lied der Mutterliebe, in seiner Verinnerlichung des alltäglichen Stoffes und der feinen Eigenart der Ausführung von eindringlicher Wirkung. Mit einem originellen Kunstwerk, einer Holzfigur „Phryne", tritt diesmal Alexander Jaray in die Schranken. Das rothaarige, überschlanke Weib erinnert viel mehr an eine moderne Pariser Mondaine, als an die altgriechische Hetäre. Das Höhnisch-Lüsterne in dem Antlitz der Phryne drängt das Selbstbewußtsein des schönen Weibes zurück. Die Köpfe der zuschauenden Männer auf dem Sockel sind mit vollendeter Kunst charakterisiert. Unter den Meistern der Kleinbronze finden sich zahlreiche unserer Glaubensgenossen, so H. H. Liebmann mit der reizenden Statuette eines kaum den Kinderschuhen entwachsenen jungen Mädchens, das sich die Locken zum Zäpfchen flicht. Feinheit der Linie zeichnet die Büste einer trauernden Frau von Fritz Heinemann aus. Marcuse weiß sich in seinem „Fechter" von der naheliegenden Gefahr, lediglich eine Nachahmung der Antike zu liefern, zu bewahren. Ein ähnliches Thema behandelt Richard Abraham in seinem „Liegenden Gladiator" mit vielem Geschick. B er mann zeigt, daß er die wilde, ungebändigte Kraft eines steinschteudernden „Kentauren" ebenso zu meistern versteht, als die zarte Anmut eines „Sitzenden Mädchens". In der Sezession begegnet man einer sich im Rahmen das Althergebrachten haltenden, aber mit viel Formensinn ausgeführten „Venus" in Bronze von Max Levi und einer temperamentvoll gemeißelten Portrütbüste von Leschnitzer. In einem Halbdunkeln Winkel der Ausstellung am Lehrter- Bahnhof ist der Entwurf eines Heine-Denkmals zu schauen, von wenigen auf dem ungünstigen Platze bemerkt. Ueber die Art der Ausführung und das vielleicht zu krasse Hervortreten der allegorischen Nebenfiguren läßt sich streiten. Wer aber den seingefchnittenen Kopf, in dem sich die leuchtende Miene des Siegers, der die Welt überwunden, mit dem schmerzerfüllten Leidenszug des bleichen Poeten zu eindrucksvoller Wirkung paaren, länger angesehen, wird ihn nie vergessen. Eine Heine-Ehrung anderer Art liefert Max Stern in seiner „Wallfahrt nach Kevlaar", einem kleinen, stimmungsvollen Bilde. Ein Kreuzträger geht der Prozession voran. „Es flattern die Kirchenfahnen, es singt im Kirchenton" .. . Der Künstler hat noch eine anschauliche „Kirmes" mit heiterem Markttreiben und ein großes Porträt eines Herrn im Reitkostüm ausgestellt. Von Porträts bekannter- Persönlichkeiten bemerken wir den lebensvoll gezeichneten, klugen Kopf des neuen Kupferstichkabinettdirektors Dr. Friedländer von Schulte im Hofe, das Bildnis des 80 jährigen Kupferstechers Louis Jacoby von seinem Sohne, eine farbige Lithographie des Berliner Volkshumoristen Martin Bendix von Hans Michaelsohn, der, wie einige weitere Bilder zeigen, seine Stoffe mit Vorliebe dem Varietätleben entnimmt. Burger stellt ein treffliches Porträt Paul Lindaus aus, Mün ch in der Sezession das Bild Dr. Rathenaus, reich an individuellen Zügen. Im Geiste Liebermanns sind die Porträts von Eugen Spiro, einem geborenen Breslauer, der zurzeit in Paris lebt, gehalten. Voll Leben und in natürlicher Haltung sichern sich diese Blldnisse einen tiefen Eindruck. Den Porträts seien die Interieurs angereiht. Die von Max Fabian kennzeichnen die feine, ganz nur auf den zitternden Lichtschein gestellte Stimmungsmalerei; Hedwig Weiß bevorzugt Stilleben in Blau und Silber, Philipp Frank gibt eine Stube aus dem Spreewalde mit Frauen in der charakteristischen Volkstracht der Gegend bei Lampenlicht wieder, Emil Weiß bringt Interieurs, die durch ihren Farbenschmelz den Beschauer fesseln. Von den jüngeren Tiermalern ist Willi Brandes mit seinen humorvollen „Enten am Tümpel" zu nennen. Als Maler-Humoristen stellen sich auch Otto Marcus und Bruno Goldschmidt vor. Jener hat prächtige Blätter zu den Märchen der Brüder Grimm voll sprühenden Lebensgeistes gezeichnet, dieser mit liebevollem Verständnis, scharfer Beobachtungsgabe und drolligem, nie verletzendem Witz zwei Radierungen „Kinderglauben vom Himmelreich" und „Eine Eisbahn in der Kleinstadt" beigesteuert, während der Humorist psr exeellenee Thomas Theodor Heine in der Sezession durch eine Landschaft aus Dachau vertreten ist, die zur Genüge beweist, daß der Meister der ätzenden Satire auch auf diesem Gebiete Vollendetes zu schaffen weiß. Eine Erwähnung verdienen ferner der vielseitige Wilhelm Feldmann, Siegfried Berndt, Heinrich Wolfs, der Porträtmaler Emil Herz, die Landschafter Max Lieber, Hans Licht und Arthur Bandrat, der in seinen