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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-07 · Heft 32 (7.8.1908) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
Seite 380 (sequence 10)
Language
German
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38Ö Zss Judentum in der kunltsusltelluug. Von Eduard Münz. ie Ausstellung jüdischer Künstler hat, gleichviel wie man über die Zweckmäßigkeit ihrer Veranstaltung denken mag, aller Welt klar und unwiderleglich bewiesen, wie zahlreich die Schar der bildenden Künstler aus Juda's Stamm ist. Sie hat Zeugnis dafür abgelegt, daß, wenn man die besten Namen der zeitgenössischen Künstlerwelt nennt, man auch jüdische Namen nennen muß. Seitdem darf man den Anteil jüdischer Maler und Bildhauer an unseren Kunstausstellungen von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten; es gilt nicht mehr, eine neue Position zu erringen, sondern eine bereits errungene Stellung zu verteidigen, zu festigen. Die unverwüstliche geistige Kraft, die schöpferische Energie und Begabung der Söhne Jakobs hat sie in wenigen Jahrzehnten ein ungewohntes Kulturgebiet, ein neues Feld idealer, künstlerischer Betätigung erobern lassen. Und es ist erfreulich, konstatieren zu können, daß es sich nicht lediglich um Leistungen einzelner Bevorzugter handelt, sondern daß, wie die diesjährigen Kunstausstellungen von neuem beweisen, die Zahl der Künstler und Künstlerinnen jüdischer Abstammung, der kunstverständigen Männer, in die der Herr, nach dem Worte der Schrift, Kunstbegabung und Einsicht gelegt, von Jahr zu Jahr wächst. Zu dem künstlerischen Nachwuchse, zu den vielversprechenden Talenten mit Meißel und Palette, deren Erstlingswerke bereits Proben eures bedeutsamen Könnens sind, stellt auch Israel ein nicht unbeträchtliches Kontingent. Ebenso wie es in seiner großen Geschichte auch den Künstlern der Richtung immer neue Stoffe bietet. Nicht allzureichlich sind diesmal die der Heiligen Schrift entnommenen Sujets, und von den wenigen Gemälden mit biblischem Hintergründe sind keineswegs alle von erfreulicher, sympathischer Wirkung. Hans Thoma, der alte Meister, hat zwei bekannte Bilder aus der Urzeit des Menschengeschlechtes, „Das Paradies" und „Abels Opfer", beigesteuert, die sich zwar von der üblichen konventionellen Auffassung freihalten, gute malerische Qualitäten aufweisen, aber durchaus nicht zu den besten Schöpfungen des Künstlers gehören. Wie ganz anders wirkt Ludwig Schmidt-Rauttes urgewaltiger „Kain" auf uns ein. Unter Verzicht auf alle farbigen Nuancen hat der Karlsruher Professor lediglich mit Hilfe seiner in der Darstellung des nackten menschlichen Körpers unvergleichlichen Technik Kunststimmungen hervorzubringen verstanden, die ihn in die vorderste Reihe jener neudeutschen Maler stellen, welche an der Schaffung eines monumentalen Stiles voller Eigenart und Kraft Mitarbeiten. Die Verzweiflung des unsteten und flüchtigen Brudermörders ist, trotz der Riesengestalt Kains oder vielleicht gerade deshalb, so ergreifend dargestellt, mit so viel Ursprünglichkeit und sicherer Technik, daß die Betrachtung des Werkes einen ungetrübten künstlerischen Genuß gewährt. Das ist noch der Kain der Bibel, der der Mutter Erde die ersten Früchte abgewann, der ungebändigte Naturmensch, der vor den Folgen der eigenen Bluttat zurückschreckt und jammernd in den Ruf ausbricht: „Herr, meine Strafe ist zu groß, als daß ich sie ertragen kann!" In „Simson und Dalila", einer großen Marmorgruppe, hat der Sezessionist Alexander Oppler einen beliebten Vorwurf aus dem Buche der Richter zu behandeln versucht. Halbverhüllt sitzt das verräterische Weib, in ihrem Schoße schlummert in sich zusammengebrochen der Held, der den Leu erschlug, der vor sich hertrieb der Philister Scharen und auf seinen mächtigen Schultern Gazas Tor getragen. Der geistige Gehalt des Werkes tritt leider hinter der sinnlichen Attitüde, der berechneten, ausgeklügelten Pose, stark zurück. Sowohl das Heldenhafte in Simson, als das Verführerisch-lockende in Dalila bleibt uns Oppler schuldig; trotz vortrefflicher Einzelheiten ist die Gruppe verfehlt, ebenso anspruchsvoll als ausdruckslos. BeiCoschells „Abisag vor dem greisen David" wird man ein peinliches Gefühl nicht los. Es ist des Künstlers gutes Recht, selbst in der ehrwürdigen Gestalt des gekrönten Sängers, des Psalmisten, das Menschliche, Allzumenschliche aufzuzeigen, aber zu einer Karikatur darf er ihn nicht herabsinken lassen, nicht um eines lasziven Sujets willen alle Bande frommer Scheu lösen. In .dem dreiteiligen Bilde ist die Geschichte der Sunamitin wiedergegeben, von der es im ersten Kapitel des ersten Buches der Könige heißt: „Und dieses junge Mädchen war schön über alle Maßen, und sie ward dem König eine Pflegerin, und sie bediente ihn, aber er erkannte sie nicht." Grelle Lichter fallen auf den lebenswarmen, jugeudfrischen Körper der schönen Abisag, den eine gewisse Herbheit der Formen noch anziehender macht. Vorzüglich im Ausdruck und charakteristisch unterschieden sind auch die Nebenfiguren, die Zeugen der Szene, während David im Bilde nichts Königliches an sich hat als sein Prunkgewand und lediglich als lüsterner Greis aufgefaßt ist. Der Sohn Jsais, der göttliche Harfner, heischt doch schließlich selbst in diesem heikeln Momente eine andere Darstellung, als die Belauscher Susannas im Bade. Etwas Grellbuntes, Marktschreierisches stellt überdies die nicht zu verkennenden malerischen Vorzüge dieses Werkes in den Schatten. „Jung-David über Goliath triumphierend" bringt Hans Bauer in einer trefflichen Kleinbronze. Der antikorientalische Charakter des jugendlichen Helden mit der strahlenden Siegermiene kommt trotz der Schwierigkeiten des grünpatinierten Erzes wirkungsvoll zum Ausdruck. Das Haupt des Riesen, das der tapfere Hirte mit desfen eigenem Schwerte abgehauen, liegt zu seinen Füßen, mit seinem Leben hat der ungeschlachte Philister es gebüßt, „daß er geschmäht die Schlachtreihen des lebendigen Gottes". Eine andere wohlgelungene Kleinbronze' behandelt die modernste Frauengestalt der Schrift, „Salome", in der königlichen Pracht ihrer Glieder, während Altmeister Stuck das gleiche Sujet in der Sezession in einem ein wenig befremdenden, den Inhalt keineswegs ausschöpfenden Bilde in grau-grünsilbriger Tönung behandelt. E. M. Lilien, der feinsinnige, wenn man so sagen darf, bewußt-jüdische Zeichner, stellt „Motive aus Jerusalem" aus. Ein Zug tiefer Wehmut lagert über der Darstellung der Klagemauer, während auf dem zweiten Bilde die heilige Stadt zu schauen ist wie in der alten Hagadah des Rabbi Abraham von Bacharach „mit den Türmen und Zinnen ihres Tempels bestrahlt vom Glanze der Sonne". Ein geniales Werk sind die „Trauernden Juden" von Erich Wolfsfeld. Ein altes Mütterchen, zwei Mädchen und ein Jüngling in Schwarz, trauern auf den traditionellen niedrigen Sitzen, nach der Sitte Israels, um einen lieben Toten. Alles Glänzende im Zimmer ist verhüllt, auf dem Tische liegt ein Gebetbuch, steht eine Wasserflasche. Ein auffallender Reichtum der Farbenabstufungen in Schwarz steht dem Künstler zu Gebote, aber noch weit mehr verrät seine Meisterschaft die Fähigkeit, die Trauer der vier Personen individuell zu kennzeichnen, von der leisen Wehmut der alten Frau, die viel Menschenleid auf ihrem Lebenswege gesehen und selbst die bitterste Schickung geduldig zu ertragen gelernt hat, bis zu der wilden Verzweiflung des jungen Mannes, der mit dem Geschicke hadert) das ihm sein

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