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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-07 · Heft 32 (7.8.1908) · p. Seite 379

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
Seite 379 (sequence 9)
Language
German
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379 braucht nur den Glauben, jenen beliebten und gehätschelten Glauben daran, daß das Fünsbuch das ist, als was es sich gibt, zu unterminieren und zu zerstören, jenen Glauben, es sei „das" vollendete Gesetz, der unverrückbare Ausdruck und Wille eines allheiligen Gottes, und die Grundlage des orthodoxen Judentums — jenes unterste, festeste Fundament seiner Lehre — ist erschüttert und abgetan. Das Gebäude in seiner ganzen Größe stürzt zusammen, daß kein Stein auf dem anderen bleibt. Das liberale Judentum nun hat gerade von diesen beiden hauptsächlichen Charakteristiken der Orthodoxie und des Traditionalismus seinen Ausgangspunkt genommen. Es setzte ein, wenn es erlaubt ist, es zu sagen, dort, wo das orthodoxe Judentum der Schuh drückte. Um einen anderen Ausdruck zu wühlen, das nationale und das gesetzliche Element: oder sagen wir besser, die nationale und die gesetzliche Schwierigkeit ebneten unserer Lehre den Weg. Hier aber muß ich erst einmal feststellen, daß es nicht theologische, noch kritische Erwägungen waren, die den Anstoß zu unserer Bewegung gaben. Sie folgten ihr wohl, halfen ihr wohl, aber sie brachten nicht den Stein ins Rollen. Man sagte nicht: „Eine Religion, deren Lehren universelle Geltung beanspruchen und wollen, deren Gottesbegriff der des „einen Gottes", „des" Gottes ist, verlangt auch universelle Verkörperung dieser Ideen. Der Weltgeist ringt nach Weltform. Darum muß die äußere Kundgebung des Judentums modifiziert und gereinigt von nationalem Beiwerk werden, so daß es in Einklang steht und Harmonie mit seinen Hauptlehren, der weltumspannenden Idee seines Gottesbegriffes." Auch deduzierten wir nicht: „Philosophie, Kritizismus und geschichtlich gegründete Erkenntnis erlauben es einem offen Blickenden nicht länger, an den mosaischen Ursprung und die göttlich-absolute Vollendetheit, mithin die Unveränderlichkeit der fünf Bücher Moses zu glauben. Deshalb muß das Judentum, will es anders weiter leben, seine „legale" (traditionelle) Basis aufgeben und fürderhin von ihr sich emanzipieren. Wir müssen das Judentum reformieren und umgestalten, so daß es, in Theorie wie Praxis, weniger national auf der einen Seite, weniger am Buchstaben des Gesetzes haftend auf der anderen Seite sich uns darstellt. Die Bewegung begann vielmehr, wie ich schon hervorhob, auf ganz anderer Grundlage. Sie entstand als Ergebnis des Kampfes um die Emanzipation aus dem Ghetto in jeder Form und als Resultat dieses Kampfes, der — zumindest auf Teilen des Kampfplatzes — erfolgreich gewesen ist." Die Loslösung der Juden aus ihrer Absonderung war in der Hauptsache das Werk der französischen Revolution. Die Juden sagten sich: Wir wollen „Bürger" werden in den Ländern, in denen wir jetzt wohnen, in denen wir schon so lange wohnen und wo wir auch in Zukunft noch lange zu bleiben hoffen, ja zuversichtlich erwarten. Sie forderten als in jeder Beziehung vollberechtigte Mitglieder des Staatswesens, mit deren Rechten wie deren Pflichten anerkannt zu werden. Als sie so die „bürgerliche" Gleichstellung erlangt und erkämpft hatten, wurde der Wunsch bald rege, auch in „staatsbürgerlicher", will sagen politischer Richtung Gleichberechtigung zu erwerben. Die Juden erwogen: „Wir sind von allen unseren Landsleuten durch unsere Religion geschieden, durch unser Bekenntnis allein, nichts weiter. Ihre Kultur ist unsere Kultur, ihr Friede und Glück unser Friede und Glück. In allem wollen wir darum uns ihnen gleichstellen, in allem, nur nicht in der Religion. Und dieses Moment kann uns nicht hindern, mit ihnen eins zu sein, trennt uns doch nicht so sehr die Religion als Höchstes genommen, als vielmehr einige Lehren eben dieses Glaubensbekenntnisses sich scheidend darbieten. Ihre ethischen Ideale und die unseren sind fast dieselben, und unsere Auffassung von Recht und Gerechtigkeit stimmt in den Hauptzügen überein mit ihrer Vorstellung. Das göttliche Wesen ist für uns alle eine Quelle, die Voraussetzung aller Güte, und das Gesetz der Moral, dem wir in treuer Anerkennung anhängen, unterscheidet sich von dem ihren, wenn überhaupt, so nur durch den Ausdruck. Keinesfalls durch das Wesen. Wir sind nicht die fremden Orientalen, die sich nur vorübergehend unter den abendländischen Völkern aufhalten, ohne mit ihnen Ansichten gemeinsam zu haben, auch nicht danach zu streben, deren Ehrgeiz, Ideale und Bestrebungen uns fern sind und bleiben. Nein, solche Fremdlinge sind wir nicht. Mögen wir auch aus Osten gekommen sein, heute sind wir vollblütige Westeuropäer, westlich geartet von Temperament wie an Denkart. Vielen, sehr vielen schien im 19. Jahrhundert diese Forderung der Juden recht und billig, und in vielen Ländern bewilligte man sie. Es sei bemerkt, daß dieses Postulat mit der Art der damaligen Zeit in zwei Richtungen übereinstimmte. Zum ersten war der intensive, man kann fast sagen der allmächtige Nationalismus des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts bereits überwunden; es gab nicht mehr das bittere Gefühl der Rasse, das mit seinen Ausflüssen schwer auf dein Judentum gelastet hatte, indem es rückwirkend auch dort sich geltend machte. Der Gedanke, daß eine Nation aus mehreren Nassen sich bilden dürfe, war nicht mehr verfemt. Es sollte nicht jede Nasse mehr eine eigene Nation bilden. Vielleicht mag auch mitsprechen, daß man weniger Scheu und Zurückhaltung den Fremden gegenüber bewies, daß man gewillter war und bereitwilliger sich anzupassen und jene Anpassung an sich zu fördern. Was den Nassegedanken speziell anbetrifft, so schien es nicht mehr so furchtbar, so unvernünftig, daß in der Masse der Bürger einer sagen wir teutonischen oder lateinischen Abstammung eine kleine Minderheit von Männern sich befinden sollte, die eine ganz andere Herkunft, und zwar eine semrtrsche, aufwiesen. Auch sie konnten ihr Geburtsland lieben, das Land, das sie an Kindesstatt ausgenommen. Auch sie konnten die Freiheit gut und in guter Weise gebrauchen. Lassen Sie mich kurz eine Bemerkung einflechten. Ich vertraue darauf, daß die Gesichtspunkte noch unter uns wirken, daß sie zumindest in England noch am Leben sind; ich habe das Zutrauen, daß sie auch hier in Bradford sind, in den Herzen derer, die ich jetzt vor mir sehe. Doch weiter — das Verlangen der Juden nach Emanzipation harmonierte mit den theoretischen Bestrebungen, Kirche und Staat zu trennen, oder sagen wir anders, mit den Bestrebungen, die dahin zielen, ein freundschaftliches Verhältnis des Staates zu mehr als einer Kirche herbeizuführen, vorausgesetzt, daß diese Religion eine entsprechende Anhängerzahl besitzt und. daß unter diesen Gläubigen hinreichend Denker und Politiker, die eben diese Freundschaft vermitteln sollen, sich befinden. Man kam dahin, anzuerkennen, daß auch außerhalb des Bodens des Christentums Religionen bestanden, die eine schöne und heilbringende Moral verbreiteten und deren Jüngern man wohl kommunale und staatspolitische Ehrenämter wie Stellungen anvertrauen durste. Ja man ging vielfach noch darüber hinaus, indem man lehrte, daß ja Moral und Religion durchaus verschieden seien, daß eine Scheidung sogar erwünscht sei, und daß dementsprechend der Staat auf durchaus weltlicher Grundlage aufgebaut werden könne.

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