Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- Seite 378 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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378 wollen, daß das Judentum sich auf ihnen aufbaue. Glauben Sie mir, daß ihre Stellung im Gesamtbilde eine weniger wichtige und einflußreiche ist, als es sich heute abend uns varstellt, wo wir für unsere Sonderzwecke gezwungen sind, sie in den Vordergrund zu rücken. Auch wollen Sie es glauben (es liegt mir viel daran, daß Sie es tun), daß wir „liberalen Juden" stolzer sind auf das Substantiv in unserem Namen, als auf das Beiwort. Wir würden uns nicht für das „liberale Judentum" erwärmen, begeisterte uns nicht das Judentum! Deshalb glaube ich auch, daß das, was uns mit allen anderen Juden eint, im Grunde genommen wichtiger und tiefer und wesentlicher ist als das, was uns trennt. Die Quintessenz unseres Bekenntnisses ist in dem Worte Jude mehr begründet, als in dem Begriffe „liberal". Das Adjektiv soll reinigen, erweitern und ins rechte Licht setzen die Wahrheiten, die glänzenden Vorzüge des Substantivs. Mit dieser Einschränkung und Vorbemerkung wende ich mich nun zu meinen „ein oder zwei Dingen", die ich über das Judentum zu bemerken habe. Man hat das Judentum eine nationale und Gesetze gebende Religion genannt (nicht zu seinem Vorteil, fürchte ich) in bewußter Gegenüberstellung und Gegensatz zum Buddhismus und zum Christentum, als weltumspannende, religiöse Religionen. Ich will mich dieser Einteilung und Scheidung durchaus nicht völlig anschließen und vor allem nicht die Deduktionen und Folgerungen mit herleiten, die gemeiniglich aus dieser Basis genommen werden. Aber das ist klar, daß ein Körnchen Wahrheit darin ist. Es wäre mehr denn lächerlich, wollte jemand behaupten, das Judentum habe in keiner Weise mit einer Sondernation etwas zu tun, sei niemals an ein Volk, an eine Nasse geknüpft, oder es habe mit einem Gesetz keine Berührung, nun erst nicht mit einem Sondergesetz. Ich will nun bei meiner Erörterung jeden dieser beiden Gesichtspunkte, das Judentum als nationale Religion und das Judentum als Gesetzes-Religion, jeden für sich genauer hervorheben, denn beide Punkte berühren unser Thema, das liberale Judentum in seinem Ursprung wie in seiner Entwicklung eng und bezeichnend. Erstlich einmal: das Judentum ist eine nationale Religion. Was will das besagen? Nicht etwa soll es das heißen, daß der Gott des Judentums nur der Gott der Juden wäre und dementsprechend von den Juden nicht als Gott der gesamten Welt betrachtet würde. Es will auch nicht besagen, daß der Gott des Judentums ein parteiischer Gott wäre, der die Juden mit anderem Maße messe als die Andersgläubigen. Noch auch will es ausdrückeu, daß das Judentum kein Interesse für die Welt außerhalb seiner selbst und seiner engen Grellzen habe und daß es für die Außenwelt keine Hoffnungen noch Wünsche hege als die, daß seine Unterdrücker vernichtet werden möchten. Bei einem modernen orthodoxen und überlieferungstreuen Judentum wäre es völlig verfehlt, „national" in irgendeinem unmoralischen oder irreligiösen Sinne aufzusassen. Selbst das rabbinische Judentum würde einen: derartigen Standpunkt nur unter vielen Reserven und Einschränkungen Vertrauen schenken. Für ein modernes Judentum gibt es nur eine richtige ur:d allem Rechnung tragende Ansicht, so daß ich diesen Punkt als einen solchen glaube ansehen zu müssen, über den Orthodoxie und Liberalismus ä'aeeorä sind. Kein bei uns im Westen erzogener jüdischer Schüler orthodoxer Richtung wird auf einem Standpunkt stehen, von dem Sie glauben müßten, er fasse das Judentum als eine nationale Religion auf, im Sinne eines in seinem Geltungsbereich beschränkten, absichtlich beschränkten, d. h. mit anderen Worten: unmoralischen Gottes. Im Gegenteil : Die Auserwählung Israels wird mit ethischen und religiösen Motiven erklärt. Das stolze, aber furchtbare Wort von Amos ist nicht vergeffen: „Euch allein habe ich von allen Stämmen der Erde ausersehen, deshalb will ich Eure Fehler an Euch heimsuchen!" Und so wird auf die Lehre großer Nachdruck gelegt, ohne daß damit gesagt sein soll, sie wäre spezifisch jüdisch, daß die Werke und nicht der Glaube das ewige Heil gewährleisten und Wegweiser zu ihm sind. „Die Gerechten unter allen Nationen", so sagt man uns immer und immer wieder, ..haben gegründeten Anspruch aus das ewige Jenseits." Das moderne Judentum ist national! Es ist national schon in dem Sinne, daß seine Bekenner fast ausnahmslos zu einer besonderen Rasse gehören, und es ist es noch darüber hinaus, da es eine Religion ist, die keine Proselhten machen will, eine Tatsache, auf der der orthodoxe Jude stolz sich rühmt. Und endlich darin — und das ist das ausschlaggebende Moment — ist es eine nationale Religion, da eine nicht geringe Zahl seiner äußeren Bekenntnisformen, seiner Ritualvorschriften, Zeremonien, Gewohnheiten und Sitten noch heutigen Tages als national, zumindest aber als rassenbeeinflußt — wenn dieses mehr charakteristische als ästhetische Wort gestattet sein soll — sich darstellt, wie es ja die orthodoxe Lehre predigt, daß all diese Formen und Vorschriften, Sitten und Anschauungen ausschließlich für die Erbauung, Zucht, Heiligung und Genugtuung der jüdischen Rasse geschaffen sind und zwar nur für die jüdische Rasse, keine sonst. Ich meine nicht die Farben dem Bild zu. grell gesetzt zu haben. Nicht als ob ich hätte damit sagen wollen, ein Andersgläubiger könne, selbst von orthodoxem Standpunkt ausgehend, nicht Jude werden. Er kann, wie es auch geschieht, naturalisiert, gleich als ob ein Engländer Deutscher wird. Er hat dann die nationalen oder rassehaften Gebräuche, die sich ja überdies als religiöse Vorschriften und Gesetze darstellen, anzunehmen, sich ihnen zu unterwerfen. Die Hauptdogmen des Judentums, sein Monotheismus, seine Lehre von der Unmittelbarkeit der Beziehungen von Gott zum Menschen, vom Menschen zu Gott, seine Moral, seine ethischen Anschauungen sind universell, weltumspannend nicht nur den: Wesen nach, sondern ausdrücklich zur Verbreitung durch alle Welt bestinnnt. Seine Zeremonien, sein Ritus, seine gottesdienstlichen Gebräuche wie Gesetze sind national nicht nur in ihrem Werden, nein auch in ihrer heutigen Beschaffenheit; '.denn sie sind, wie die Orthodoxie lehrt, nur für die Juden allein gewollt. Darin liegt der Widerspruch, auf den ich vorhin anspielte. Zun: zweiten. Das Judentum ist eine gesetzgebende, vorschreibende Religion. Durch eine seltsame Umstellung der Verhältnisse hat es sich gefügt, daß ich, der ich nicht orthodoxer, „überlieferungstreuer" Jude, häufig Gelegenheit nehmen mußte, die orthodox-jüdische Lehre zu erklären und zu verteidigen, mich der von ihr vertretenen Auffassung des Gesetzes anzunehmen. Das bin ich jetzt wieder zu tun nicht imstande. Es genüge, festzustellen, daß die jüdische Gesetzestreue keine unmäßige krankhafte Liebe zur Gesetzmäßigkeit und zum Gesetze als solche, als Selbstzweck ist, zur Gesetzesvorschrift und zum Gesetzesbefehl im Gegensatz zum Glauben und zur Gnade — sie ist vielmehr um vieles einfacher, plastischer und der Theorie abgeneigter. Wir sind jetzt überzeugt in den: Glauben, daß der Pentateuch als Gesetzbuch das ist, was zu sein er anstrebt, das absolute, vollkommene, inspirierte und unabänderliche Wort, der feste Wille und Befehl des allweisen und allgerechten Gottes. Es besteht gar kein Zweifel, daß das orthodoxe und traditionalistische Judentum eine ganze Menge von Gebräuchen und Gesetzen enthält, die rabbinischen oder talmudischen Ursprungs sind, sie alle aber gründen ihre Kraft auf dem Pentateuch, wie sie aus ihm auch abgeleitet werden. Man