Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- Seite 377 (sequence 7)
- Language
- German
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tagen an einem christlichen Knaben unsittlich vergangen und das Kind mit. einem Taschenmesser leicht verletzt. Der damalige Redakteur Hämmerstein von der „Kreuzzeitung", obgleich schon zuchthausreis, verkündete der Mitwelt, daß er aus der Feder eines mit den jüdischen Gesetzen vollkommen vertrauten Gelehrten an der Hand eines reichen Quellenmaterials den Beweis erbringen werde, daß „der Fall Bernstein" nur ein weiteres Glied in der Kette der Beweise, daß die Juden für ihre Ofterfeiertage Christenblut gebrauchen, bilde. Mit unglaublicher Schnelligkeit griffen sämtliche Blätter den Aufsehen erregenden Fall auf und in der Provinz machten sich bedrohliche Anzeichen von Feindseligkeiten gegen die Juden bemerkbar. Man wartete mit größter Spannung auf die von Hammerstein in Aussicht gestellte Serie von „Beweisen". Ich wandte mich, als der Fall mir in den Details bekannt geworden, an den Staatsanwalt in Breslau in einem Schreiben, worin ich meiner Vermutung Ausdruck verlieh, daß Bernstein ein Urning, und jedenfalls nicht ganz zurechnungsfähig sei. In derselben Stunde schrieb ich einen Artikel: „Der Fall Bernstein vom psychiatrischen Standpunkt"/) sandte ihn unverzüglich noch in derselben Nacht an den damaligen Redakteur des „Israelit" Dr. Lehmann in Mainz, wo der Artikel sofort gedruckt und ein Exemplar an den Breslauer Staatsanwalt geschickt wurde. Ein Berliner Sanitätsrat unternahm es, diesen Artikel sofort dem Redakteur der „Kreuzzeitung" vorzulegen, mit dem Ersuchen, davon in geeigneter Weise in seinem Blatte Kenntnis . zu nehmen. Anstatt des ihren Lesern pompös angekündigten ersten Beweisartikels über den Christenblutbedarf der Juden für Passah brachte das Blatt einen kleinlauten und gewundenen Artikel, in dem es unter anderem hieß: „Vorläufig sagen wir gar nichts . . ." Was für mich dabei abfiel, ist gleichgültig. Die Hauptsache war, daß Bernstein vom Untersuchungsgefängnis in die psychiatrische Klinik gebracht und mehrere Monate hindurch auf seinen Geisteszustand untersucht, und, wie ich vorausgesehen, als geistig und sittlich minderwertig erkannt wurde. In beiden Fällen habe ich meine eigenen Erfahrungen machen können. - Es liegt ganz in der Macht des Staates, der Regierungen, den Juden ihre bürgerlichen Rechte zu sichern, ob es sich dabei um bloße Verleumdungen oder um noch Schlimmeres, gegen die Sicherheit der Person gerichtete' Ausschreitungen, handelt. Hätten wir zu jener Zeit, wie in den hier erzählten Füllen, einen Verein gehabt, der von dem Gros der deutschen Judenheit die Vollmachten hatte, nachdrücklich für sie einzutreten, so hätten die Juden nicht, wie ich hier erzählt habe, vielerlei Schäden zu tragen gehabt und sie wären wahrscheinlich auch nicht Wochen- und monatelang vogelfrei den Fäusten der Bauern schutzlos preisgegeben gewesen. Schon dieser Reminiszenz halber, mit der ich persönlich mehrfach verflochten war, begrüßte ich mit Freuden den „Zentralverein", der sich die einzige Aufgabe stellt, das Judentum in seinen oft gekränkten Rechten zu schützen. Ich wünsche nur, daß ihm erspart bleibe, für Vorkommnisse eintreten zu müssen, in die ich, allerdings freiwillig, verwickelt worden war. Niemals, kann ich des Oberstaatsanwalts Schlippe und seines Elternhauses gedenken ohne den stillen Wunsch: Ihr Andenken sei gesegnet! h Er erschien am 11. März 1889. Liberales Judentum. Ein Vortrag von Claude G. Montefiore. II. hoffe in dem Maße richtiger verstanden zu werden, in dem ich weiter zu Ihnen spreche. Ich scheue schon davor zurück, noch mehr Definitionen, Umgrenzungen dieses Begriffes „Liberalismus" Ihnen zu bringen, noch weiter die Bestandteile seiner Entstehung, seines Wesens zu sezieren, auf ihre Ursachen zurückzuführen, weil ich befürchten muß, daß Sie verleitet werden könnten, diese liberale Bewegung als eine Art ärmlicher Nachahmung, vergänglicher, nicht selbstgeistiger, ja mit fremden Federn sich schmückender Erscheinungen anzusehen, als unwichtige Tagesbildung zu betrachten. Sollten Sie aber so denken, oder sollte Sie einer meiner Freunde orthodoxer Richtung, ein Traditionalist, ein Verteidiger des geschichtlich gewordenen Judentums, oder in welchem Gewände er Ihnen sonst entgegengetreten sein mag, dahin gebracht haben, derart zu urteilen, sollten Sie meinen, es sei nicht Platz in unserm Judentum und nicht Aussicht — im Gegensatz zum Christentum — für „Modernismus" oder „Neutheologie", dann sind Sie, ich bin im Innersten davon überzeugt, auf völlig falscher Fährte, sind im Begriff, einen schweren Fehler zu begehen. Jetzt glauben Sie mich endlich so weit, daß ich auf mein Thema eingehen müßte, es mit fester Hand ergreifen sollte. Und da gerade muß ich Ihnen noch einmal entschlüpfen und mit Ihnen einen, vielleicht manchem etwas .mühseligen Umweg machen. Hier bin ich an dem Punkt angelangt, an dem die Schwierigkeiten, von denen ich eingangs sprach, sich türmen. Wie soll ich über das „liberale" Judentum sprechen können, wenn ich nichts aussagen soll über das Judentum ohne den Zusatz liberal. Das „Liberale Judentum" ist eine Phase in der Entwicklung des Judentums. Was aber heißt Judentum? Darf ich annehmen, daß jeder in diesem Raume mir darauf eine erschöpfende, präzise Antwort geben kann? Ich wünsche meinem Hörerkreis nicht zu nahe zu treten, ich bin es schon sehr zufrieden, daß Sie sich genug interessieren, um mich über diese Frage reden zu hören, aber ich fürchte, ich darf an Ihre Kenntnisse nicht allzuhohe Anforderungen stellen, besonders wo es sich doch um eine für die meisten entfernte und abseits liegende Religion handelt. Oftmals bin ich baß erstaunt über die häufigen seltsamen Fragen, die man an mich bezüglich des Judentums und der Juden richtet. So' wurde ich — um mit einem Beispiel zu dienen — gefragt, ob denn die Juden an ein Leben nach dem Tode glauben, eine Frage, die doch unzweifelhaft eine nicht zu unterschätzende Menge geradezu elementarer Unwissenheit verrät. Nun liegt es ja auf der Hand, daß, wenn ich Ihnen mehreres über das Judentum im allgemeinen berichtete, ich mit meiner Zeit zu kurz kommen würde, um über das liberale Judentum im besonderen zu Ihnen mich auszusprechen. Deshalb will ich mich aus einen, höchstens zwei Punkte beschränken, die ich besprechen muß, da sie unmittelbar auf das liberale Judentum hinleiten und uns die Stelle zeigen, von der der Liberalismus seinen Ausgangspunkt genommen hat. Doch bitte ich, mich recht verstehen zu wollen. Meine „ein oder zwei Punkte" wollen nicht auf den ewigen Gehalt, die Lieferen Wahrheiten des Judentums eingehen, sondern eher auf die Schwierigkeiten, die in uns sich ergeben, auf Widersprüche, denen wir begegnen. Keine Religion ist, glaube ich, von diesen frei. Und wenn ich einige der jüdischen Religion hier erwähne, so halte ich Sie für objektiv und großzügig genug, nicht der Meinung sein zu