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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-07 · Heft 32 (7.8.1908) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
Seite 376 (sequence 6)
Language
German
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damit begnügten, das Blättchen zu lesen, viele Offiziere der Mainzer Garnison in den Zwischenakten in ostentativster Form das Organ des Windecker im Theater vor sich hinlegten, bewirkte das Blättchen auf den Dörfern einen völligen Aufruhr, der von Tag zu Tag an Umfang zunahm und den Dorfjuden anfing gefährlich zu werden. Insbesondere fing das antisemitische Treiben Windeckers in den Dörfern der hessischen Pfalz Feuer und verbreitete sich sehr rasch nach Oberhessen und Starkenburg. Unerklärlicherweise, wohl auch ans Furcht, sahen die Juden im Großherzogtum diesen gefährlichen Aufreizungen ruhig zu und waren in den Städten wohl auch schon zufrieden, wenn sie vor tätlichen Insulten geschützt waren. Da hörte ich eines frühen Morgens, daß in den Dörfern Partenheim, Jugenheim, Nieder- und Obersaulheim, und an noch vielen anderen Dorfschaften, die Juden in ihren Häusern, auf der Landstraße, kurz wo sie sich blicken ließen, von den Bauern schwer mißhandelt, ihnen die Ziegel von den Dächern der Häuser, Ställe und Scheunen abgedeckt worden waren und sich kaum mehr auf die Straße wagten. In einigen Dörfern hatten die Juden den Gottesdienst am Sabbat eingestellt, weil sie Ueberfälle in ihren Synagogen befürchteten, und die Thorarollen entfernt. Damit nicht genug, verheerten die Bauern die Saatfelder der Juden, hackten ihre Weinberge um und durchsägten ihre Fruchtbäume. Die Furcht nnd Bestürzung waren so allgemein, daß keiner daran dachte, — wohl weil sich die Behörden sehr kühl verhielten — sofort die höchsten Instanzen anzurufen. Auch fehlte die Fühlung der Juden untereinander, es gab keine Organisation, die die verschiedenen Gemeinden verband, und so konnten Wochen und Monate vergehen, ohne daß auch nur das Geringste geschah, um den bedrängten Dorfjuden zu Hilfe zu kommen. In dieser Zeit kehrte ich von einer mehrmonatlichen Reise aus dem Ausland zurück und vertrat einen Arzt, der seine Ferien beginnen wollte. Ueberzeugt, daß nur erst eine Katastrophe die Juden aus ihrer Lethargie erwecken würde, aber eine solche wohl fernzuhalten leicht möglich sei, benutzte ich meine persönlichen Beziehungen zu der Familie des Herrn Generalstaatsprokurators Schlippe, um die Sache zur Sprache zu bringen. Der Vater des Herrn Schlippe war Apotheker gewesen, zu jener Zeit aber Privatier, der mit seiner Frau und zwei Töchtern in meiner Vaterstadt lebte. Ich bin selten in meinem Leben vornehmeren Naturen begegnet wie diesen Menschen, und von gleicher vornehmer Art war auch der Oberstaatsanwalt Schlippe, ein wahrer Edelmann in jeder Beziehung. Als ich nun an jenem besagten Morgen erfuhr, was sich auf den Dörfern gegen die Juden abspielte, fuhr ich nach Mainz, um Herrn Schlippe zu fragen, was sich gegen die Schandtaten der Bauern wohl tun ließe. In derselben Zeit war der Generalstaatsprokurator aber zu seinen Eltern nach B.,. . . gefahren. Ein eigener Unstern verfolgte mich bei dieser Reise, denn als ich nun schleunigst zurückfuhr, trät auch zur selben Stunde Herr Schlippe seine Rückfahrt nach Mainz an, und ich verfehlte ihn wiederum. Ich mußte also, wollte ich nicht kostbare Zeit verlieren, unverzüglich mich schriftlich mit Herrn Schlippe in Verbindung fetzen, und tat dieses denn auch mit dem prompten Erfolg, daß bereits am darauffolgenden Morgen der Generalstaatsanwalt in einer Karosse persönlich nach Partenheim fuhr, von zwei Gendarmen zu Pferde begleitet, ihm zur Seite sein Beamtenstab. Die Ankunft des Oberstaatsanwalts und der Gendarmen rief bei den Bauern eine unerhörte Aufregung hervor, so daß sich Herr Schlippe genötigt sah, bereits einige Stunden nachher eine Kompagnie Soldaten requirieren, auf die verschiedenen Dörfer verteilen und durch die Bürgermeister die Aufruhrakte verlesen zu lassen.' So wert ich mich noch erinnern kann, wurde das Militär in fünf Dorfschaften verteilt und mußte einige Wochen lang dort liegen. Die „Wucherpille" wütete derart gegen die Maßnahmen des Herrn Oberstaatsanwalts, daß sie sogar mehrmals amtlich verwarnt werden mußte. So sah damals, so sieht auch heute noch der Patriotismus der Antisemitenpresse aus, wenn der Staat seine Pflicht gegen seine jüdischen Untertanen zu erfüllen sucht. Es stellte sich bald heraus, daß es mit der einen Visite, die Herr Schlippe den Bauerndörfern abstattete, den braven Landbewohnern noch nicht genug war. Einige Tage später erschien der Oberproknrator nochmals, und wieder in Begleitung der bewaffneten Macht, und stellte nunmehr einige so nachdrückliche Verhöre an, daß den Bauern denn doch die Lust verging, sich weiter an die Juden und deren Eigentum zu vergehen. Zu jener Zeit erfuhren die Leute, trotzdem ich sogar meinen Eltern gegenüber Stillschweigen beobachtet hatte, daß ich die „ganze Sache angerührt" hatte. Und nun erlebte ich etwas, was mich heute noch mit Schmerz und Scham erfüllt. Dieselben Landjuden, für die ich die höchste staatliche Gewalt angerufen hatte, kamen nun zu meinen Eltern und beklagten sich bitter darüber, daß ich ihnen den Handel und Wandel mit den Bauern auf ewige' Zeiten hinaus verderben würde! Ja, es kam sogar einmal vor, daß ein Jude, dem die Bauern vorwarfen, er sei an „allem Unglück schuld", sich damit entschuldigte, daß nicht er, sondern ich den „ganzen Brei angerührt" hätte. Von verschiedenen Seitenmußte ich den Vorwurf, ich brächte die „ganze Medine ins Schlemasfel" über mich ergehen lassen! Wie vorauszusehen war, kam nun die ganze Angelegenheit in die. „Wucherpille", und nun meinte das wackere „Antisemitenorgan für das Großherzogtum Hessen", es gäbe nicht eher Ruhe in unserem schönen Hesfenland, als bis die Bauern mich mit Mistgabeln und Dreschflegeln in Abrahams Schoß befördert haben würden. Die Bauern, die allerdings behaupteten, ihr „Ort" sei durch mich auf Kindeskinder hinaus „verschammeriert", befolgten den Rat der „Wucherpille" nicht und gebrauchten weder Heunoch Mistgabeln, noch Dreschflegel gegen mich; im Gegenteil kann ich mir schmeicheln, daß sie mich nicht ungern aus ihre Dörfer kommen sahen, um mir die erkrankten Glieder ihrer Familie anzuvertrauen, was die „Wucherpille" aber nicht mehr rügen und entrüsten konnte. Nach kaum zweijährigem Bestand ging sie ebenso schmählich unter, wie sie entstandenwar und der Redakteur Windecker endete ebenso erbärmlich im Elend. Sein Schwager, der jetzige Landtagsabgeordnete, hatte für den ins Elend geratenen und mißleiteten Menschen nichts mehr übrig, obgleich, wie behauptet würde, er die Seele des antisemitischen Schundblattes gewesen, und dann sich von dem Abgestürzten abwandte. Kurze Zeit darauf, als Schlippe ins Ministerium eintrat, kam denn der Erlaß zustande, der bis vor wenigen Wochen noch die hessische Kammer beschäftigte. Mein Schicksal wollte es, daß ich etwa zehn Jahre später nochmals in einer anderen, nicht minder unerquicklichen Angelegenheit, diesmal aber nur indirekt, mit einem Oberstaatsanwalt in Berührung kommen sollte, was ich hier nur kurz erzählen will, weil der Eulenburg-Prozeß die gleichen Züge trägt und mich immer wieder von neuem an diese Begebenheit erinnert. In Breslau hatte sich ein junger Mensch, der sich als „Rabbinatskandidat" bezeichnet^ kurz vor den jüdischen Oster-

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