Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- Seite 375 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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die Kunde auf die Juden ausgeübt, war ein vorzüglicher. Schon beschäftigt man sich damit, an eine.Reorganisation des .Gemeindewesens zu gehen. Viele Gemeinden haben dem Sultan Dankadressen und Geschenke überreicht. Der Groß- . rabbiner der Türkei, Moses Levy, hat, wie alle Würdenträger des alten Regimes bereits seine Entlassung genommen. Mögen nun auch die Juden durchsetzen, daß sie zum Kriegsdienst heran gezogen und in das Parlament gewählt werden können! Das sind vorläufig die wichtigsten Postulate, die um so nachdrücklicher gefordert werden müßten, als die Jungtürken, wie es den Anschein hat, den Juden wegen ihrer konservativen Gesinnung nicht besonders hold sind. ft Das große Hilfskomitee, das sich aus Anregung des Hilfsvereins der Deutschen Juden anläßlich der Brandkatastrophe in Haskieu (Konstantinopel) unter dem Ehrenvorsitz Sr. Eminenz des Chacham Baschi Moise Halevh gebildet hatte und das aus den beisteuernden Organisationen und den angesehensten Glaubensgenossen in Konstantinopel besteht, nimmt jetzt, nachdem die Hilfsbedürftigkeit der Betroffenen und der Verteilungsplan im einzelnen genau festgestellt ist, die Schlußverteilung der Gelder vor. Die Entschädigungssummen sind in rationeller Weise nach dem Grade der Bedürftigkeit abgestust. < Die Komiteemitglieder haben in aufopfernder Arbeit nunmehr den ersten Teil der Aufgabe gelöst. Außer dem Chacham Baschi, der gleichzeitig der Ehrenpräsident des Lokalkomitees des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Konstantinopel ist, gehören dem Komitee noch an: Rabbiner Dr.'D. F. Markus, Direktor der Schulen des Hilfsvereins in Konstantinopel, Se. Exzellenz Behor Effendi, rnernbre du co seil d’etat; Se. Exzellenz Jahues Beh de Läon, Präsident des Meglig Amumi, Kurator der Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden zu Konstantinopel; Se. Exzellenz Dr. Jfaac Pacna Molho. Divisionsgenerol; I. Fernandez, Präsident der Alliance Israölite Universelle in Konstantinopel; Dr. med. S. Wellisch,Medecin sanitaire en chef de l’instruction publique und Mitglied des Schulkomitees des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Konstantinopel ufw. usw. Da die Nachwirkungen des gewaltigen Schadenfeuers, das einen ganzen Stadtteil in Asche gelegt hat, noch lange fortdauern werden, macht sich das Bedürfnis nach einer Hilfsleistung dauernder Natur stark fühlbar. Gemäß einem Vorschläge des Hilfsdereins der Deutschen Juden wird daher jetzt die Begründung einer Kreditkasse erwogen, die mit den noch zur Verfügung stehenden Mitteln finanziert werden soll. Aus den Beiträgen, die der Hilfsverein der Deutschen Juden und die Alliance Isradlite Universelle gewährt haben, wird voraussichtlich diese Kasse gebildet werden. Da es sich darum handelt, den Aermsten der Bevölkerung aufzuhelfen, kann eine solche Kasse mit verhältnismäßig kleinen Mitteln großen Segen stiften. ft Auch der demokratische Nationalkonvent in Amerika führte in diesem Jahre einen Schlag gegen die russische Behandlung der Paßfrage und gab seiner Ansicht in folgender Erklärung Ausdruck. Bevor wir sie bringen, sei darauf hingewiesen, daß ihre Ausdrücke so deutlich und so wenig mißzuverstehen. sind, daß selbst ein noch sorgloser Journalist sich, wenn er sie falsch auffaßt, nicht mit dem Fehler entschuldigen kann, den einer unserer Zeitgenossen beging, als er sagte, daß die Republikanische Plattform kein Subjekt kenne. Der Wortlaut der Kundgebung ist folgender: „Wir verpflichten uns, an dem rechtmäßigen und gerechten Schutze unserer Bürger daheim und in der Fremde feftzühalten, und alle geeigneten Wege zu gehen, ihnen — gleichgültig, ob sie eingeborene oder naturalisierte Bürger sind, ohne Unterschied von Rasse und Glauben — gleichmäßig den Schutz unserer Gesetze und den Genuß aller Rechte und Vorrechte zu sichern, die ihnen unter unserem Vertrage offen stehen, und wenn unter bestehenden Verträgen das Recht zu reisen und sich aufzuhalten amerikanischen Bürgern versagt wird, oder amerikanischen Pässen die Anerkennung seitens irgendwelcher Länder aus religiösen Gründen oder solchen der Rasse vorenthalten wird, dann werden wir für prompte Verhandlung mit den Negierungen solcher Mächte sein, um die Beseitigung derartiger Unterscheidungen in die Wege zu leiten. Wir verlangen, daß in der ganzen Welt ein richtig ausgefertigter Paß, den die amerikanische Regierung einem amerikanischen Bürger erteilt hat, den Beweis dafür erbringen soll, daß der Betreffende Amerikaner ist und daß ihm das Recht zusteht, dieser Eigen schast entsprechend behandelt zu werden." Beide großen nationalen Parteien haben sich nun gegen die Unterschiede gewandt, die die Presse der russischen Regierung gegenüber jüdischen Staatsbürgern der U. S. A. erkennen läßt, wenn diese das Land betreten wollen und durch einen Paß mit dem großen Siegel des Staatsdepartements legitimiert erscheinen. Diese energische Reaktion läßt hoffen, daß die „Entfernung einer so ungerechtfertigten Unterscheidung" mit beschleunigtem Tempo bewirkt und über kurz zur Tatsache werde. Es ist einfaches Erfordernis der Gerechtigkeit diesen Paßinhabern gegenüber. Die widerrechtliche Verweigerungden Paß anzuerkennen, bedeutet eine Beleidigung der Ver, einigten Staaten und eine Verletzung internationaler Rechts¬ und Anstandspflichten. . ' Wik der Schlippelchk Lrlstz entltsnd. Von Dr. Arthur Kahn. egenwärtig, wo der Schlippesche Erlaß wieder vielfach kommentiert wird und die politische Presse und die hessische Kammer mehrfach beschäftigt hat, dürfte es nicht ohne Interesse sein, von einem mit dieser Angelegenheit eng verwachsen gewesenen Mitbeteiligten die Entstehungsgeschichte dieses Erlasses kennen zu lernen. Am Ansgang der siebziger Jahre, als in den deutschen Turnvereinen und Kriegerverbänden der Ruf: „Juden raus!" in den Wirts- und Kaffeehäusern ein hundertfaches Echo fand, als fast kein einziges Provinzblatt mehreswagte, gegen den wilden Wellengang des Antisemitismus anzukämpfen, an den deutschen Hochschulen nicht selten jüdische Studenten von ihren christlichen „Kommilitonen" verprügelt wurden, entstand in Mainz, wo der Judenhaß nicht recht Wurzel schlagen wollte, so wenig wie in den kleineren hessen-darmstädtischen Provinzstädten, ein Blättchen mit dem geschmackvollen Namen: „Die Wucherpille". Der Herausgeber, Gründer und Redakteur namens Windecker hatte sich zur Aufgabe gemacht, den Antisemitismus in Hessen verbreiten zu Helsen, und diesem Zwecke sollte „Die Wucherpille" dienen. Nebenbei natürlich auch dem schon mehrfach schiffbrüchig gewordenen Windecker ein angenehmes Dasein zu sichern, das sich um so müheloser gestaltet hätte, als der erwähnte Schwager und spätere Landtagsabgeordnete selber Hetzartikel lieferte, obgleich dieser Ehrenmann in seinem eigenen Organ nur eine ganz versteckte' Antisemitenpolitik betrieb, die ihm nicht die jüdischen Inserenten und die sein Blatt erhaltenden jüdischen Abonnenten verschlagen konnte. Tatsächlich war es dem hessischen Kruschewan mit seiner „Wucherpille", einer der niederträchtigsten Sumpfpstanzen antisemitischer Journalistik damaliger Zeit, — was schon .viel besagen will — sehr bald gelungen, die ganze hessische Bauernschaft zu verhetzen. Während sich die bürgerlichen Kreise