Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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, * BorEttM, 26. Juli. Es scheint. -daß'.antisemitische .'Kund-' gebungen> wie sie früher hier nicht selten waren,^ auf'Widerstand. stoßen. Wie erzählt wird, verlangte kürzlich ein Badegast in einem Hotel das „Borkumlied". Der Leiterder Musikkapelle weigerte sich aber, das Lied zu spielen, worauf die anti- und die prosemitischen Geister im Saale heftig auseinanderplatzten. Tags darauf wurde dem Badegast bedeutet, es wäre besser, wenn er die Insel verließe. Das tat er denn auch und begab sich nach Norderney. — Gelsenkirchen, im Juli. Im Saale des Berliner Hofs, demselben Hause, das schon vor einem Jahrzehnt den Gemeindetag beherbergt hat, fand am 5. dieses Monats der 18.- ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens statt. Nachdem der Vorsitzende zum Leiter des Tages gewählt worden ist und dann zu Beisitzern die Herren Gemeindevorsteher D. Klestadt und Dr. med. Wallerstein-Gelsenkirchen, sowie den zweiten Verbandsvorsitzenden, Herrn Liebenfeld-Bochum, ferner zu Protokoll, führern die Herren Hauptlehrer Kaufmann und Lehrer Katz-Gelsenkirchen berufen hat, entbietet Herr Vorsteher Klestadt den Willkomm Gelsenkirchens und händigt dem Vorsitzenden zur Ehre des Tages, namens der Synagogen-Gemeinde Gelsenkirchen 360 Mark für die Zwecke des Verbandes ein. In Ergänzung des gedruckt vorliegenden Jahresberichtes spricht der Vorsitzende des Schulausschusses, Seminardirektor Dr. Spanier-Münster, dem Verbandsausschusse herzlichen Dank für die Förderung aus, die dieser der jüdischen Volksschule und ihrem inneren-Ausbau erwiesen habe. Er überreicht sodann die eben fertiggestellten Lehrpläne für den Religionsunterricht. Ebenfalls an Hand des Jahresberichts äußert sich Hauptlehrer Kaufmann-. Gelsenkirchen in ebenso klarer wie gediegener Weise über die Frage der Schulinspektion. Er schließt mit der warmen Bitte an die Vertreter der Gemeinden, auf allgemeine Einführung der Inspektion für den Religionsunterricht hinzuwirken. Als Gegenberichterstatter macht Herr Rabbiner Dr. David-Bochum folgende Vorschläge: 1. Der Religionsunterricht an den höheren Schulen erfordert außer den zwei Pflichtstunden noch die Einführung einer Stunde für Hebräisch. 2. Der Verband soll in Schulbezirke eingeteilt werden, deren Leitung den Schulpflegern (Inspektoren) übertragen wird. 3. Als Schulpfleger schlägt Herr Dr. David vor: für die Regierungsbezirke Minden und Münster die Herren Rabbiner Dr. Coblenz-Bielefeld, Prediger Liepmannssohn-Minden und Seminardirektor Spanier-Münster. Für den ' Regierungsbezirk Arnsberg die Herren Rabbiner Dr. David-Bochum, Rabbiner Dr. Jacob-Dortmund, Hauptlehrer Kaufmann-Gelsenkirchen und Hauptlehrer Rothschild-Dortmund. 4. Die Pfleger sollen jährlich zu einer Beratung mit den Lehrern ihres Bezirks zusammentreten und dabei eine Lehrprobe mit sich anschließendem Gedankenaustausch geben. Irr der nun folgenden lebhaften Erörterung spricht sich Prediger Liepmannssohn-Minden gegen die Inspektion aus, weil Religionsunterricht Gesinnungsunterricht sei, den man nicht prüfen könne, und weil demgemäß der Lehrer leicht in Gegensatz zu dem Inspektor und in eine schiefe Lage seiner Gemeinde gegenüber kommen könne. Sanitätsrat Dr. Bynnin-Wattenscheid hingegen ist der Meinung, daß sich ein Lehrer die Inspektion ohne jedes Gefühl der Bitterkeit gefallen lassen könne und müsse.. Es sei nur auf Mittel und Wege zu sinnen, um die Lehrer aufzuklären. Dieser Ansicht stimmt auch Dr. Jacob-Dortmund zu, während er bei den vom Verband unterstützten Gemeinden die Inspektion für ganz selbstverständlich halte, was der Vorsitzende für zutreffend erklärt. Dr. Wallerstein-Gelsenkirchen spricht seine Verwunderung darüber aus, daß ein Lehrer gegen eine Inspektion sein könne, während doch so manch anderer Berufszweig sich der Prüfung und Aufsicht unterziehen müsse, und Dr. Coblenz-Bielefeld, der sich grundsätzlich mit den Vorschlägen Dr. Davids einverstanden erklärt, stellt folgenden Antrag: Der Gemeindetag spricht sich im Grundsätze für die Inspektion des Religionsunterrichts aus und hält ihre Durchführung, soweit sie zulässig ist, für wünschenswert. „Der Ausschuß wird daher beauftragt, die Inspektion in den gegebenen Grenzen einzurichten." Nachdem die Herren Kaufmann und Dr. David das Schlußwort gesprachen haben, wird der Antrag Dr. Coblenz einstimmig angenommen. Den Punkt III der Tagesordnung bildet folgender Antrag des Ausschusses: „§ 4 unserer Satzungen erhält folgende Fassung: Ab 1. April 1908 beträgt der jährliche Beitrag der Gemeinden "ein-Prozent;des"Mnkömmensteuersolls ihrer Gememdemrtglreder. mindestensaber 1-5 Marll- Maßgebend für die/Berechnung ist das Einkommensteuersoll des dem Geschäftsjahre vorhergegangenen Jahres. Eine jede Gemeinde hat die Höhe ihres Einkommensteuersolls dem Verbandsausschusse bis zum 31. Dezemberalljährlichmitzuteilen. „Der Absatz betreffs der Beiträge der Einzelpersonen bleibt bestehen." Der zweite Verbandsvorsitzende, Herr Liebenseld-Bochum, begründet den Antrag mit einer Schilderung der heutigen Verhältnisse, die eine Reform gebieterisch forderten, und unter Nennung zahlreicher, westfälischer Gemeinden, deren Fortbestand bedroht sehwenn ihnen der Verband nicht beispringe. Auch Dr. Coblenz - Bielefeld, als Gegenberichterstatter, legt der Versammlung das.Reformwerk mit warmen Worten ans Herz, und nach verhältnismäßig kurzer Erörterung wird der Antrag des Ausschusses mit voller Zweidrittelmehrheit angenommen. Auch diejenigen Gemeinden, welche nicht für die Vorlage stimmten, hatten sich zur beträchtlichen Erhöhung ihrer freiwilligen Beiträge bereit erklärt. An Anschluß daran wird der erweiterte Haushaltsentwurf, der in Einnahme und Ausgabe mit 5217,64 Mark schließt, als Punkt IV der Tagesordnung genehmigt. Unter Punkt V . beantragt der Ausschuß, den § 6 der Satzungen dahin abzuändern, daß Ergänzungswahlen nicht, alle drei Jahre mit den Neuwahlen, sondern gleich auf den nächsten Gemeindetag vorgenommen werden, sollen, und die Versammlung nimmt diesen Antrag einhellig an. Zuvor hatte der Herr Vorsitzende einerseits mit Worten herzlichen Bedauerns und anderseits mit dem Ausdrucke lebhaftester Anerkennung für die Tätigkeit der beiden Herren mitgeteilt, daß der. Senior unseres Verbandes, Herr Simon Löwenstein-Rietberg, aus Ältersrücksichten und Herr Isidor Goldschmidt - Dortmund aus privaten Gründen ihr Amt im Ausschuß niedergelegt hätten. Die Gemeinden Bochum und Bielefeld stellen darauf den Antrag, Herrn . Simon Löwenstein-Rietberg zum Ehrenmitglieds des Ausschusses zu ernennen, und Gemeindetag und Ausschuß stimmen einhellig bei. Nunmehr, bringt Herr Leeser-Dortmund den Antrag auf Vornahme der Ersatzwahl für Herrn Isidor Goldschmidt ein, dem der Ausschuß im voraus zugestimmt hat, und ebenso Herr Lucas-Soest den Antrag zur sofortigen Vornahme der Ersatzwahl für Herrn Simon Löwenstein-Rietberg, dem der Ausschuß ebenfalls, seine Zustimmung erteilt. Während ein Vertagungsvorschlag keinen Anklang findet, wird für jenen Rabbiner Dr. Jacob - Dortmund bis zum Jahre 1909 und für diesen Herr S. Goldschmidt-Soest bis zum Jahre 1912 in. den Ausschuß gewählt. Der Ausschuß besteht, nunmehr aus den Herren: S. Flörsheim-Dortmund, Vorsitzender, M. Liebenfeld - Bochum, stellvertretender Vorsitzender, Siegfried Freund-Dortmund, Schriftführer und Schatzmeister, Rabbiner Dr. Coblenz - Bielefeld ,. Justizrat Dr. Frankenstein-Bielefeld, Rechtsanwalt Dr. Katzenstein-Bielefeld/ Rabbiner Dr. David-Bochum, Rabbiner Dr. Jacob-Dortmund, Gemeindevorsteher D. Klestadt-Gelsenkirchen, Rechtsanwalt Nassau-Hageu, Rechtsanwalt Dr. Cohn-Münster, Seminardirektor Dr. Spanier- Münster, S. Goldschmidt-Soest, Sanitütsrat Dr. Bonnin-Wattenscheid, Prediger und Lehrer a. D. I. Ostwald - Witten. Auf die Mitteilung des Vorsitzenden hin, daß zu den. beiden neuen öffentlichen jüdischen Volksschulen, die schon im Jahresbericht erwähnt sind, inzwischen noch zwei andere hinzugekommen sind, nämlich Rahden und Rheda, spricht der Vertreter Rhadens dem Ausschüsse den. Dank seiner Gemeinde für. die ihr geleistete Hilfe aus, und aus die weitere Ankündigung hin, daß die Einladungen zur Grundsteinlegung des vom Verbände ins Leben gerufenen israelitischen Kinderheims in Bad Sassendorf voraussichtlich am 9. August ergehen würden und daß der. nächste Gemeindetag am 1. Mai gleichzeitig mit der Einweihung der Anstalt abgehalten werden könne, erhebt sich der Vertreter von Soest, als nächster. Nachbarort von Sassendorf,, und ladet den. Gemeindetag nach Soest, ein. Gern, nimmt die Versammlung das Anerbieten an. Für das Kinderheim hat inzwis chen Herr Gemeindevorsteher Klestadt- Gelsenkirchen als zweites, aber noch nicht letztes Ergebnis der Sammlung die Summe, von 860 Mark überreicht. Ebenso wird vom Israelitischen Frauenverein Gelsenkirchen durch dessen Vorsteherin Frau Neuwahl, ein Geschenk von 500 Mark für das Kinderheim überbracht. Mittlerweile ist ein Telegramm aus Marburg eingetroffen mit der Meldung, daß die Königliche Regierung dort ein Schächte verbot erlassen habe, das möglicherweise auf den ganzen. Bezirk