Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 372 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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m mm „Hahaha," lachte der Soldat laut aus- „fein 'ausgedacht! Könntest unter die Komödianten gehen, alter Spitzbube. Aber jetzt komm mit; wir wollen. Dich schon versorgen, daß Mr's; Komödienspielen vergehen wird." „ Es ist die reinste Wahrheit, was ich dem Herrn berichtet habe," sagte der Gequälte. «Ja, ja, glaub's schon; sollst auch das allgemeine Ehrenzeichen kriegen für Deine Rechtschaffenheit. Aber vorerst wollen wir hinunter ins Dorf zum Baron Pollwitz. Hahaha! Wie wird der lachen! Der Jude wird eine gestohlene Uhr nicht kaufen. Gott sei bei uns, nun ist der jüngste Tag nahe." Und so mußte denn Isaak in das Dorf zurück, aus dem er soeben mit der härtesten Beschimpfung gewiesen worden war. Welche Aufnahme mußte er nun erwarten? Zwar konnte er jetzt den Dieb angeben: aber woher die Beweise für seine Aussage schaffen? Und wer glaubt einem Juden etwas ohne Beweise? Mit solchen beängstigenden Gedanken näherte er sich dem Dorfe. Der alte Pollwitz sah ihn unter seiner Eskorte schon von fern und jubelte auf vor Freude, daß er sich in dem wahren Dieb nicht geirrt habe. Was anderes konnte auch den Juden jetzt zu ihm zurückführen als die Entdeckung des Diebstahls? Auch wurde er in seiner Annahme durch die Frage des Sergeanten bestärkt, ob ihm vor kurzem eine goldene Uhr entwendet worden sei. „Allerdings fehlt mir seit verwichenen Freitag meine goldene Taschenuhr und ich habe deshalb erst vor einer kleinen Weile dieses Subjekt eben, das mir gleich verdächtig schien, im Examen gehabt, aber aus allzu großer Milde wieder laufen lassen... Heinrich, rufe einmal den Hermann herunter, er soll sich doch nun von des Juden Unschuld überzeugen." Hermann kam und fragte verlegen, was vorgefallen sei. Der Gendarm erzählte nun, mit. mancherlei spöttelnden Nebenbemerkungen, wie er von der Höhe des Weges herab zwei Männer im Streit' bemerkt habe, wie der eine von ihnen bei seinem Nahen ins Gehölz gesprungen sei und wie der andere, eben der hier eingebrachte Jude, ihm aufbinden wollte, daß der Jäger des Herrn Grafen ihn: eine gestohlene goldene Uhr habe verkaufen wollen, die er, der Jude zu kaufen sich standhaft geweigert habe. Der alte Baron lachte, der junge wurde sehr ernst und maß den Sergeanten mit zürnenden Blicken. Eine heftige Debatte begann jetzt zwischen Vater und Sohn, deren Hauptthema darin bestand, daß der junge Pollwitz sich an den bekannten römisch-juristischen Grundsatz hielt: Jeder gelte für rechtschaffen, solange nicht das Gegenteil erwiesen sei, während der alte Baron meinte, die Römer hätten unmöglich hierbei auch die Juden einschließen wollen, vielmehr müsse in betreff der Juden eine vernünftige Gesetzgebung den Satz umkehren, und jeden Juden für einen Betrüger halten, solange nicht das Gegenteil erhärtet sei. Inzwischen kehrte der Diener, der den Jäger vom Schulzen, wohin er geschickt worden war, herbei holen sollte, mit der Nachricht zurück, der Jäger sei nicht dort gewesen, und auch andere Boten, die denselben aufsuchten, fanden ihn nirgends. Da erklärte der alte Pollwitz, man müsse nun die Entwicklung dieser rätselhaften Geschichte abwarten, jedenfalls aber sollte der Jude, als des Diebstahls oder doch der Mitwissenschaft desselben im höchsten Grade verdächtig, in Haft gebracht werden. Nur auf das dringendste Bitten Hermanns ließ der Baron sich bewegen, den Juden bis zum kommenden Tage auf dem Schlosse als Gefangenen zu behalten, und so ward denn Isaak unter schallendem Gelächter der zahlreichen Dienerschaft nach einer Bodenkammer im dritten Stockwerk des Schlosses abgeführt. Auf dem Wege dahin bat er um einen Trunk Wasser und um etwas Brot und-Asche, und als dies ihm gebracht worden und die' Tür seines Gefängnisses geschlossen worden war, da. setzte sich der Jude auf die Erde, bestreute das Brot mit Asche und begann so das vorgeschriebene Träuermahl um die Zerstörung Jerusalems. Und bald flöß in ihm die Trauer um seines Volkes Unglück mit dem Schmerz über seine eigenen Leiden zu einem Gefühle zusammen, und es wurden die Klageworte des Propheten Jeremias ihm Heute mehr als jemals der wahrste und lebendigste Ausdrück seines inneren tiefsten Wehes. „Nicht treffe es Euch alle, die Ihr des Weges vorüber ziehet!" rief er gepreßten Herzens aus und übergoß mit Tränen das Buch der Klage, „blickt her und sehet, ob ein Schmerz gleichet meinem Schmerze, der mir angetan worden, mit dem der Ewige mich betrübet am Tage seines entbrannten Zornes . . . . Stehe auf, wehklage in der Nacht; beim Beginn der Nachtwache schütte aus wie Wasser Dein Herz vordem Herrn, erhebe zu ihm Deine Hände um des Lebens Deiner Kinder willen, die vor Hunger verschmachten an allen Straßenecken .... Gedenk', o Ewiger, wie es uns ergangen, schau und sieh unsere Schmach! Dicht an unserem Nacken, werden wir verfolgt: wir sind ermattet und keine Rast wird uns. Warum, o Ewiger, verließest Du uns für immer, verlässest Du^uns so lange Zeiten? Führe uns zurück, Ewiger, zu Dir, und wir wollen zurückkehren; erneue unsere Tage wie vormals." Noch lange, nachdem sein Mund die Klagelieder Jeremiä und die anderen Trauergebete zu Ende gesungen hatte, klangen in seinem Herzen die Trauertöne nach, und selbst, als sein ermatteter Körper in Schlaf zurückgesunken war, blieb sein Geist dicht umlagert von feindlichen Gestalten, unter welchen nur dann und wann das freundliche Antlitz des blondlockigen Hermann hervortrat, wie Hoffnung zuwinkend auf ein kommendes besseres Geschlecht. Der frühe Tag fand Isaak bereits betend und Klagelieder singend. Um die siebente Stunde öffnete sich die Tür des Gefängnisses, und ein Bedienter verkündete ihm, daß er abziehen könne, die Uhr sei gefunden. Wie, ward ihm nicht gesagt und unterließ er zu fragen. Er lud sein Bündel auf und ging, einen untertänigen Dank zurücklassend für den gnädigen jungen Herrn, der sich seiner so edelmütig angenommen habe. „Geht nur, geht," drängte der Bediente, „der junge Herr könnte auch was Besseres tun als sich mit Betteljuden einzulassen." In einer Kammer des nächsten Wirtshauses setzte Isaak seine Trauerandacht bis in die zweite Nachmittagsstunde fort, und nachdem er dem von seinem Fasten und Beten abgehärmten Körper eine Stunde Schlafes gegönnt, schleppte er sich hausierend durch das Dorf, bis die Zeit des Sonnenunterganges ihn zur Schlußandacht des Trauertages rief. Erst als Sterne am Himmel sichtbar waren und er den Segen über den Neumond gesprochen hatte, beschloß er mit einem. dürftigen trockenen Mahle das Vierundzwanzigstündige Fasten. Dann begab er sich zur Ruhe. Die erste Hälfte der Wanderwoche war durchlitten. Der nächste Tag war einer der bessern; denn obgleich er wie alle anderen Hausiertage überreich an körperlichen Beschwerden und Entbehrungen war, so ließ er .doch das Gemüt und die Ehre des Hausierers ungekränkt. Einmal jedoch stand ein drohendes Ungewitter über dessen Haupte, und nur seine fromme Duldsamkeit half ihm die Gefahr überwinden. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktton: Max Bauchwitz in Berlin. „r,,- r, V -v V.-M-ri