Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 371 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Euer Gnaden,-sind,.spreche;.- aber <ichhin an solche Rede mit . Vornehmer- Herrschaft, nicht gewöhnt..- Bei -dem allmächtigen Vatex. im Himmel, .den Euer. Gnaden, dychiauch anbeten,, flehe ich zu-Ihnen,, stehen .sie,, ab-von dem.Verdacht gegen meine Glaubensgenossen.. . Wir - armen, unglücklichen Hausierer haben ja leider schon genug an der Last des Broterwerbes zu ziehen: lassen sie uns wenigstens den Trost, daß unser guter ehrlicher Name unbefleckt geblieben ist und aus unsere armen Kinder als ihre einzige Erbschaft rein übergehen kann. Meine Haare sind unter-schweren Leiden und in bitterer Not vor der Zeit grau geworden; es steht bei Gott, ob ich auch noch einmal eine Freude auf Erden erlebe, bis setzt habe ich leider nur die Bitterkeit des Lebens kosten müssen. Aber selbst in den Tagender drückendsten Armut hat mich der Allmächtige vor: dem bösen Gedanken bewahrt, daß ich durch unrecht Gut meine Not lindern möchte. Wie könnte ich auch mein Gebet zu dem allsehenden Richter erheben, wenn ich mein Gewissen durch eine-Unredlichkeit befleckt hätte?- Und ich bin sa nicht! besser und frömmer als andere, warum sollen andere nicht ebenso denken und handeln? Darum bitte ich Euer Gnaden untertänigst, untersuchen Sie erst genau, ob die Uhr Ihnen wirklich schon am Freitage" — „Aha, ich merke schon, aus welchem Loche der pfeift. Siehst Du nun, Herr Studiosus, was Dein Aberwitz für Früchte trägt? Es geht doch nichts über.Judenschlauheit! Aber damit sollt Ihr alter Sünder mir nicht durchschlügen. Die Uhr fehlt mir seit Freitag früh, und Euer ängstliches Durchrennen durchs Dorf -ist mir trotz Eures frommen Gelöbnisses Beweis genug, daß ihr teil am Diebstahl habt." „Was mich betrifft," erwiderte Isaak, noch immer in der vorigen gebeugten Stellung und mit demütiger Gebärde, „so können Euer Gnaden sich selbst durch meinen Paß überzeugen, daß ich Freitag früh nicht hier, sondern in Neumarkt gewesen bin. Aber nicht für mich bitte ich um vorherige Nachsuchung, sondern für meine.Glaubensbrüder —" „Wo ist der Paß?" unterbrach ihn der Baron kurz und herrisch. „Her damit!" Isaak entfaltete seine ärmliche, mit einem dünnen Strick umwundene Brieftasche, und überreichte den Paß. „Also David Isaak aus Breslau," murmelte Herr von Pollwitz vor sich hin, „wir wollen uns jedenfalls den Namen notieren.. .Uebernachtet...Uebernachtet. .Wo das Hausierervolk doch überall herumstreicht: die ganze Runde umschlingen sie mit einem Netze . . . Uebernachtet . . . Richtig . ... Wir wollen doch sehen, ob das Signalement stimmt." Und nun verglich er Zeile für Zeile das Bild mit dem Originale ... „Na, das mag soweit seine Richtigkeit haben," sagte er endlich mit unterdrücktem Aerger, „aber jetzt packt Euch aus dem Dorfe, und laßt Euch nie, hört Jhr's, laßt Euch niemals wieder hier sehen, sonst werde ich Euch mit allen Hunden hinaushetzen lassen .. . Heinrich, sorge dafür, daß. der Jude sofort das Dorf verläßt." Isaak nahm -seinen Paß und zog sich in gebückter Stellung schweigsam zurück. Mehr als seine Kräfte es erlaubten, eilte er aus einem Orte hinweg, in welchem die zarteste Seite seines Charakters grausam angetastet worden war. Er hatte seit vierzig Jahren Beschwerden und Sorgen ohne Murren ertragen; er hatte Verfolgung und Hohn stets mit dem gläubigen Gedanken an Israels Verbannung erduldet; aber der Angriff auf seine Ehrlichkeit schlug ihn zu Boden. Er kämpfte lange, bis das Gefühl ihn übermannte und er in heftiges Weinen ausbrach. Die Oede des Weges, der sich über eine langgestreckte Anhöhe durch dichtes Gebüsch hinzog, gestattete einen ungehemmten Erguß seiner Gefühle. Er ging in die entferntesten Zeiten seines vielgeprüften Lebens . zurück, er durchmusterte mit gewissenhaftester "Strenge sein Verfahrenin den Verschiedenartigsten Lagen: aber er konnte keine Handlungaufstnden, durch welche er diese ' ärgste Schmach verschuldet hätte. Endlich, wurde er durch einen aus dem Gebüsch scheu hervortretenden kräftigen Mann in . Jägerlivree aus seinem düstern Hinträumen geweckt. „Grüß Euch Gott, Ihr guter Alter," redete der Unbekannte ihn an und schüttelte mit treuherziger Freundlichkeit ihm die Hand, „es drängte mich zu Euch, um Euch mein Mitleid auszudrücken über das Unrecht, was Euch eben jetzt von meinem Herrn begegnet ist," „Ihr seid im Dienste des Barons Pollwitz?" sragte Isaak. ,-Leider bin ich es noch für einige Wochen," erwiderte der Fremde, „länger hielte ich es bei diesem Unmenschen nicht aus. Es ist doch ganz abscheulich, einen ehrlichen, braven Mann, bloß weil er eine andere Religion hat, so zu behandeln." Isaak sah ihn zweifelnd an, wie wenn die letzte Aeußerung ihn überraschte. „Ihr scheint mir nicht zu trauen, guter Mann," sagte der Jäger, „aber Gott behüte mich, daß ich es mit Euch Armen unredlich meinte. Im Gegenteile, ich habe Euch einen recht guten Verdienst 'zugedacht, damit Ihr für die Schändlichkeit meines Herrn doch wenigstens in etwas entschädigt werdet." „Laßt mich heute," sagte Isaak, „ich habe Eile." „Seid kein Tor, lieber Freund, so was kommt euch nicht alle Tage in den Wurf. Hier seht" — bei diesen Worten zog er ein kleines Papier aus seiner inneren Westentasche hervor — „seht, pures gediegenes Gold." „Allmächtiger Vater, erbarm' Dich meiner!" schrie Isaak und hielt sich beide Hände vor das Gesicht; „um Himmels willen entfernt Euch, ich bin verloren, wenn jemand uns hier sieht." „Dummes Zeug," beruhigte der Jäger den forteilenden Juden, „hier läßt sich so leicht keine Menschenseele blicken. Machet rasch ab; für zwanzig Taler, was seine hundert wert ist." „Laßt mich los, Ihr Bösewicht!" schrie Isaak, all seine Kraft zusammennehmend. „Ihr sollt sie für fünfzehn haben; wahrhaftig ein Spottpreis — na, weist Geld." Isaak, aufs äußerste gebracht, ballte seine muskulösen Hände ünd erhob sie mit. drohender Gebärde gegen den Versucher. Aber während er zu einem verzweifelten Kampfe sich anschickte, hatte der Jäger in nicht großer Entfernung emporsteigenden Staub wahrgenommen und war mit einem Sprunge im Dickicht verschwunden.- Isaak sank fast zusammen vor Schrecken, als er die Nähe eines Zeugen bemerkte. Bald wurden auch Pferdetritte vernehmlich, und nach wenigen Augenblicken hielt ein nmrtialisch aussehender Gendarm vor ihm an. „Was hast Du hier getrieben, Jude? Wer ist da in den Wald gesprungen?" Isaak vermochte keinen Laut hervorzubringen. „Wirst Du reden, verfluchter Jude, oder ich werde Dir mit der da" — er wies auf seine Reitgerte — „die Zunge lösen." „Ach, Gottes Hand liegt schwer auf mir!" seufzte Isaak nur schwach vernehmlich. „Kreuzdonnerwetter, brumm' nicht Dein verfluchtes Rotwelsch in den Bart!" schrie der Gendarm in heftigem Zorn und strich dem Juden einen derben Hieb übers Gesicht, „was hast Du hier gegaunert?" Zitternd und stammelnd erzählte Isaak getreulich, was ihm hier begegnet war.