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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-31 · Heft 31 (31.7.1908) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
Seite 370 (sequence 12)
Language
German
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kopiert hatte, sondern umgekehrt)^ so müssen wir ‘ doch sagen: ein Kultusbau soll ein Charakterbau sein. Den kann uns aber ein nichtjüdifcher Künstler sogut, wie -ein jüdischer errichten, wenn er sich der Aufgabe mit Verständnis unterzieht. Und es ist jenen schon oft genug gelungen, sei es nun, daß der universale Charakter unserer Religion die Lösung erleichterte, oder das Fremdartige zu besonderem Studium reizte. Ferner kann die Frage austauchen, ob es nicht mißlich sei, die Einheitlichkeit eines Straßenzuges zu unterbrechen, oder in eine von ganz anderen künstlerischen Gesichtspunkten beherrschte Häusergruppe ein fremdartiges Element hineinzubringen. Ganz gewiß; jedoch darf auch eine Synagoge beanspruchen, ihre Umgebung zu beherrschen, und es wird darauf Bedacht zu nehmen sein, daß sie nach Möglichkeit frei steht und nur an sich selbst gemessen zu werden braucht. Vom Aeußeren wende sich der Blick ins Innere. Ob der Aron hakodesch an antike Vorbilder sich anlehnt, ob in den Künstlern die mächtigen Verse aus dem 24. Psalm nachwirkten, genug, seine Form ist fast überall der säulengetragene, emblem" geschmückte Triumphbogen. Nicht ein fast in dre Rückwand eingelassener Wandschrank, den nur der Vorhang kenntlich macht, soll die heilige Lade sein, sondern freistehend und emporstrebend die Ostseite des Heiligtums ausfüllen. Schön ist ein solcher Schrank zum Beispiel in der Heidereutergasse zu Berlin, und ähnliche findet man von Amsterdam bis gen Odessa. Welch köstliches Schnitzwerk dient ihm meistens zur Verzierung, wie liebevoll ist er ausgemalt! Prangen doch so manche von außen unscheinbare Synagogen drinnen in überquellender Schönheit. Ueber und über in lustige Farben getaucht sind die Holzwände und Gesimse in den Bethäusern zu Bechhofen und Kirchheim; wie warm und wohlig mag das schlichte Getäfel in Oberstreu oder Wald.orf auf den Betenden wirken; wie traulich berührt das ausgeschnittene Herzchen in den Türen des Aron hakodesch zu Gelnhausen! In der Mitte des einen Ausstellungsraumes ist ein Almemor aus der Synagoge zu Leimen vom Jahre 1729 aufgebaut. Auf einem regelmäßigen Vieleck erhebt er sich schlank gegliedert, zeigt überall hübsche Nokokoornamente und trägt seine Lampen hoch oben, wie Festesfackeln. Ein solches Betpull war wirklich geeignet, den Augenpunkt der Gemeindeversammlung zu bilden, um ben sich alles gruppiert. Der Almemor wird heute in modernen Synagogen an den heiligen Schrank gerückt, vielleicht zum Vorteil des künstlerischen Eindrucks, nicht aber zur Hebung des Andachtgefühls. Denn man vergesse nicht, daß die Synagoge mehr und mehr eine Predigtkirche geworden ist, die Kanzel und Lesepult an einer Seite oder in der Mitte verlangt. Geschmacklos aber erscheint eine Neuerung in der ehrwürdigen Synagoge, zu Venedig, woselbst man in den Almemor nachträglich die Orgel eingebaut hat. Bei aller Vorliebe für dieses herrliche Instrument, das unsere Chöre, unser Schma und unsere Kaduscha verstärken helfen mag — aber beherrschen soll die Orgel die Synagoge nicht, sondern bescheiden zurücktreten, wie es der Dienenden ziemt. Das Gitterwerk der alten Frauenshnagoge wird wohl viel befremdete Blicke auf sich , ziehen; es ist wirklich ein Stück übriggebliebenes Altertum. Dagegen wird man mit Interesse die Handleuchter, das reichgeschnitzte Gestühl, die ewige Lampe .und anderes betrachten, das indessen mehr dep künstlerischen Kleinkunst und dem höheren Gewerbefleiß angehört. . ' - \ MWM. -; sfiaiiibecog Der tzsuüerer. Eine Geschichte aus der guten alten Zeit. ' Von Eduard Mohr. - \ V. ■ ' ' - : i.: /^^saak bat in den unterwürfigsten Ausdrücken .den Baron Verzeihung, daß er seiner Gnaden nicht Rede gestanden habe; der Fasttag Jerusalems beginne bald und außerdem zwänge ihn auch ein religiöses Gelübde, jetzt das Handeln zu unterlassen. ' V „Ei, ei," unterbrach ihn der Baron mit höhnischem Lächeln, „seht, das nenne ich doch einen frommen Juden; hat ein Gelübde getan, nicht zu schachern und will statt dessen um Jerusalem trauern. Nicht wahr, Auguste —. so hieß die' Baronin Pollwitz — das muß ein rechter Biedermann sein? Aber sagt mir nur, Ihr frommer Mann, was, trauert denn : Ihr Juden so sehr um Jerusalems Zerstörung? Wir Christen sollten trauern, daß diese Zerstörung Euch über alle Länder wie Heuschrecken ausgebreitet hat; für Euch müßte ja der Tag der Zerstörung ein Freudentag sein, wo hättet Ihr denn in Eurem gelobten Lande so viel Christen gehabt, sie zu beschummeln und zu bestehlen?" Das letzte Wort betonte der Baron sehr scharf und fixierte dabei den Juden mit einem so stechenden Blick, daß dieser erschreckt die Augen niederschlug. „Nun frommer, ehrlicher Mann, wie stehbs?" fuhr der Baron nach einer kleinen Pause fort, in der. er eine Antwort erwartet zu haben schien, „seid Ihr noch um Jerusalems willen vor mir so scheu vorübergeschlichen? Oder fürchtet Ihr meine Gegenwart? Nicht wahr, Ihr'/habt es für ratsamer gehalten, zu einer anderen Zeit wiederzukommen, um dann weniger beobachtet zur goldenen Uhr auch die goldene Kette zu holen?" Und abermals durchbohrte er den armen Mann mit einem forschenden Blicke, so daß dieser vor Betäubung nur in abgebrochenen Lauten die Versicherung hervorzustammeln vermochte, er wisse weder von einer Uhr noch einer . Kette das geringste. „Was!" schrie Herr v. Pöllwitz, in heftigem Zorn aufwallend, „Ihr habt noch die Frechheit zu leugnen? Ihr alter Schelm, Ihr wollt es leugnen, daß Ihr am letzten Freitage mit Eurem spitzbübischen Spießgesellen mir hier aus der Laube . eine prächtige goldene Uhr gestohlen habt? Wartet, Ihr sollt" — „Ich wiederhole Ihnen, lieber Vater," unterbrach ihn ein kräftiger, blondlockiger Jüngling, der bisher mit sichtbarer Entrüstung die Reden des Barons angehört,, „ich kann es Ihnen beschwören, daß ich die Uhr noch am Sonnabend früh auf Ihrem Pulte gesehen habe; auch ist dieser Mann ja gar nicht" —: „Behalte Du Deine Weisheit für Dich, Herr Nechtsbeflissener," fuhr der Baron den Sohn an, „und verschaffe Dir seinerzeit bessere Klienten als solches herumstreichendes Judengesindel; ^s ist nicht große Ehre dabei zu erwerben. Euch altem Betrüger mit der Heiligenmiene aber will ich raten, daß Ihr nicht zu lange zögert, den Diebstahl zu bekennen, ehe ich Euch ins Loch stecken lasse." Isaak hatte sich während der Einrede des jungen Barons ein wenig gesammelt. Er begann jetzt, schüchtern den Blick - erhebend, mit gedämpfter Stimme: . „Euer Gnaden halten es nicht für ungut, wenn ich. vielleicht nicht respektvoll genug mit einem so hohen. Herrn, . wie

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