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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-31 · Heft 31 (31.7.1908) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
Seite 369 (sequence 11)
Language
German
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eine erstaunliche Zahl, wenngleich die vielen Abbildungen und Photographien eingerechnet sind. Denn auch die Originale : sind so reich vertreten, daß kaum ein Gebiet des jüdischen Gottesdienstes ober häuslichen Kultus leer ausgeht. — Die jüdische Gottesverehrung mit ihren unscheinbaren Hilfsmitteln, ausgestellt inmitten der Erzeugnisse klassischer und moderner Kunst und des Gewerbefleißes aller Zeiten und Zonen (China und Japan nicht ausgeschlossen), dazu die Beschauer aus allen Bekenntnissen und die Anordnung und ^Darbietung aus der Hand eines nichtjüdischen Fachmannes, der, freilich auf jüdische Arbeiten gestützt, sich hier als gewiegter, fein empfindender Kenner dieses fremdartigen Gebietes bewährt,, das alles gibt der Veranstaltung einen besonderen Reiz. Mancher Strengsromme mag sich beklommen fühlen, wenn er Gebetriemen und -Mantel mit den erklärenden Schildchen hinter Glas und Nahmen erblickt; wir wandern durch diese Welt innerlich bewegt, ähnlich, wie wenn wir in einem jüdischen Geschichtswerk blätterten, halb wehmütig, halb zukunftsfreudig. Die Versuchung läge nahe, diesen Gedanken noch ein wenig nachzuhängen; uns etwa zu vergegenwärtigen, wieviel gerade vom häuslichen Judentum abgebröckelt ist, das einst unser Stolz war. Denn nur die Liebe konnte so viel in sich versunkene Mühe und sich selbst belohnenden Kunstfleiß an all die Sabbatdeckchen oder Gewürztürmchen oder Siblonoth und Ketuboth wenden. Oder wir gingen gern an der Hand dieser gewerblichen Erzeugnisse jenen gemütvoll-friedlichen Beziehungen zwischen Juden und'Christen nach, die auch in finsteren Zeiten niemals schlummerten, und die sich so deutlich in dem Geben und Nehmen künstlerischer Motive bekunden. Aber das alles hat mit den Absichten der Ausstellung wenig zu tun, die vielmehr in zwei anderen Richtungen liegen: einmal soll eine Ueberschau über die vom Kultus des Judentums erzeugte Kunstleistung früherer und auch neuerer Zeiten geboten werden; sodann. afcet mag von hier eine Fülle von Anregungen für modernes jüdisches Kunstgewerbe durch mustergültige Vorbilder ausgehen. Und dies letztere ist vielleicht das Wertvollste, jedenfalls das Aktuelle. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß wir diese Sammlung überhaupt nicht besäßen, wenn nicht das praktische Bedürfnis den letzten Anstoß dazu gegeben hätte, z. B. einmal die Nachfrage nach Motiven für ein Grabgitter auf einem jüdischen Friedhofe. Mit Vorliebe erzählt Direktor Frauberger, daß ihn bei solcher Gelegenheit seine reiche Vorlageusammlung völlig im Stiche gelassen habe. „Nur das bekannte Davidschildchen fand ich, und das konnte doch ebensogut ein bayerisches Vier- oder Bratwurststübchen bezeichnen." Sein Entschluß war. gefaßt, Entdeckungsfahrten ins unbekannte Gebiet des jüdischen Kultus zu machen, und die Ausbeute sollte bald nach vielen Seiten Nutzen stiften. In Bildern jeder Gattung wird uns die Synagoge selbst vorgeführt. Die Forderung, man müsse einem Bauwerk ansehen, welcher Bestimmung es dienen soll, darf nicht übertrieben werden; für Kultusbauten besteht sie aber zu.Recht. Hat doch jede scharf ausgeprägte Religionsform sich auch ihren eigenen Baustil geschaffen — in verschiedenen Epochen sogar deren mehrere, und das Judentum hat davon keine Ausnahme gemacht. Der Tempel zu- Jerusalem war gewiß ein charakteristisches Bauwerk; die Synagogen, wie sie seit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert aller Orten errichtet wurden, waren es auch. Nicht allein durch die Innenarchitektur, die von Aron hakodefch, Teba (später Almemor genannt) und Fraüen-Empore beherrscht war, sondern sicher auch in. Grundriß und Aufbau. Die literarischen Zeugnisse der Bibel oder des Josephus gehen so ins einzelne, daß ein Nachkonstruieren ein Leichtes wäre. Sicher hätte sich auch später ein einheitlicher Stil herausgebildet, wenn nicht die große Zerstreuung der Volksglieder 'über so verschiedene Kulturländer entgegengewirkt und besonders Orient und Abendland geschieden hätte. Den allgemeinen Kulturverhältnissen entsprechend, werden wir erwarten, daß die Synagoge in Vorderasien, Nordafrika und Spanien den maurischen Stil aufnimmt und sesthält, während uns die Tatsache befremden könnte, in der Raschi-Kapelle und verwandten Bauten dem romanischen, in anderen Synagogen sogar Anklängen an die Gotik zu begegnen. Die erweiterte, nämlich engherzige Auslegung von der Nachahmung fremder Bräuche, war offenbar noch nicht erfunden. Wir wollen uns aber erinnern, daß lange Jahrhunderte hindurch die Synagoge selbst-im Gäßchen kaum ins Auge, fiel, sondern sich oft mit einem bescheidenen Hofwinkel begnügte. Was sollte man da nach der Bauweise fragen; im Innern konnte sich der Kunstsinn und die Lust än Prunk und Farbe breit machen. Das gilt für die prächtigen Renaissance-Synagogen Italiens, wie für die von außen so öden und nüchternen Bauten des slavischen Ostens, deren Innenausstattung oft überrascht. Eine neue Epoche kann man von der Mitte des vorigen Jahrhunderts rechnen, wo die Synagoge anfing, einen Platz im Stadtbilde zu verlangen. Und da zeigt sich längere Zeit eine entschiedene Hinneigung zum maurischen Baustil als dem charakteristischen. Aus ihn weist unsere morgenländische Herkunft, die uns arische Ueberhebung umsonst verächtlich zu machen bemüht ist; auf ihn unsere zweite freundliche Heimat Spanien. Bauten wie Oranienburgerftr. 30 zu Berlin, ähnliche zu Wien von Wilhelm Stiaßny, kleinere Bauten wie zu Wiesbaden, Aachen usw. behaupten noch heute einen hohen Rang. Nur die letzten »Jahrzehnte bringen dies Bild wieder ins Schwanken; Synagogen von München, Glogau, Düsseldorf, Dortmund, Mülheim, ja auch die neue Synagoge zu Köln und die Hofsassaden zu Berlin nähern sich mehr und mehr den romanischen Formen, ja hier und da auch der Gotik. Wir bekennen e8 offen, wir sind kein Freund dieser Entwicklung in Deutschland. So sehr sie sich auch auf die oben erwähnte Tatsache stützen kann, daß unsere Vorfahren in deutschen Landen arglos in Synagogen beteten, die auf der Kreuzform errichtet waren und in der Konstruktion, dem Fassadenschmuck usw. romanische und gotische Formen aufwiesen, uns wollen diese neueren Synagogen nicht gefallen, die nur um Verwechselungen vorzubeugen statt des vom Auge gesuchten Kreuzes das Davidschild ausgepflanzt zu haben scheinen. Denn von diesem abgesehen stellen sie uns vor die heikle Frage: Haben wir hier eine Kirche oder wirklich eine Synagoge vor uns? So schön sie also auch an sich sein mögen, die großen bunten Rundfenster und die gotischen Spitzbogen, und die niedlichen Kriechblumen oder „Krabben", in die Synagogen gehören sie nicht hinein. Da will uns immer noch der orientalische Stil am passendsten erscheinen, also der Rundbogen im Innern und die Kuppeln droben, die das Himmelsgewölbe andeuten, nicht etwa die fürchterlichen Pickelhauben oder die zwiebelartig nach unten ausladende Kuppel, die wir neidlos der . griechisch-orthodoxen Kirche überlassen wollen. Doch hier gilt es, einigen Einwänden zu begegnen. Sollte es nicht den wohlverstandenen Assimilationsgedanken entsprechen, im allgemeinern Kirchenstil zu bauen? Wir meinen, nein! Denn ohne dahin zu zielen, wo Avenarius mit seiner Klage über die Chemnitzer „Luther-Synagoge" hinauswollte („wir müssen aus echt evangelischem Geiste den protestantischen Stil erringen"; wo doch wahrlich nicht die Kirche die Synagoge

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