Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 367 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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. Wenn ich.die orthodoxe. Lehre richtig aufgefaßt habe, so ist sie untrennbar verknüpft mit der Annahme, daß Moses das Fünfbuch verfaßt, daß Gott das Werk gekrönt und so die Nnabänderlichkeit des Gesetzes des Pentateuch konstituiert habe. Wird.dieses Dogma abgeleugnet,^ so wüßte ich nicht, habe es mir zum mindesten nie klar, machen, können, wie das orthodoxe. Judentum, als das religiöse System eines Glaubens, diese Dogmenänderung überdauern sollte. Da gibt es keinen Ruheplatz, kernen Unterschlupf auf . halbem Wege zwischen jener Lehre und .der unseren. Entweder ist das Gesetz mosaisch, etwa göttlich, unwandelbar, oder es-ist es nicht: tertium non datur. Die orthodoxe Lehre, in glatter Ablehnung geschichtlicher Forschung, vergleichender Religionswissenschaft, kritischer Bibelb etrachtung, behauptet das erste und, sie muß so handeln; der Liberalismus, im Einklang mit der Geschichtsforschung, mit der vergleichenden Religionswissenschaft wie der Bibelkritik und, wie ich noch hinzufügen möchte, den Gesetzen einer vorurteilsfreien und lichtvollen Ethik, sagt das andere. Die Lehre von der Göttlichkeit, der Autorschaft Mosis und der Unwandelbarkeit des Gesetzes ist unumwunden und klar niedergelegt in dem siebenten, achten und neunten Artikel der orthodoxen jüdischen Anschauung, von Maimonides formuliert im 12. Jahrhundert, und sie findet sich wieder in vielen orthodoxen Gebetbüchern. Dieser Unterschied zwischen den beiden Parteien des Judentums ist unüberbrückbar. Auch die anderen Unterschiede liegen im selben Felde. Orthodoxie und Liberalismus Weichen voneinander ab hinsichtlich der Theorie der Beseelung des Menschen, des geschichtlichen Charakters der in der Bibel berichteten Wunder, und des menschlichen und göttlichen Elements im Prophetentum. Die Abweichungen auf diesem Gebiete entsprechen denen, die hinsichtlich der Auffassung der Bibel sich ergeben zwischen einem Christen alter Schule und der eines liberalen, fortschrittlich gesinnten, modernen Christen. Ebenso istdie Orthodoxie gebunden durch ihre Theorie an eine göttliche. Beseelung und an eine Auffassung vieler rabbinischer Lehren und Regeln als bindende Gesetze, wohingegen der Liberalismus, wenn er schon an das Fünfbuch und die Bibel kritisch und sehenden Auges herantritt, noch kritischer und klarblickender zu sein sich bemüht der Mischna und dem Talmud gegenüber. Und darüber hinaus sind die Folgerungen und dementsprechenden Abweichungen für die Praxis, das Leben, den Gottesdienst, ebenso tiefgreifend als die theoretischen Unterschiede, auf. denen sie basieren. Davon des näheren zu handeln, ist weder Zeit noch Ort. Es genüge festzustellen: das liberale Judentum, das streng an dem göttlichen, Element in der Bibel sesthält, anderseits aber auch an einer Entwicklung menschlicher Einsicht und menschlicher Erkenntnis, das die Verbindung mit der geschichtlichen Vergangenheit aufrecht zu erhalten sich bestrebt, dieses liberale Judentum hält sich aus eben diesen Motiven für berechtigt, zu gestalten und zu formen dort, wo es sich um zeremonielle und äußerliche Einrichtungen der Religion handelt, in Uebereinstimmung mit der fortschreitenden Auffassung einer Religion und Moral und entsprechend den Anforderungen des Lebens und des Zeitalters, in dem wir leben. So ergibt sich zur Evidenz, daß das liberale Judentum, wie ich es auffasse, der „Broad Chürch party“ in der englischen Kirche oder, um eine modernere Parallele anzuwenden, der „Neutheologischen Partei" in der Christenheit entspricht, so daß wir sagen können, die „liberalen Juden" sind die „Modernisten" der jüdischen Kirche. Es liegt mir nun aper noch ob-diese rohgezogene Parallele im Wege der Erläuterung und Spezifizierung erheblichen Einschränkungen zu unterziehen.. Der Mensch modernen Geistes, freier Forschung, kritischer Beobachtung wirkt auf die verschiedenen Religionen ein und befruchtet und beeinflußt sie in verschiedener Weise. Sie Haben verschiedene Stellen, die sie besonders zart behandelt wissen wollen, und die delikaten Punkte, die Schwierigkeiten und Bedrückungender einen sind nicht auch die der anderen. Die Dogmen der einen Lehre bieten eine breitere Angriffsfläche dar für den kalten und schneidenden Wind der Kritik als die einer anderen. Wenn sich nun bei uns im Judentum Reform und Liberalismus Geltung zu verschaffen suchten, so geschah dies nie auf rein theologische Weise, nie ausschließlich theoretisch. Letzten Endes können wir es immer zurücksühren auf Bestrebungen, die Religion einer neuen Umgebung anzupassen, wenn auch diese Bestrebungen, wie wir noch des näheren sehen werden, theologische Verwicklungen und Einflüsse gezeitigt haben. In höherem Maße ist diese Entwicklung in Deutschland zu beob- . achten, wo andere religiöse und theologische Erscheinungsformen und Bedingungen herrschen als bei uns und wo noch ganz ganz andere in den dreißiger, vierziger, ja fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herrschten. Und auf der anderen Seite hingegen ist das Judentum — zumindest ist das unbestreitbar für die Zeit seit seiner Emanzipation aus dem Ghetto — stets in erheblicher, mächtiger Weise berührt worden von den Vorgängen der äußeren Welt um es herum. Eine Bewegung, wie wir sie jetzt in der „Neu- Theologischen" und „Modernen" Strömung miterleben, kann e§ unmöglich uninteressiert, unverändert lassen und hat es auch nicht. Wenn wir deshalb unsere liberale Bewegung zum Teil auf Rechnung rein jüdischer Erwägungen setzen, sie als Resultat ureigenster Bedürfnisse empfinden und ansehen können, so müssen wir sie andererseits als Widerspiel einer allgemeinen Regung und Erhebung der breiteren christlichen Welt, in deren Mitte das Judentum lebt, betrachten. Vor hundert Ishrrn. I. Ein jüdisches Liebhabertheater im achtzehnten Jahrhundert. 3n einer Theaterzeitung des achtzehnten Jahrhunderts, Jahrgang 1785, findet sich folgender Bericht aus Dessau, welcher den schlagendsten Beweis dafür liefert, daß das Judentum, so bedrückt und rechtlos es in damaliger Zeit auch noch war, doch stets bemüht gewesen ist, deutsche Kunst und Literatur in seinen Kreisen zu pflegen. „Eine Gesellschaft jüdischer Dilettanten, die — nicht aus eigennützigen Absichten, sondern aus den edelsten Bewegungsgründen, zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung des Publikums, und zur Bildung, ihres eigenen Geschmacks und Herzens, auf den Einfall geräth, ein Privattheäter zu.errichten, die nach Ueberwindung mancher Schwierigkeiten und mit nicht unbeträchtlichen Kosten diesen Einfall wirklich realisiret, verdient wohl allerdings die Aufmerksamkeit und den Beifall des Publikums. Ich melde Ihnen also zum Behuf der Theaterzeitung, daß eine, solche Gesellschaft hier in Dessau wirklich seit etlichen Tagen existiret, und daß sie den 25. März in der Wittwen Herzen Hause auf einem ziemlich engen Theater mit dem „Mißtrauischen" . von Weiße debütiret hat. Den Anfang machte folgender, von Herrn H ...., einem biederen menschenfreundlichen Gönner dieser edlen Hebräer, verfertigter und von Demoiselle Sara Herz recitirter Prolog: „Furchtsam Hochznverehrende Gönner! nahet sich . Thaliens Tempel eine , kleine Gesellschaft jüdischer Dilettanten. 'W ' '1?- W