Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 366 (sequence 8)
- Language
- German
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Es ist vielleicht ganzerwünscht/ gerade andieftr 7 Stelle, versteht sich: in aller Kürze, einen Blick zu tun auf die Hauptlehren der liberalen wie der orthodoxen jüdischen Weltanschauung, auf die Lehren gleicherweise, die sie gemeinsam vertreten, wie auf die, die sie trennen. ' So wird wohl — um mit dem Unbestrittensten anzufangen allerseits zugegeben werden, daß sie übereinstimmen in dem Nachdruck, mit dem der folgerichtige und strenge Glaube an einen Gott von ihnen gelehrt und eine straffe monotheistische Auffassung von ihnen gefordert wird. Ein zweites Bindeglied dürfte darin zu erblicken sein, daß sie beide —was zu lehren übrigens keine einzige jüdische Sekte abzulehnen braucht, es auch de facto nicht tut — die Uebersinnlichkeit Gottes anerkennen, so daß wir als zweites Merkmal das Postulat der transzendentalen Gottauffassung gewinnen. Wir alle, Religionsanschauungen wie Individuen, leiden an den Fehlern unserer Sonderart, und so ist ein vielleicht nur gelegentlicher Mangel des jüdischen Gottesbegriffes ein'e zu große Starrheit in der Erfassung der göttlichen Entschleierung, zu große Abstraktion. Denn in liberalem wie in orthodoxem Sinne hat Gott eine doppelte, ja dreifache Aufgabe zu erfüllen. Er muß, wenn ich so sagen'darf, Gott Vater, Sohn und heiliger Geist in eins sein, zu ein und derselben Zeit, in ein und derselben Einheit. So werden alle diejenigen Gefühle die — wenn auch in verschiedener Weise — beim Christentum mitdem Wesen Christi verbunden erscheinen, im Judentum aus Gott Vater konzentriert, und ein Gleiches gilt vom Dritten: der Dreieinigkeit. Er ist dem Juden, um mit den Worten eines jüdischen Lobgesanges zu reden: König, Herr, Heiland und Gott« . In noch einem weiteren, sehr wesentlichen Punkte sind Liberalismus und Orthodoxie gleichgestimmt, in der Erkenntnis der Notwendigkeit, unser Tagesleben durch Religion zu heiligen, zu heben. Ich spreche hier von der Lehre, die da fordert, daß die Härte und der Materialismus des Lebens, die Wünsche, die es bringt, die Triebe, die es weckt, in gleichem Maße wie seine höher gearteten Betätigungen mit Religion getränkt, durch sie veredelt werden müssen. Man soll Gott jederzeit und allerorten dienen und zwar im Leben des Tages, nicht nur in den Stunden der Erbauung. Die Arbeit wie die Erholung, ja selbst die rein tierischen Instinkte, das Essen, das Trinken, der Geschlechtstrieb nicht ausgenommen, sie alle sollen von der Religion geleitet und geregelt werden. Das Auge, das dich ärgert, sollst du nicht ausreißen, es soll gebessert und geheilt werden. Und ebenso ist Mäßigung und Selbstbeherrschung besser als Abstinenz und Askese. Das lehrt auch unser Judentum, und in dieser Lehre liegt einer der Hauptvorzüge jüdischer Moral, jüdischer Religion. Als weitere Übereinstimmung wäre noch die Achtung vor dem Gesetz zu nennen, die sich in der hohen Stellung äußert, die die Auffassung von der Macht des Gesetzes in der liberalen wie der orthodoxen Weltanschauung einnimmt. Die alte rabbinische Maxime gilt: „Es ist keine Freiheit, es sei denn eine durch das Gesetz gegebene." Und das liberale Judentum wird dem Satze beipflichten, wenn es auch dabei weniger an die Lehre, an das Gesetz des Pentateuchs denken wird, sondern an jenes ungeschriebene, uns immanente Gesetz der Moral, als an ein ideales und so geartetes, daß man nur durch Unterwerfung unter seine Regeln zur Freiheit gelangen kann. Gleiches lehren liberales Judentum und orthodoxe Lehre auch hinsichtlich jenes echt jüdischen unzerstörbaren Optimismus. Beide glauben an eine Negierung der Welt durch Gott und denken, daß die Welt, über die Gott herrscht, ungeachtet mancher uns unerklärlicher Mängel und vielfacher Schlechtig- . keilen, trotz alledem eine gute und besserungswillige Welt ist. Damit erst lernen'wir Gott mehr und mehr kennen und gelangen ' zu einer tieferen-innigeren Auffassung' und einem ver--- feinerten Begriff seiner Gerechtigkeit.. So äußert .sich der: beiden Anschauungen ' gemeinsame Messiasglaube.! Daß wir darin harmonieren, ist mehr, viel - mehr wert als es von Nebel sein kann, daß wir in der persönlichen Auffassung-vom Messias divergieren. Und wenn ich so Ihnen habe zeigen können,' wie Liberalismus und Orthodoxie sich begegnen indem Glauben an die Zukunft der ganzen Welt, so wird es mir - nicht schwer: fallen, zu beweisenwie sie auch' hinsichtlich des einzelnen, in der Zukunft der Seele des Individuums übereinstimmen. Beide: lehren die Unsterblichkeit der Seele. Und der moderne orthodoxe Jude wird, des bin ich sicherebenso wie der liberale Jude, diesen UnsterblichkeiLsgedanken ganz, ganz allgemein fassen. Beide werden den Gott der Liebe nicht eine einzelne Seele vom ewigen. Heil ausschließen lassen können. Ganz unvereinbar mit dem Wesen Gottes muß es beiden sein,, ist es beiden. Und dem entspricht es auch, daß beide die Werke über den Glauben^ stellen werden. Sie werden beide nicht bestreiten, daß der Glaube Führer der Werke sein kann, aber ihr Gottesbegriff ist ein zu hoher, als daß sie diesen Gott einen moralischen Lebenswandel nicht einem solchen über-- ordnen ließen, der ohne Herz dem Dogma in . seiner theologischen Abstraktion folgte. Die Gerechtigkeit soll im Königreich des Himmels herrschen, das ist das oberste religiöse Leitmotiv, mag es sich um kirchlich Gesinnte handeln oder solche, die außerhalb der Gemeinschaft stehen, mögen das Juden sein oder Andersgläubige. Willst du den liberalen Juden oder den orthodoxen Juden in seiner ungegliedertsten Grundform durch eine kurze, wenn auch gerade deshalb nicht ganz zutreffende Formel bestimmen, so wird er dir sagen, daß er lieber auf sein Banner schreibt: „Rechtsertigung durch die Werke" als „Rechtsertigung durch den Glauben". Ist er feiner organisiert, dann wird er dieser Falle entgehen;' er wird sich nicht so festnageln lassen; aber auf jeden Fall wird er im Grunde seines Herzens der von mir eben ausgesprochenen. Tendenz beistimmen. Gleichermaßen verwerfen das liberale Judentum wie die Orthodoxie die Lehre von dem Sündenfall und von der durch ihn gezeugten Erbsünde. Sie lassen Gott strafen sowohl wie rächen, aber sie wollen diese Richtertätigkeit Gottes durchgeistigter, verfeinerter betrachtet wissen. Man wird mir nun einwerfen, daß unter all den von mir aufgeführten Argumenten für Gleichartung von Liberalismus und orthodoxer Lehre nicht eins gewesen sei, welches nicht jeder Monotheist unterschreiben könnte, auch wenn er nicht Jude wäre. Nun das wäre das Schlimmste nicht. Denn wäre es an dem, dann würden wir erkennen, daß unsere Weltanschauung Kreise gezogen, sich verbreitet hat. Doch ist es nicht nur so. Ich habe noch eine Harmonie mir Vorbehalten, um zum Schluß dieser Liste eine spezifisch-jüdische gleiche Art bei beiden Doktrinen nachzuweisen. Und das ist der beiden gemeinsame Glaube an die religiöse Sendung des Judentums. Sie glauben auch ferner, daß das Judentum, wie die Juden, ihren Lehr- und Verkündungsberuf nicht in- Jahrhunderten mit der Geburt Christi beendet haben, sondern daß er weiter bestanden hat, daß er weiter besteht. Mögen sich auch bei der Ausdeutung und Schlußfolgerung aus dieser Aufgabe oder Sendung Unterschiede ergeben, die Grundtendenz wird dieselbe, bleiben. Um nun von den Abweichungen des Liberalismus von der Orthodoxie zu reden, müssen wir uns auf das Gebiet der Bibel begeben, auf "dem die Unterschiede sich besonders dokumentieren. Und zwar ist es die hebräische Bibel im allgemeinen, wie der Pentateuch im besonderen.