Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 365 (sequence 7)
- Language
- German
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gehend geschildert und die Mittel zur Abhilfe vorgeschlagen worden; es'ist tief betrübend, daß nur die Fachzeitungen und nicht auch allgemeine jüdische Zeitschriften von dem Vortrag und der Beratung Notiz nahmen. Allein selbst in Lehrerkreisen außerhalb der Ostmark scheint man von diesen eigenartigen Verhältnissen keine Kenntnis zu haben, sonst hätte der Referent aufdem Verbandstage in Hannover, der über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Lehrerschaft sprach und diesen Vortrag in Buchform veröffentlichte, nicht ein so falsches Bild von den jüdischen Lehrern aus der Provinz Posen entworfen. Leider ist die tatsächliche Berichtigung, welche die Delegierten des zuständigen Vereins in Hannover selbst gaben, nicht in das offizielle Protokoll ausgenommen worden,, und so geht der Vortrag ohne Richtigstellung in die Welt hinaus. Bei ihren christlichen Kollegen erfreuen sich die jüdischen Volksschullehrer der Ostmark gottlob einer größeren Wertschätzung. So zählt die Delegiertenversammlung des Posener Provinziallehrer-Vereins (simultan) acht jüdische Delegierte, welche von ihren Ortsvereinen, die durchweg nur — neben evangelischen und katholischen Lehrern — den einzigen jüdischen Lehrer zu ihren Mitgliedern zählen, mit diesem Vertrauensposten beehrt worden sind. Ebenso .sind fast durchweg die jüdischen Lehrer im Vorstande ihrer simultanen oder paritätischen Lehrervereine. Auch die königliche Regierung erachtet die jüdischen Lehrer als gleichberechtigt, sie bewilligt ihnen die Ostmarkenzulage, in Notfällen Unterstützungen aus den betreffenden Regierungsfonds und beruft sie — gleich den christlichen — zu den aus Staatskosten errichteten Fortbildungs-, technischen und akademischen Kursen; in der Stadt Posen selbst ist kürzlich sogar der siebente jüdische Lehrer an den Simnltanschulen der Hauptstadt mit Genehmigung der königlichen Regierung angestellt worden. Sie sehen also, daß die jüdischen Volksschullehrer bei den königlichen Behörden und bei ihren christlichen Kollegen in höherem Ansehen stehen, als bei ihren Glaubensgenossen! Wenn doch nur die jüdischen Schüler insbesonders der höheren Schulen die gleiche Behandlung und ihre Eltern dieselbe Förderung ihrer gewerblichen Tätigkeit erfahren würden! — Doch darüber vielleicht näheres in meinem nächsten Briefe. Z’wi. Liberales Judentum. Ein Vortrag von Claude G. Montefflore.i) I. s ist eine schwere Ausgabe, die ich mir gestellt habe, und ich muß von vornherein um die Nachsicht meiner Hörer bitten. Ich soll über das liberale Judentum zu Ihnen sprechen und bin selbst ein liberaler Jude. Es möchte auf den ersten Blick erscheinen, daß es für mich als solchen leicht sein müßte, über mein eignes Bekenntnis zu sprechen. Ist es aber wirklich an dem? Doch wohl nur auf den ersten Blick, Denn es lastet auf mir das Gefühl einer großen Verantwortung, und das übt einen gewaltigen Einfluß aus. Noch nicht länge ist es her, da hatte ich ein Buch zu lesen, ein ganz ausgezeichnetes Werk, das zwei Geistliche der englischen Hochkirche über das Judentum verfaßt haben. Es war, wie gesagt, ein ausgezeichnetes Buch und doch — wie die meisten Bücher — nicht tadelfrei. Warum das? Der Gedanke, weshalb das so y Dieser Vortrag wurde vor bet Greenfield Gongregalional Church in Bradford gehalten und gewinnt durch diesen Umstand sicher noch ein besonderes Interesse. Die Red. sein mußte, packte mich; wie schwer es doch ist, für jeden einzelnen, sei er, wer es sei, über religiöse Fragen zu sprechen, die den Tag beschäftigen, die Mitwelt beherrschen! Steht man außerhalb der zu behandelnden Frage, dann entbehrt man der intimen Kenntnis jener feinen und feinsten Winkel, und vor allem fehlt die Liebe, das Gefühl, das nur der empfinden kann, der ebenso denkt und lebt. Lebst du aber in dem Kreise, .den.du beschreiben willst, dann wirst du der Unparteilichkeit und Unabhängigkeit deiner Ansichten ermangeln, jener Fähigkeit, dich selbst — bei aller Demut — über die Tatsachen zu stellen und sie zu untersuchen, zu sezieren; und diese beiden — Unparteilichkeit und Selbständigkeit im Denken — sind doch unabweisbare Postulate kritisch-historischer Religionswissenschaft. Wertvoll ist es ja, die Klippen zu kennen, leichter alsdann, sie zu vermeiden. Aber ich bin sicher, daß es mir nicht bei allen gelingen wird. Eine weitere Schwierigkeit, die sich bei einer Betrachtung gerade des liberalen Judentums entgegenstellt, möchte ich — wenn auch nur kurz — am Anfang nicht unerwähnt lassen. Ich soll von einer Religion, oder besser von dem Entwicklungsabschnitt einer Religion sprechen, der in diesem Lande, ja, fast solw ich sagen, in Europa kaum organisiert ist. Man kann nicht behaupten, daß dieser Liberalismus eine nennenswerte äußere Organisation, eine Verkörperung besitzt. In den Vereinigten Staaten liegen ja die Verhältnisse anders. Dort ist das liberale"Judentum konkreter, mehr von wesenhafter Wirklichkeit. Es bildet einen beachtenswerten Ausschnitt aus dem Gesamtjudentum, einflußreicher und mächtiger sogar als irgeub eine andere Richtung. In England aber und in Europa ist das „liberale Judentum", wohl infolge verschiedener Ursachen innerhalb seiner Entwicklung, mehr die Religion einzelner oder, wenn es hoch kommt, einiger weniger Synagogen und Gesellschaften geblieben, als vielmehr die der Gesamtheit der Masse. Doch scheint es nur so. Die Oberfläche trügt. Und ich meine, daß sich viel mehr unter ihr birgt. Es sind viele da, die im Grunde ihres Herzens „liberale Inden" sind und darüber Schweigen bewahren, dabei aber ihren eigenen Weg gehen. Noch eine Vorbemerkung sei verstattet. Ich möchte nur seststellen, daß ich das Wort „liberal" in einem rein technischen Sinne gebrauche, gerade in so technischer (heißt: nicht mit dem Wortbegriff sich deckender) Weise, wie die Politik es gebraucht. Ich könnte gerade so gut an derselben Stelle immer „Reform" sagen, und manche tun es auch. Die sprechen dann vom „Reform-Judentum" und lassen ein Hauptwort Adjektivdienste verrichten, oder vom „Reformierten Judentum", was mir immer etwas seltsam erscheint und so den Nebensinn und -Geschmack zurückläßt wie „gebessert". Aus diesen, ich gebe zu, äußerlichen Gründen — ist doch der Kampf ums Wort „Liberal" gegen „Reform" von minderer Bedeutung — will ich meinerseits an „Liberal" festhalten, in der von mir festgelegten Bezeichnung. Ich glaube aber beileibe nicht einen Augenblick, daß „liberale Juden" hochherziger als „orthodoxe" oder „konservative" seien oder — was ja zu glauben näher läge — daß sie toleranter oder universeller gesinnt seien. Ein unliberaler „liberaler Jude" liegt also durchaus im Bereich der Möglichkeit. Und ich kenne wohl auch solche. Es ist also das Adjektiv in unserm Wort „liberales Judentum" reiner lerminus leedmeus. Nun werden Sie aber erst recht von mir wissen wollen, was ich denn unter diesem „terminu8 teedmeus" verstanden haben will. Was ist „liberales Judentum"? Welche Juden sind „liberale"? Schön, das zu beantworten, den Begriff zu umgrenzen, ist ja der Zweck meines ganzen Vortrags.