Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 364 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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über alle.Verhältnisse der jüdischen Emigration zu machen in der Lage. war. In einer längeren Konferenz mit dem Einwanderungskommissar Watchhorn wurden die Wünsche und die Bedürfnisse der jüdischen Auswanderer besprochen: Von New Jork begab sich Herr Laskar nach anderen Einwanderungszentren, so unter anderem nach Philadelphia, Chicago, Mineapolis und Duluth. In Washington hatte Herr Laskar auch eine Audienz bei dem Handelsminister Oskar Strauß, und konnte dem obersten Chef des Einwanderungswesens Zwecke ünd Ziele der Arbeiten des Hilfsvereins auf dem Gebiete der Auswanderung, die dem Handelsminister nicht fremd waren, näher därlegen. Ueberall hat Herr Laskar feststellen können, daß die Tätigkeit des Hilfsvereins zugunsten 6er Auswanderer von den Glaubensgenossen Amerikas und auch von den amerikanischen Einwanderungsbehörden dankbar anerkannt wurde, was als ein großer Segen für die gesamte jüdische Auswanderung empfunden wird. Die reichen Erfahrungen, die Herr Laskar durch seine Studien an Ort und Stelle und durch seine Besprechungen mit den maßgebenden jüdischen Kreisen ünd den zuständigen Behörden gesammelt hat, werden ohne Zweifel für die jüdischen Auswanderer gute Früchte tragen. Kolenrr Lrirk. ©eit meinem letzten Briefe hat die Ostmark für unsere Glaubensgenossen allerdings noch nicht den Ruhm eines „Erez hakdauscho" erlangt, aber Versuche dazu sind von „berufener" Seite gemacht worden. In Posen, der Provinzialhauptstadt, wo ein — allerdings nur dem Namen nach —. orthodoxer Verein, denn ein großer Teil seiner Mitglieder gehört zu denjenigen, die Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, Schinkenorthodoxe nennen, schon seit längerer Zeit besteht, hat eine größere Versammlung, die von dem Zentralverein für das gesetzestreue Judentum einberufen war, stattgefunden. Diese Versammlung unterschied sich durch nichts von den Versammlungen gleicher Art: Sturm gegen die Liberalen, die Zerstörer des Judentums und Förderer der Taufe, Heraufbeschwörung aller guten Geister der Orthodoxie, von Samson Raphael Hirsch bis Israel Hildesheimer, bescheidene Kritik der orthodoxen Segnungen für Haus und Familie, kurze Debatte, „einmütige, 'begeisterte Annahme der vorgeschlagenen Resolution für Gründung eines „Vereins zur Erhaltung des gesetzestreuen Judentums" und zahlreicher Beitritt zu diesem neuen Verein". So heißt es ja wohl in' den offiziellen Protokollen dieser Versammlungen. So ist das Judentum wieder einmal gerettet worden und die neugewonnenen Mitglieder bleiben nach der Entfernung der auswärtigen Redner mit ihren liberalen Gegnern in den bekannten Lokalen noch zu einem „koscheren" Dauerskat zusammen. Die Posener selbst sind so respektlos gegen diese „herzerhebende Begeisterung", von der die Orthodoxen melden, daß sie den veranstaltenden Ortsverein, der vor dieser „imposanten" Versammlung bereits bestanden hat, kurz und gut „Ruderverein" nennen. Das sagt genug! — Auch die Herren Rabbiner hatten in der Provinzialhauptstadt ihre erste Provinzialversammlung. Der Vorschlag, die Provinzialversammlung als Glied des allgemeinen Rabbinerverbandes provinziell zu organisieren, wurde abgelehnt, ebenso wenig aber wollte man sich dafür entscheiden, die Vereinigung dem orthodoxen Rabbinerverbande anzugliedern, und so wählte man den mehr diplomatischen als mannhaften Ausweg, die Versammlung als eine Art Studienbeziehungsweise wissenschaftliche Vereinigung zu firmieren. Von den vier liberalen Rabbinern der Provinz war nur einer erschienen, die anderen hatten wohl in Rücksicht auf die Einberufer das „timev vanaos" im Sinne, als sie wegblieben. Auch die Zionisten, die hier im Osten einen ziemlich großen Anhang, dank der Geschicklichkeit ihrer Arrangeure, besonders in der Provinzialhauptstadt besitzen, haben wieder einmal eine Propagandaversammlung abgehalten. Einer der Leiter dieser Bewegung, ^welcher inzwischen nach-Berlin übergesiedelt ist, widmet trotz- ', dem den Zionisten der Ostmark seine unschätzbaren Kräfte. — Endlich hält auch der „Zentralverein deutscher Staatsbürger - jüdischen^ Glaubens" von Zeit zu Zeit Propagandaversammlungen bei uns ab und — wie wir zu unserer Freude konstatieren können — nicht ohne Erfolg; so kommt es nichts selten vor, - daß unsere ostmärkischen Glaubensgenossen, die anscheinend den großen Vereinigungen als „Versuchskaninchen" dienen sollen, während die Ostmark als Neuland betrachtet wird, zu gleicher Zeit Mitglieder der heterogensten Vereine sind, ohne dabei „etwas Böses zu denken". Wie weit aber die Vereine selbst durch solche, nichts weiter als „zahlende" Mitglieder gefördert werden, das ist klar. So kommt es, daß der Verband der Deutschen Juden über Mangel an Vertrauensmännern und Korrespondenten klagt, die ihm bei der Erhebung der wirtschaftlichen und nationalen Verhältnisse unserer Ostmark, soweit sie unsere Glaubensgenossen betreffen, Hilfe leisten sollen. Wer so vielen Vereinen angehört, daneben noch sein Geschäft hat, besonders wenn es gut geht, hat keine Zeit, Fragebogen zu beantworten, die ihm nichts einbringen und also auch ohne Interesse für ihn sind. Aber weshalb zieht der Verband nicht die Lehrer zur Mitarbeit als Vertrauensmänner und Korrespondenten heran? Das sind doch vermöge ihrer eingehenden Kenntnis der örtlichen Verhältnisse und sozialen Stellung die geeignetsten Männer für die Verbandsarbeit. Es scheint aber leider, daß die jüdischen Volksschullehrer — denn "diese sind gemeint — nicht ein so unbedingtes Vertrauen genießen, weder beim Verbände, noch bei den Synagogen - Bezirksverbänden der Heimatprovinz, noch in ihren eigenen Gemeinden. Beweis dafür ist, daß bei der letzten Tagung des Vereins jüdischer Lehrer der Ostprovinzen in Bromberg, wo er bereits zum zweitenmal versammelt war, der erste Vorsteher der dortigen Gemeinde, der gleichzeitig Landtagsabgeordneter ist, die Versammlung noch nicht ein einziges Mal begrüßt hat. Wenn christliche Lehrer auch nur eine Gauversammlung abhalten, viel welüger eine Provinzialversammlung, wird da der betreffende Landtagsabgeordnete fehlen? Wird er sich nicht vielmehr nach den Wünschen der Lehrerschaft erkundigen und ' möglichste Förderung dieser Wünsche versprechen? — Nun haben aber die oftmärkischen jüdischen Lehrer über eine Existenzfrage des ganzen Standes, über den Lehrerüberschuß, seine Ursachen und Mittel zur Abhilfe, verhandelt, und von den drei jüdischen Landtagsabgeordneten der Provinz war nicht einer zu dieser wichtigen Beratung erschienen. Die Herren scheinen nicht zu wissen, daß sämtliche Mitglieder des Vereins staatlich angestellte jüdische Volksschullehrer sind, daß die jüdischen Volksschüler der Ostmark aus dem Aussterbeetat stehen, und daß die Frage immer brennender wird! Wohin mit den jüdischen Volksschullehrern? Daß und warum vielen Gemeindegewaltigen die absteigende Entwicklung dieser Schulen ganz gelegen kommt, ist in diesen Briefen schon vielfach erörtert worden, aber müssen da die jüdischen Volksschullehrer der Ostmark nicht mit dem Psalmisten rufen: „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen, wo kommt mir Hilfe her?" Auf der in Rede stehenden Versammlung ist diese Lehrernot ein-.