Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 363 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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erkennung verdient aber der Mut und die Entschlossenheit, mit; der die französischen Rabbiner in der peinlichen Lage, in die sie durch die Rede des Barons Rothschild versetzt wurden, sich benommen haben. - Baron Rothschild nannte sich selbst einen Laien, der die gelehrten Herren nicht belehren könne. Wenn er es trotzdem versucht hat, so - war die Antwort der französischen Rabbiner die einzig richtige, die in einem solchen Moment gegeben werden konnte. Die Idee des internationalen jüdischen Komitees ist noch immer nicht zur Ruhe gekommen. In der letzten Sitzung der Anglo Jewish Association teilte der Präsident Claude. Montefiore mit, daß er zwei Vorschläge empfangen habe, die. beide die Schaffung eines solchen internationalen jüdischen Komitees in Fällen der Not zum Zwecke hätten. Der eine Vorschlag kam vom „Hilssverein der- Deutschen Juden" und ging, dahineinen ständigen Ausschuß von Vertretern der leitenden jüdischen Organisationen Europas und Amerikas zu bilden, der wenigstens einmal im Jahr zusammentreten und Fragen allgemeiner Natur, z. B. der Kolonisation und der Auswanderung, beraten sollte. Der Vorschlag war unterzeichnet von den Herren. Dr. Lachmann und Justizrat Blau. Er fand indessen nicht den Beifall der Jewish. Colonisation Association, die ihrerseits einen Gegenvorschlag aufstellte. Nach diesem sollten in England, Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Amerika seitens der leitenden jüdischen Organisationen jedes dieser Länder je zwei Delegierte gewählt werden, die zusammen mit zwei Delegierten der Jca in Fällen der Not rasch zusammentreten und auch das Recht haben sollten, Delegierte der andern Organisationen zu einer größeren Konferenz einzuladen. Lediglich Deutschland sollte vier Delegierte, je zwei für die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Allianze und für den Hilfsverein, wählen dürfen. In Amerika sollte das American Jewish Committee das Recht der Entsendung der Delegierten haben; diese amerikanischen Vertreter sollten in Europa wohnhaft sein. Die Gesamtzahl der Mitglieder des Komitees würde also vierzehn betragen. Dr. Lachmann und Jüstizrat Blau stimmten diesem letzteren Vorschläge bei, und Dr. Nossig, der im Interesse des Berliner Vorschlages eigens nach London gekommen war, wurde bedeutet, daß dieser als erledigt zu betrachten sei. Mr. Montefiore ersuchte die Versammlung, den Pariser Vorschlag anzunehmen, die beiden Delegierten aber gemeinsam mit dem Board of Depudes und nicht allein von der Anglo Jewish Association zu wählen. Ein zionistisches Amendement zu diesem Vorschlag wurde abgelehnt und derselbe hieraus mit großer Majorität an-, genommen. Somit ist das internationale jüdische Komitee beseitigt. $ Die Wiedereinführung der Verfassung in der Türkei ist auch für die Juden des Landes von großer Bedeutung. Ein am 29. d. M. erschienenes Jradä des Sultans ordnet an, daß im Sinne der alten Verfassung vom Dezember 1876 Abgeordnetenwahlen für ein Parlament vorzunehmen sind. Die alte Verfassung, die rechtlich nie aufgehoben wurde, ist am 23. Dezember 1876 unter dem Großwesirate Midhat Paschas verkündet worden, und am 19. März 1877 trat dann das erste türkische Parlament zusammen, das aber, nachdem es eine Tagung hinter sich hatte, nicht wieder einberufen wurde. Die Verfassung gewährt allen Staatsbürgern der Türkei Glaubensfreiheit und bürgerliche Rechtsgleichheit. Ihre Wiedereinführung .bedeutet einen Neg der Jungtürken auf allen Linien. Ob einen dauernden Sieg, ist freilich sehr zu bezweifeln. Der Türkei ist zu wünschen/ daß das' Vevfafsungsjahr 1908 kein so'verhängnisvolles für sie werde , wie das Jahr des Zusammentritts des ersten Parlaments von 1877. Die türkischen Juden haben es zwar unter der Alleinherrschaft des Sultans auch gut gehabt, aber es ist doch etwas anderes, ob man von der Gunst und Laune eines Sultans abhängt oder freier Bürger eines Rechtsstaats ist. £ In der letzten Nummer der bekannten Petersburger-Zeitschrift „Wjestnik Jewroph" .bespricht Professor Kowalewsky, der in nahen freundschaftlichen Beziehungen zum Grafen Witte steht, das Zustandekommen und die Pourparlers des russischen Friedensvertrages mit Japan. Die Einzelheiten, die hier Professor Kowalewsky zum ersten Male. vor die Oeffentlichkeit bringt, werden in der diplomatischen Welt gewiß große Sensation erregen. Besondere Aufmerksamkeit jedoch verdienen die Enthüllungen Kowalewskys über die Rolle, welche die amerikanischen Juden beim Abschluß des Vertrages gespielt haben, sowie über , die schlaue Art, wie Graf Witte die jüdischen Großstnanziers in Amerika für seine Zwecke ausgenützt hat. Professor Kowalewsky gibt zu, daß nur die Beziehungen, die Graf Witte zu den jüdischen Finanziers unterhalten hat, es ihm ermöglichten, die anfangs japanfreundliche amerikanische Presse umzustimmen und sohin mit deren Hilfe die japanische Diplomatie in eine solche Situation zu bringen, daß sie, um nicht von der öffent-, lichen Meinung als geldgierig dazustehen, schließlich aus die Kriegskontribution verzichtet hat. „Unser diplomatischer Chef" — schreibt Kowalewsky — „hat bei seiner Ankunft in Amerika alles versucht, was seinen Zwecken dienlich war; er hat sogar mit jüdischen Finanziers Unterhandlungen gepflogen. Wenn man weiß, welche Rolle dieselben in Amerika spielen, so wird man es begreifen, daß Witte darauf Gewicht gelegt hat, mit Personen wie Jakob Schiff, Oskar Strauß, A. Seligmann, A. Lewinsohn. Adolf Kraus usw. in Berührung zu treten. In diesen Konferenzen hat Witte gar keine formellen Versprechungen gemacht, er hat aber auch die jüdische Politik Rußlands nicht verteidigt. Er meinte nur, daß das jetzige System auch in den höchsten russischen Kreisen seine Gegner Hot und daß daher baldigst eine Aenderung zu erwarten sei. Die amerikanische Presse ließ sich darüber aus, wie leutselig Graf Witte sei, daß er sogar den russischen Juden, die ihn aufsuchten, die Hand reiche, wiewohl man ihn wiederholt gewarnt habe." Der Verfasser erzählt auch, wie sich Roosevelt selbst Mühe gegeben hat, die russische Regierung zu veranlassen, daß man den jüdischen Bürgern aus Nordamerika bezüglich der Pässe' keine Ausnahmestellung einräume. Der Präsident meinte, daß dies die letzte Kluft zwischen Rußland und Amerika sei. Als der Krieg vorbei war, war alles beim alten geblieben.. Kowalewsky erklärte, es wären die Dinge anders gekommen, wenn die jüdischen Finanziers sich nicht mit allgemeinen Versprechungen begnügt, sondern bestimmte Zusagen verlangt hätten. Der Vertreter des Hilfsvereins der Deutschen Juden und Leiter des Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, Herr Paul Laskar-Hamburg, ist vor kurzem von einer mehrwöchigen Studienreise, die er im Interesse der jüdischen Auswanderung nach den Vereinigten Staaten unternommen hat, zurückgekehrt. Er wurde von den dem Hilfsverein befreundeten Organisationen, namentlich von den Bnei-Brith-Logen, in Amerika auf das freundlichste empfangen. Die Reise führte ihn zuerst nach New York, wö er sowohl aus der Einwandererstation Ellit-Jsland wie bei den verschiedenen jüdischen Organisationen eingehende Studien-