Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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waren seit Konstantin wohl oft und immer/und in Men Gegenden, aber nicht zu gleicher Zeit in der entsetzlichsten Ausdehnung. Wären die ungerechten scheußlichsten Verfolgungen in - allen Gegenden zu gleicher Zeit entstanden, es wäre die Drohung, in Erfüllung gegangen: „Ich werde von den Menschen ihr Andenken schwinden lassen." Vernunft und Religion riefen umsonst: „Was Du nicht willst, daß Dir geschehe, tue auch einem anderen nicht." Vergebens. Was das menschliche Ungeheuer, Kaiser Nero, dessen Hang zur Grausamkeit oft Ausbruch einer wirklichen Geisteszerrüttung sein mochte, der die Flammen Roms mit Freude und Entzücken betrachten, seine Wohltäter, seine Lehrer, seine Mutter ermorden konnte — was dieses Ungeheuer den Christen getan, daher sie ihn den Antichrist, das Tier der Offenbarung nannten; was der blutdürstige gekrönte Bösewicht Kaiser Domitian Schaudererregendes den Bekennern der christlichen Religion tat — diese gräuelhaftesten Umbarmherzigkeiten wurden dann an den Juden verübt, von den — Christen. Das Blut der Juden wurde in Strömen vergossen, sie sollten alle von der Erde vertilgt werden. Doch nein, sie wurden nicht von der Erde vertilgt. Die Asche der frommen jüdischen Dulder für ihre Lehre ist längst -verweht, sie leben aber in der Ewigkeit. Und wir haben keine' Folterkammer, keine Henkerbeile, keine Scheiterhaufen mehr zu fürchten. Uns ward durch die Gnade Gottes das angenehme Los, unter milderen Gesetzen zu leben. Wenn auch noch hier und da die Geißel des Fanatismus über Israel geschwungen wird, wie mild und sanft ist es gegen die früheren Zeiten. Die Burg auf Zion liegt zerstört, Jerusalem ist verwüstet, Israel wurde aus seinem Lande getrieben und zog hin in alle Enden und Ecken der Welt, der Völker Schmach und Spott; aber Israel lebt; sein Heiligtum, die Lehre des Monotheismus, der Menschenliebe, der Heiligung, besteht: das ist das dessen ursprünglicher Name FP2 war; das ist das merkwürdige Judenknöchelchen: ossiculum lus. Es ist und bleibt unzerbrechlich. Die Mache. Berlin, 28. Juli. ie Antisemiten sind nicht nur Feinde der Juden, sondern aller Liberalen, obwohl sie das letztere sehr oft in Abrede zu stellen Pflegen. Namentlich vor den Wahlen gebärden sie sich sehr liberal. Da ist es denn charakteristisch, „nach Tisch" die Aeußerung eines waschechten Führers jener Partei über das allgemeine Wahlrecht zu hören. Zu den Gründern der Deutschsozialen Partei gehört neben Liebermann von Sonnenberg auch ein gewisser Theodor Fritsch, der in Leipzig eine Zeitschrift herausgibt, die den kerndeutschen Titel „Hammer" führt. Antisemit Fritsch hämmert mit Vorliebe auf dem Reichstagswahlrecht herum. Im Juniheft seines Organs führt er aus: - „Hat die Gesellschaft sich doch bis zu dem Wahnsinn des allgemeinen, gleichen Wahlrechts verstiegen, um ja in jedem Blödling den Größenwahn zu erwecken, daß er den Höchsten des Menschengeschlechts gleich stehe — natürlich auch in seinen Ansprüchen . . . Der Volkswille ist krank, und es kann heute nichts Gefährlicheres geben, als diesem ^kranken Volke allen Willen zu tun, ihm das Selbstbestimmungsrecht zu lassen. Es müßte schon jemand mit väterlich milder Strenge dieses Volk unter seine Obhut nehmen, uni es gegen seinen Willen wieder gesund zu machen." $ Die öffentliche Meinung in W ur tt e mb erg .beschäftigt sich' bisher nur wenig mit dem im „Staatsanzeiger" veröffentlichten Entwurf der neuen israelitischen Kirchenerfaffung. Aus verschiedenen Kritiken derselben in der. politischen Presse ist zunächst hervorzuheben, - daß /viele nichtdamit, einverstanden sind, daß jeder Israelit Mitglied einer Gemeinde "sein muß, selbst wenn er nicht will. Der Austritt aus einer Gemeinde und aus dem württembergischen Judentum ist natürlich gestattet, doch möchte man eine Aenderung in bezug auf diese Bestimmungen. Auch wünscht Man auf liberaler Seite die Freiwilligkeit des Religionsunterrichtes und möchte keinen Zwang von seiten der Negierung. Ebenso hält man es für überflüssig, daß man in Württemberg, wo nur elf bis zwölf Tausend jüdische Seelen wohnen, zwölf Rabbinatsbezirke beibehalten will. Es genügen auch sechs solcher Bezirke. Auch die Zahl der Lehrer sollte vermindert werden. Ebenso wünscht man, daß es den Lehrern möglich werde, später zu Rabbinern vorzurücken, was bei einiger'Fortbildung leicht möglich sein dürfte. Es ist im Lande allgemein empfunden worden, daß es nötig ist, Aenderungen in der seit 1828 bestehenden Verfassung vorzunehmen, und doch wird es schwer fallen, das rechte Gesetz zu erhalten, das sowohl die orthodoxen als auch die liberalen Juden befriedigen dürfte. -Eine' Revolution wird zwar nicht entstehen, denn im allgemeinen sind die Juden des Landes nicht gewöhnt, sich um die Verwaltungsangelegenheiten zu bekümmern. Was die Oberkirchenbehörde in Stuttgart tut, wird gewöhnlich für gut erachtet, man zahlt seine Steuern — und läßt die Sache beimalten. Aber hoffentlich rühren sich jetzt-die Liberalen in Württemberg, um vor der Beratung des Gesetzentwurfs für ihre Wünsche und Forderungen Stimmung zu machen. Die französische Rabbinerversammlung hat in der vorigen Woche ihre zweite Sitzung abgehalten. Bekanntlich hat dieselbe zur freudigen Ueberraschung aller liberalen Kreise, im vorigen Jahre eine Reform der Ehegesetze, speziell des Get und der Chalizah angeregt. Ein merkwürdiger Vorgang verhinderte in diesem Jahre die endgültige Beschlußfassung über diese Fragen. Der Präsident des französischen Zentralkonsistoriums, Baron Edmund von Rothschild, erschien nämlich in der Versammlung und hielt dort eine Ansprache, in der er gegen die geplanten Reformen Stellung nahm. Baron Rothschild erzählte, daß er auf seinen Reisen während des letzten Jahres wahrgenommen habe, wie peinlich die reformatorischen Absichten der französischen Rabbiner allerorten die Judenheit berührt hätten; namentlich haben ihm ausländische Rabbiner nach dieser Richtung hin überzeugende Mitteilungen gemacht. Er bat die Rabbiner, ihre Kraft der Erhaltung des traditionellen Judentum zu widmen, nicht aber den Weg von Reformen und Aenderungen zu . beschreiten. Die Antwort des Grand Rabbin de France,- Alfred Levy, war eine sehr würdige, vom Geiste Zadoc Kahns erfüllte. Er erklärte freimütig, den von Baron von Rothschild vorgetragenen Anschauungen sich nicht anschließen zu können. Nichtsdestoweniger sollen die Beschlüsse der vorigen Versammlung nochmals geprüft und den europäischen Rabbinern vorgelegt werden. In der nächsten Generalversammlung im, Mai 1909 sollen dann die definitiven Beschlüsse erfolgen.' Man kann diesen Entschluß der französischen Rabbinerversammlung nur billigen. Haben sich bis jetzt auswärtige Rabbiner ohne jede Berechtigung und ohne besondere rab'binische Autorität in die Angelegenheit unberufen hinein gemischt, so sollen jetzt die berufenen Vertreter des Judentums aus theologischem Gebiete zu Worte kommen. Besondere An-»