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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-31 · Heft 31 (31.7.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 72. Jahrgang. Nr. 31, Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A b o n n e m e n ts7 Pr ei s: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebtzstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles» Begründet von Rabbiner S-> Ludwig Philixxson. VsrlsxL-LrpeMM: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Lum neunten Km. Berlin, 28. Juli. ^Ln den jüdischen, besonders den kabbalistischen Schriften, spielt unter dem Namen ein Knöchelchen des menschlichen Körpers eine eigentümliche Rolle. Dasselbe soll durch die Eigenschaft der Unzerstörbarkeit sich von den übrigen Knochen unterscheiden, weder mechanisch noch chemisch, aus nassem oder trocknem Wege angreifbar sein, daher auch der allgemeinen Verwesung des menschlichen Körpers entgehen, und aus ihm am jüngsten Tage der ganze Mensch wieder gebildet werden. Die Entstehung dieser Fabel setzt man ins dritte Jahrhundert nach der genauen Zeitrechnung. Sie ist auch von christlichen Theologen benützt worden, um das Dogma von der Auferstehung des Leibes gegen Zweifel sicher zu stellen. Dieses Knöchelchen suchte man im Rückgrat, aber an verschiedenen Stellen: unter der Schädelbasis im Nacken, in der Gegend des siebenten Hals- und ersten Rückenwirbels, in der Gegend des achtzehnten Wirbels, am Ende des Kreuzbeins. Weil die Vorstellung jüdischen Ursprungs ist, so erhielt das phantastische Gebilde den deutschen Namen Judenknöchlein. Von den Juden ging diese eigentümliche Sage dann zu den Arabern über; diese beschrieben unter dem Namen Albodaram ein erbsenförmiges Knöchlein von besonderer Härte, welches nicht verwese und den Keim des wiedererstehenden Menschen bilde. Nach Vesal ist dieses Knöchelchen der Araber kein anderes, als das innere Sesambein der großen Zehe. Niolan, Bauhin, Bartholin gedenken daherin ihren Anatomien dieses Knöchelchens bei Beschreibung der Knochen des Fußes. In dieser kabbalistischen Fabel liegt eine hohe, beseligende Wahrheit. Die Eigenschaft der Unzerstörbarkeit besitzt die Religion und die Nation Israels; weder Feuer noch Wasser konnten sie angreifen und zerstören. Der Tempel des Herrn, die Burg auf Zion wurden Staub und Asche, die stolzen Mauern Jerusalems stürzten zusammen, aber die Blüte der monotheistischen Religion wurde nicht geknickt, die Quelle der hehren Erkenntnis von dem einig-einzigen Gott, von der Ebenbildlichkeit des Menschen, von der Heiligung desselben in und durch Gott, von der Liebe zu Gott und seinen Menschenkindern, die Quelle der ewigen Wahrheit, der bleibenden Seligkeit wurde durch Titus nicht verstopft. Die Religion des reinsten Monotheismus und der daraus fließenden Lehren, übereinstimmend mit den reinsten Ueberzeugungen der Vernunft, mit den Ordnungen der^ganzen Natur, mit der ewigen Sehnsucht des menschlichen Gemütes, trennte sich, wurde losgetrennt von Tempel und Altar und stellte sich auf eigene Füße, und trat hinaus in den Weltraum, damit die gesamte Menschheit diesen höchsten Grad der Erkenntnis Gottes, diese, tiefgegründete Glückseligkeit erreiche. Sie, die Religionsandte, ihren Träger, Juda, in die entferntesten Länder und Inseln, um ihre heiligen Ueberzeugungen in alle Weltgegenden zu tragen, wohin noch nie ein Strahl der wahren Gotteserkenntnis gedrungen. Diese Mission war nicht vergebens; unbemerkt sprühten die Lichtsunken ewiger Wahrheit umher unter die Nationen; zwei Töchter erwuchsen der Mutter aller monotheistischen Religionen, die ihr die Aufgabe erleichterten, damit nach wenigen . Jahrhunderten Millionen Menschen reis werden, sich laut und öffentlich zu dem einigen Gotte zu bekennen. Sie waren nicht untätig die Sprößlinge der alten Mutter, sie waren immer voll energischer und lebendiger Tätigkeit, die Kenntnis des Willens und des Wesens Gottes zu verbreiten, ihre erhaltenen Lehren, ihre gewonnenen Ueberzeugungen allgemein zu machen und anderen mitzuteilen, und sie, die Mutter, ging als lebendiges Beispiel, als erhabenes Vor- und Musterbild überall mit den Töchtern, als Bote der nahen Erkenntnis, als Lehrerin und Verkünderin des reinsten Monotheismus. Aber die Töchter fingen an, die Mutter nicht nur mit Gleichgültigkeit zu behandeln, sondern Haß und Verachtung gegen sie zu erwecken, falsche ehrenrührige Meinungen, nachteilige Mißverständnisse hervorzurusen. Die Verdächtigungen, die im heidnischen Volke gegen die Tochter umherliefen, daß sie in ihren frommen Versammlungen Menschenfleisch genieße und Menschenblut trinke, unddie vom rohen und leichtgläubigen Pöbel mit Abscheu vernommen wurden, lenkte sie später gegen die Mutter hin, um dieselbe Wut desselben Pöbels gegen die Mutter zu reizen und aufzustacheln. Ohne Bild! Wer kann die schauerlichen Verfolgungen der jüdischen Nation herzählen? Die Bekenner des einzigen Gottes wurden bald hier, bald dort vertrieben und ins Elend gejagt, in Kerker und auf Folter geworfen, gesteinigt, gewürgt, verbrannt, erschlagen, gehenkt, gespießt. Richterliche Sprüche, Inquisitionen, Autodafes; kaiserliche Befehle, Volksaufstände wüteten gegen Juden und Judentum. Der Judehörte auf, eine Person zu sein, er würde Sache, Kammerknecht, den nur die apostolische Majestät besitzen, aber auch andern Mächtigen erlauben durste, ihn zu halten. Der Jude wurde ein Stück Schwamm, den man vollsaugen ließ, um ihn dann gehörig aüszüpressen. Damit aber der Jude, diese lebendige Sache, do^ sein Leben friste, bannte man ihn in den einen Kreis des Trödels und Wuchers, und sagte hinterher: „Der Jude ist ein Blutegel, ein Konsument, . ohne etwas zu produzieren." . t o/ Zum Glücke, daß die Verfolgungen der Juden sich nicht . in gleicher Zeit über alle Weltteile ausdehnten. Verfolgungen kaii

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