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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-24 · Heft 30 (24.7.1908) · page 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Vellage zur „AWemelnrn Leitung deK Judentums". lkorrelpvndkn?rn und Mschrichten. Deutschland. L2 Berlin, 20. Juli. Vom 6.—12. August findet bekanntlich hier der Internationale Kongreß für historische Wissenschaften statt- Wir entnehmen dem Uns zugesandten Programm der Vorträge die, welche für unseren Leserkreis von besonderem Interesse sein dürften. Es sind die folgenden: G. Maspero-Kairo: „Ce qui se fait en Egypte pour sauver les momiraents liisloriques", E. Sellin-Wien: „Die Ergebnisse der Ausgrabungen in Palästina für die vorisraelitische Geschichte des Landes; N. Gunkel-Gießen: „Aegyptische Parallelen zum Alten Testament", T. Witton Davies- B an gor: ,^udaism and Jewish institutions in the centaries immediately following the exile", I. Schick-München: „Orientalische Züge in der Hanilet-Sage, M. Jastro w-Philgdelphia: „Historical references in the Omentexls of Bahylonia and Assyria“. Außerdem dürsten je nach der Art der Behandlung auch die folgenden Vorträge von Interesse sein: I. Jlberg-Leipzig: „Die Erforschung der antiken Medizin", G. von Below-Freiburg: „Die Organisation des deutschen Handels im Mittelalter", H. Winckler-Verlin: „Ueber die Ausgrabungen von Boghazköi", G. Wiedemann-Erlangen: „Die Verdienste der Araber auf dem Gebiete der Naturwissenschaften." s. Berlin, 20. Juli. Am 13. dieses Monats ist hier Leo Berg, der bekannte Literarhistoriker und Kritiker, wie schon kurz gemeldet, Plötzlich gestorben. Leo Berg, am 29. April 1862 zu Zempelburg geboren, widmete sich philosophischen und literarischen Studien und nahm innerhalb der hochstrebenden, regsamen Literatengruppe, die in den achtziger Jahren der künstlerischen und literarischen Physiognomie der Reichshauptstadl einen eigenartigen Zug aufprägte, eine bevorzugte Stellung ein. Leo Berg verfolgte mit scharfem Blick und fein kritischem Geist die dichterische Produktion. Mancher Name, der heute vollen Klang hat, ist zuerst von ihm in der Oeffentlichkeit genannt worden, anderseits ist er gegen überschätzte Tagesgötzen oft mit feiner Ironie oder wuchtiger Emphase zu Felde gezogen. Leo Berg gehörte zu den ersten, bie mit Wärme und Eifer für Ibsen eintraten. „Ibsen und das Germanentum in der modernen Literatur", so betitelte sich das erste Buch, das er vor bald zweiundzwanzig Jahren veröffentlichte. Später schrieb er über Wildenbruch, Keller usw. Ein Klageruf, der zugleich dazu bestimmt war, ein Weckruf zu sein, war sein Buch „Haben wir überhaupt noch eine Literatur?", ein Buch, das starken Eindruck machte und in mehreren Auflagen erschien. Eine Schrift, die in unserer Zeit auf Beachtung doppelten Anspruch hat, „Das Sexualproblem in der modernen Literatur", erlebte ebenfalls mehrere Auflagen. Seine Schriften über den Naturalismus, über das deutsche Märchen, seine Essays „Aus der Zeit, gegen die Zeit", seine Schriften über Zola haben gebührende Beachtung gefunden und stellten ihn in die Reihe der angesehensten Schriftsteller aus dem Gebiete der Literaturgeschichte und der Aesthetik. Eine gewisse Schüchternheit seines Wesens, vielleicht die Folge eines körperlichen Gebrechens, Leo Berg hatte infolge einer Fußverkürzung einen hinkenden Gang, eine bis zu einer leisen Menschenscheu entwickelte Zurückhaltung bei ungewöhnlicher Menschenliebe, mag es bewirkt haben, daß Leo Berg persönlich innerhalb unserer literarischen Welt abseits stand und sich nicht recht zur Geltung brachte. In gerechtem Ansehen stand er durch sein vielseitiges, allzeit anregendes Schaffen, durch seine wertvolle Mitarbeiterschaft an unseren besten Zeitschriften wie durch die tatkräftige Förderung, die so manches junge Talent ihm zu danken hatte. Eine Zeitlang stand Leo Berg auch unserem Blatte als eifriger Mitarbeiter ^ahe, namentlich zur Zeit des schärfsten Antisemitismus. Sein plötzlicher Heimgang hinterläßt eine Lücke im literarischen Leben. Das Andenken des schaffenseifrigen, allzeit eigenartigen und anregenden Schriftstellers, wie das des liebenswürdigen, charaktervollen Menschen wird in bester Erinnerung bleiben. ff. Posen, 14. Juli. Professor Dr. Georg Adler, der vor kurzem gestorben, hat der hiesigen Stadt ein Legat von 3000 Mark vermacht, aus dessen Zinsen Stadtarme, ohne Unterschied der Konfession, mit Brennmaterialien versehen werden sollen. — Hauptlehrer Ries an der jüdischen Volksschule in Krotoschin tritt nach einer langen Reihe von Dienstjahren im Orte selbst in den wohlverdienten Ruhestand. Die Pensionierung erfolgt am 1. Oktober d. I. Herr Ries hat Ersprießliches für die Schule geleistet und in der Lehrerwelt einen guten Namen sich erworben. Der Lehrerverein daselbst ernannte ihn zum Ehrenmitgliede. Wie in allen kleineren Städten in unserer Provinz vermindert sich die Zahl der jüdischen Einwohner in Krotoschin zusehends, so daß die Schule statt wie bisher aus drei, nunmehr aus zwei Klaffen bestehen wird. — Ein jüdischer Verein gegen Hausbettelei wurde dieser Tage in Rogasen gegründet. Gegen 60 Mitglieder sind dem neuen Verein sofort beigetreten und beläuft sich der Haushaltsetat auf jährlich 600 Mark. Der dortige Ortsrabbiner Herr Dr. Dünner wurde zum Vorsitzenden gewählt. — Der Stadtverordnete Herr Bernhard Schwersenz in Hohensalza beabsichtigt, aus Anlaß seiner 25jährigen Tätigkeit in dortiger Stadt derselben eine beträchtliche Summe zur Errichtung eines Kaiser Friedrich-Denkmals oder -Brunnens zu stiften. Magistrat und Stadtverordnete haben zu dieser Denkmalsangelegenheit eine gemischte Kommission bereits gewählt. — Herr Louis Wulff, Besitzer der hiesigen Milchkuranstalt Schweizerhof, hat der Frau Oberpräsident von Waldow, der Vorsitzenden des Vaterländischen Frauenvereins, für die Zeit der großen Ferien täglich 20 Liter Vollmilch und sechs Gläser Trinksahne zur Verteilung an bedürftige Kinder überwiesen. Malchin, 4. Juli. Am 4. d. M. brachte der hiesige „General- Anzeiger" folgende interessante Mitteilung: Am 18. September d. I. wird voraussichtlich in unserer Stadt erne bedeutsame Denktafel enthüllt werden. Am 18. September 1831 wurde in dem heutigen Hause des Kürschnermeisters Michaelsen neben der Apotheke als Sohn des Oberrates Liepmann Marcus Siegfried Marcus geboren. (Liepmann Marcus hat sich um die Organisation der Juden in unserem Lande große Verdienste erworben. Von ihm rührt die Schrift her: „Kurze Uebersicht der Verhältnisse der Einwohner mosaischen Glaubens in den Großherzoglich Meckleuburg-Schwerinschen Landen, Güstrow 1833.) Es hätte sich damals niemand in Malchin träumen lassen, daß das Genie des Neugeborenen einst eins unserer bedeutsamsten Verkehrsmittel erfinden würde. Etwa 1845 kam Siegfried Marcus zu einem Hamburger Schlosser in die Lehre, ging 1848 nach Berlin zu der damals neugegründeten Firma Siemens & Halske und scheint (nebenher?) den Unterricht der Berliner Gewerbeschule genossen zu haben. Er wurde ein Günstling von Werner Siemens- 1852 war er bereits in Wien, im folgenden Jahre nahm er Stellung bei dem Hofmechaniker Kraft, darauf war er drei Jahre lang Mechaniker am Physikalischen Institut des Josephinums, dann Assistent im Chemischen Laboratorium von Professor Ludwig. Um 1860 machte er sich in der Mariahilferstraße selbständig. Vielerlei Apparate gingen aus seiner Werkstätte hervor, so z. B. ein Telegraphenrelais der österreichischen Bahnen, ein elektromagnetischer Sprengapparat, eine ventillose Rotationspumpe. Lampen, Pistolen usw. Für seine Thermosäule erhielt er die Goldene Medaille der Akademie und einen Preis von 2000 Gulden, für seinen Feldtelegraph, der 1870/71 in Verwendung war, eine Anerkennung des Generals von Blumenthal. Seit 1861 arbeitete Marcus an einem Benzinkraftwagen, vollendeteein unvollkommenes Modell 1868 und verbesserte dies bis 1875 zu einem brauchbaren Wagen, der heute im Besitz des Oesterreichischen Automobilklubs in Wien ist. In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1898 starb Marcus in Wien. Auf Anregung des in Berlin lebenden Historikers der Technik F. M. Feldhaus soll die erwähnte Gedenk' tafel für Marcus zustande kommen. Bisher haben der Kaiserliche Automobilklub in Berlin, der Österreichische Automobilklub in Wien, der Rheinisch-Westfälische Automobilklub, der Bayerische Automobil-

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