Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 360 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Programm vom 3. Mai unterschrieben, ziehen zu müssen. Ist uns doch von unserer großen Vergangenheit nichts anderes übrig geblieben, als „die Lehre", so wollen wir denn von den Jugendbildnern, von jenen, die als „Führer und Lehrer in Israel" bestallt und bestellt sind, den Inhalt „dieser Lehre" nicht als „veraltete Vorschriften und abgestorbene Sitten" in den Staub ziehen lassen. Mag sein, daß so mancher von den Teilnehmern an jener „freisinnigen Versammlung" an eine derartige Interpretation nicht dachte und für sein Leben gern heute nochmals seine Unterschrift zurückziehen möchte; die cnkants terribles der Neologie haben aber bereits Morgenluft gewittert, und aus der südwestlichsten wie aus der nordöstlichsten Ecke des Reichs werden Vorgänge bekannt, die beweisen, daß es unter den deutschen Rabbinern nicht an gelehrigen Jüngern sehlt, welche die von Stettiner und Nürnberger Aposteln aufgestellten Thesen rasch in die Praxis umsetzten. Herr E. N. spöttelt über unseren „intensiven" Religionsunterricht in Bibel, Mischna und Talmud, und meint, daß es vor allem auf die Kenntnis der jüdischen Geschichte ankomme. Auch hier gehen unsere Anschauungen diametral auseinander. Nicht die Kenntnis der Jahreszahl, wann Raschi geboren und wann Moses Mendelssohn gestorben, erscheint uns als Gewähr für die Glaubenstreue unserer Jugend, sondern die „intensive" Beschäftigung mit den halachischen und poetischen Schätzen unserer Religionsliteratur. Erst in den allerjüngsten Wochen haben Führer der Münchener Neologie uns gegenüber ihre Verwunderung und ihren Aerger darüber geäußert, daß jetzt, nachdem ihre Söhne zehn oder dreizehn Jahre lang den offiziellen obligatorischen Religionsunterricht „genossen", sie wohl über Optimismus und Pessimismus im Judentum. auch über das, was Neuchlin für und Pfefferkorn gegen das Judentum geschrieben, „eine Eins" schreiben, aber an den zwei höchsten Festen des Jahres nicht den einfachsten Gebeten unserer Festesliturgie mehr folgen können. Kann es uns da Wunder nehmen, wenn eben diese neologen Führer als eireulus viti'osus dieser Misere die praktische Durchführung des Berliner Programmpunktes bezüglich des „breiteren Raums, der unserer deutschen Sprache ini Gottesdienst eingeräumt" werden müsse, verlangen, damit „Geist und Gemüt der Besucher Erhebung und Erbauung finde?" Wir glauben, Herrn E. N. sowie die verehrliche Redaktion dieser Zeitschrift richtig zu beurteilen, wenn wir vermuten, daß sie uns bei dieser Sachlage — selbst auf Kosten des Dispenses unserer Kinder vom offiziellen Religionsunterricht — wärmstens anempfehlen, -unseren „intensiven" Unterricht auch in Zukunft beizubehalten und auszubauen, damit die wehmütige und doch so beseeligende Klage des Neiloh-Pißmon's darüber, daß „Nichts uns übrig geblieben als diese Lehre" wenigstens von unseren Nachkommen noch mit Verständnis und berechtigtem Stolze in der heiligsten Stunde des Jahres als Trosteswort gekündet werden kann. Mag dann in hundert Jahren Neologie und Orthodoxie vor den Nichterstuhl der jüdischen Geschichte treten und zurückblickend gegen einander abwägen, welche Richtung deS Judentums und welche Art des Religionsunterrichts „die intensive, private" oder die obligatorische „offizielle" mehr für die Erhaltung unseres geistigen Erbes und unseres religiösen Lebens, kurz für den Bestand unserer Glaubensgemeinschaft geleistet hat: wir sind sicher, daß das Verdikt der Geschichte alsdann die Richtigkeit jener These erhärten wird, die der große Todte, dessen hundertjährigen Geburtstag wir vor wenigen Tagen feierten, in die lapidaren Worte zusammenfaßte: „So lange es orthodoxe Juden gibt, wird es jüdische Gemeinden geben." München, 9. Juli 1908. S. F. (Wir werden nun auch noch unserem Mitarbeiter ein Schlußwort gönnen müssen. Und damit wird diese Polemik für unser Blatt beendet sein. Die Red.) Hochgeehrte Redaktion! Tk^en falschen Ausstreuungen gegenüber, die seit längerer Zeit im $n= und Auslande über die Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschen Juden und neuerdings besonders geflissentlich verbreitet werden, sehe ich mich veranlaßt, das Nachstehende in bezug auf unsere Hilfsaktion für die Auswanderer vor der Oeffentlichkeit klarzustellen. > Auf . Veranlassung des Hilfsvereins der deutschen Juden fand, wie bekannt, eine Konferenz am 4. und 5. Dezember 1904 in Frankfurt a. M. statt. Auf dieser wurde beschlossen: - „daß die einzelnen Länder Vorsorge treffen, damit die osteuropäische Auswanderung von Land zu Land überwacht werde," „daß ein „internationales Zentralbureaü für die jüdischen Auswanderer aus dem östlichen Europa" gebildet werde." Der Hilfsverein der deutschen Juden hat darauf gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland in Gemäßheit der Frankfurter Beschlüsse, die Arbeit in Deutschland weiter ausgedehnt, der er sich auch bereits vor der Konferenz mit großen Opfern an Geldmitteln unterzogen hatte. Es war eine zwiefache-Aufgabe zu erfüllen; als Landesorganisation für Deutschland hatten wir zu fungieren, und es mußte von uns zugleich ein internationales Zentralbureau für die jüdischen Auswanderungsangelegenheiten in Berlin, angegliedert an den Hilfsverein, ins Leben gerufen werden. Das war im Jahre- 1904/05. Im Jahre 1906 schlossen sich darauf die Jca und die Alliance in Paris den Arbeiten unseres Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten in dankenswerter Weise an und gewährten uns für einen bestimmten Teil der Auswanderung ihre Beihilfe, und zwar die Jca mit 75 Prozent und die Alliance mit 10 Prozent. Es muß hervorgehoben werden, daß diese Subventionen für die von uns ins Leben gerufene Organisation als solche nicht verwendet werden durften und nicht verwendet wurden, daß alle Lasten für unsere Komitees an der Grenze, in den Hafenstädten und im Innern Deutschlands für die von uns gegründeten Herbergen. Verpflegungsstationen und Krankenanstalten, sowie auch die Ausgaben für einen beträchtlich näher abgegrenzten Teil der Auswanderung selbst nach wie vor vom Hilfsverein getragen worden sind. Um ein Bild zu geben von den Summen, die trotz der dankbar anzuerkennenden Subventionen der Hilfsverein aus eigener Kraft für die Auswanderung aufgebracht hat und noch aufbringen muß, sei auf die nachstehenden Zahlen verwiesen, die übrigens auch in unseren Jahresberichten klar und deutlich angegeben sind. Für die Auswanderung verausgabte das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten: im Jahre 1904/5 rund 310 000 Mark * „ 1906 „ .458 256 „ „ 1907 „ 400 000 „ „ 1908 bisher 100 000 „ davon-: Hilfsverein lea Alliance im Jahre 1904/05 310 000 Mark kein Zuschuß kein Zuschuß „ „ 1906 253 402 „ 176 342 Mark 23 512 Mark ., „ 1907 221 932 „ 157 119 „ 20 949 „ „ 1908 bisher 83 386 „ 14 288 „ 2 326 „ Seit Ende 1904, also seitdem die große Auswanderungsbewegung einsetzte, bis heute, sind durch uns für die Auswanderung 1213256 Mark ausgegeben worden. Davon entfielen: auf die Ica.. 347 749 Mark auf die Alliance . . . . 46 787 Mark und auf den Hilfsverein .. . . 868 720 Mark. Laut Schreiben der Deutschen Konferenzgemeinschaft vom 25. Juni 1908 erreichte alsdann die Mitarbeit der Alliance an diesen Aufgaben am 1. April dieses Jahres überhaupt ihre Endschast. Die Zahlen werden genügen, um die Oeffentlichkeit über unsere Tätigkeit auf dem Gebiete des Auswanderungswesens zu unterrichten. In größter Hochachtung Berlin. 13.Juli. Dr. P. Nathan, Geschäftsführer des Hilfsvereins der deutschen Juden im Ehrenamt. 3n der ersten Zeile des letzten Passus meines Schreibens vom 8. Juli in Nr. 28 hat der Setzer das Wort „angeblichen" hinter-„meinen" sortgelassen. Berlin, 17. Juli 1908. Prof. Dr.,Kalischer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.