Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 359 (sequence 13)
- Language
- German
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über ein von mir in Sachen der Feuerbestattung angeblich abgegebenes Gutachten. Die Mitteilungen entsprechen weder in dem einen, noch in dem anderen Falle den Tatsachen. Ich habe mich über die verfassungsrechtliche Frage der Hausandacht in Bayern gutachtlich überhaupt nicht geäußert, sondern unter anderem nur bekundet, daß eine Hausandacht bei uns Israeliten nicht abgehalten werden kann, wenn nicht zehn Personen daran teilnehmen, eine Bekundung, die, glaube ich, kaum ein sonderliches Novum darstellen dürste. Hinsichtlich der Feuerbestattung habe ich, ans eine Anfrage hin, mich bereit erklärt, vor Ueberführung einer Leiche zur Verbrennung eine Trauerrede zu halten, und zugleich konstatiert, daß der Beisetzung von Aschenurnen auf dem Friedhofe unserer Gemeinde nichts im Wege steht, Erklärungen, die wohl ebensowenig ein weitergehendes öffentliches Interesse haben dürsten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie durch Aufnahme dieser Berichtigung wieder einmal bezeugen würden, daß trotz aller gegenteiligen Behauptungen der letzten Zeit noch immer keine unser Bayerland erschütternden Reformen von mir in Szene gesetzt worden sind. Ihr sehr ergebener Nürnberg, 12. Juli. Rabbiner Dr. Freudenthal. & Geehrte Redaktion! nser verehrter Gegner hat sich in seiner Replik in Nummer 27 nicht darauf beschränkt, uns Orthodoxen von neuem den Kopf hinsichtlich unserer Stellungnahme zu der Frage des obligatorischen Religionsunterrichts zu waschen; er ist vielmehr, wahrscheinlich weil „Reis-Reiflingen" die klassische Fortsetzung der „Krieg im Frieden"- Komödie ist, zu einem schneidigen Husarenangriff gegen uns übergegangen, indem er uns unser Sündenregister auf allen Gebieten und Fragen, die in Theorie und Praxis Differenzpunkte zwischen Orthodoxie und Neologie bilden, vorhielt und unsere „Herrschsucht" und „Schroffheit", unfern „Hochmut" und „Mangel an Verständnis für den großen Gesichtspunkt der Einheit Israels" in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in herben Worten geißelte. Wir antworten darauf: Mit Zeitungspolemiken macht man keine Politik; die Taten müssen entscheiden. Was zunächst die Zukunft anbetrifft, so wird in den nächsten Monaten bei der Revision des bayerischen Judenedikts vor der ganzen deutschen Judenheit der Beweis zu erbringen sein, ob auf unserer oder auf der Gegenseite die Friedensbeteuerungen ernsthaft gemeint sind. Vorläufig hat der Verlauf der Landesvereinstagung vom 187 Mai, und insbesondere die wenig faire Art und Weise, wie daselbst eine geschlossene Phalanx von Kulturkämpfern, lediglich aus ihre Majorität pochend, dem Vertrauensmann der Nürnberger Orthodoxie die Mitarbeiterschaft an der zu wählenden Gesetzgebungskommission verweigert hat, ein Schulbeispiel dafür statuiert, von welcher Summe von „Friedensliebe" und „Entgegenkommen" man auf neologer Seite gegen uns beseelt ist. Denn im politischen und parlamentarischen Leben dürste der Fall einUnikum bilden, daß man beiBildung einer Kommission aus den Mitgliedern verschiedener Parteien dem politischen Gegner just die Wahl jener Persönlichkeit in die Kommission refüsiert, die die Minorität als den Mann ihres Vertrauens nominiert. Bei aller Hochachtung vor dem Gerechtigkeitssinn und der bona üäes des Herrn E. N. scheint uns derselbe mit den einzelnen Phasen und Differenzen innerhalb des 'bayerischen Judentums doch nicht genügend vertraut zu sein; wahrscheinlich ist ihm auch der eben erwähnte Affront, der die Tagung vom 28. Mai so mißtönig ausklingen ließ, als Akt des „Hochmut" und der „Rechthaberei" der Orthodoxie geschildert worden, obwohl die beiden neologen Vorstandsvorsitzenden von München und Nürnberg unser Verlangen als ein gerechtes erachteten und für unfern Kandidaten ihre Stimme abgaben. „Weniger Schlagworte und mehr Einblick in die tatsächlichen und realen Verhältnisse" möchten wir unserm verehrten Gegner anempfehlen, und um ihm diesen Einblick zu erleichtern, richten wir die Bitte an ihn, daß er sein Inkognito lüften und an der bevorstehenden Nürnberger Konferenz vom 8. September teilnehmen möge, um sich durch aktive Mitarbeit an den unser harrenden gemeinsamen Aufgaben einmal selbst davon zu überzeugen, auf welcher Seite denn nun einmal, die größere Friedensliebe und die weitergehende Toleranz ob» waltet, und ob denn wirklich „Kampflust" und.„Herrschsucht" die Triebfeder unseres Tun und Lassens sind. Nachdem Herrn E. N. von der verehrlichen Redaktion dieser Zeitschrift ausdrücklich attestiert tvurde, daß derselbe ein ebensoguter und glaubenstreuer Jude ist. „wie alle bayerischen Orthodoxen zusammengenommen", so steht meines Erachtens gar nichts im Wege, daß derselbe auch als Vertreter von Bayerns Orthodoxie in die Kommission eintritt. Wir wollen ihm freudig das Mandat überlassen, die gesetzliche Basis auszuarbeiten, die in Zukunst alle Reibflächen zwischen Orthodoxie und Neologie beseitigt, die „Einheit Israels" für die bayerischen Gemeinden für alle Zukunft verbürgt und das Problem des obligatorischen Unterrichts nach dem Rezept der Quadratur des Zirkels für die Orthodoxen wie für die Neologen einheitlich löst. Herr E. N. dürfte als „Unparteiischer" in der Kommission einen wesentlich leichteren Stand haben als wir „starre" und „schroffe" Orthodoxen; er wird zweifelsohne auch die Lehrer in Vorschlag zn bringen wissen, die es zuwege bringen, der einen Bank von orthodoxen Schülern die Spaltung des Schilfmeers als das hehrste Wunder von Gottes Gnade und Allmacht, der andern Bank von neologen Schülern diese „fromme Legende" als „Inspiration" und natürliche Folge von Ebbe und Flut vorzutragen. Die Frömmigkeit und Gläubenstreue des Herrn E. N. in allen Ehren! Aber mit der Geschichte unserer Münchener Gemeinde in den jüngsten 30 Jahren erweist er sich als wenig vertraut. Denn wenn er zum Beispiel unser Verhalten vor und während des vorjährigen Feldzugs unter die Lupe nimmt, und meint, daß unsere Friedensliebe „der russischen verdammt ähnlich sähe", so dürfte der Vergleich mit russischen Zuständen wohl eher auf die Ukase und Gewaltmaßnahmen unserer neologen Gegner, durch welche im Vorjahre der Ausbruch der Feindseligkeiten heraufbeschworen, nnd auf den völligen Mangel an Vorbereitung und Strategie, mit welchen dieser Krieg auf der Gegenseite geführt wurde, zutreffen. Es hat keinen Wert und würde den Idealen, die wir als Richtlinien unserer Politik erachten, zuwiderlaufen, wollten wir jetzt, wenige Monde nach dem Friedensschluß, alte Wunden aufreißen und hier den Nachweis erbringen, wie damals unsere Gegner sehenden Auges mit geschwellten Segeln in den Konflikt hineinsteuerten. Wenn aber Herr E. N. in seinem jüngsten Artikel der Vermutung Ausdruck gibt, daß nur „zarte Scheu" die leitenden Kreise der Neologie davon zurückgehalten haben, die Akten zu veröffentlichen und die „unwahre Darstellung" der Orthodoxen vor der Oeffentlichkeit zu berichtigen, so müssen wir dieser Legendenbildung im Interesse der Wahrheit und um jedweder Geschichtsfälschung vorzubeugen, entschiedenst entgegentreten. Wer Butter aus dem Kopse hat, geht nicht in die Sonne, und die maßgebenden Kreise in München und Nürnberg wußten damals ganz genau, daß sie uns keinen größeren Gefallen erweisen könnten, als wenn sie zur Veröffentlichung der gemeindlichen Akten und Protokolle in der Presse, zu der wir sie in einem Artikel in der „Münchener Allgemeinen Zeitung" direkt aufforderten, schreiten würden. Es wäre kein rühmliches Bild für die Neologie geworden, das durch eine solche Veröffentlichung eine grelle Beleuchtung erfahren hätte, und wir wissen den maßgebenden Führern der Münchener und Nürnberger Neologie aufrichtigen Dank dafür, daß sie sich jetzt mit uns vereinen, um veraltete gesetzliche Normen aus dem Wege zu räumen, die jahrzehntelang den Ausgangspunkt nnd die juristische Deckung für eine derartige Knechtung der Gewissen bilden mußten, wie sie in jenen, der Geschichte unserer Gemeinde angehörenden Akten zum Ausdruck kommt. Lapienti sat, und aus diesem Grunde hegen wir auch erhebliche Zweifel, ob das Generalstabs werk der bayerischen Neologie über den vorjährigen Gemeindekampf in München und Nürnberg überhaupt jemals geschrieben wird. Nach dieser Abschweifung auf die Angriffe unseres verehrten Gegners bezüglich unseres Verhaltens in Zukunft und Vergangenheit noch ein paar Worte zu dem thema probandum, das ist der Religionsunterrichtssrage. Wir sind fest überzeugt, daß nur das unverbrüchliche Festhalten an dem Programm der Jugenderziehung im Geiste der Tradition die Erhaltung des Judentums bis an das Ende aller Zeiten gewährleistet, darum glauben wir, eine scharfe Demarkationslehre zwischen uns und jenen geistigen Führern des Judentums, die das