Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 358 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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schnell wieder hinter den sich schließenden hohen Gardinen^ Endlich trat das vorige Dienstmädchen aus dem Hofe, und Isaak eilte erfreut ihr entgegen. „Ihr könnt nun gehen," sagte das Mädchen lachend, „hier schickt Euch die Herrschaft einen Sechser für Euer Warten; der kleine Junker ist ganz still geworden und hat sich ruhig waschen lassen. Aber er hat sich auch nicht wenig vor Euch gefürchtet! Da, nehmt!" Ein schwerer Seufzer entstieg der Brust des tief Gekränkten; sein Blick irrte unstet an den Fenstern des Schlosses umher. „Nun so nehmet endlich, Jude," erinnerte das Dienstmädchen, „ich habe nicht lange Zeit. Oder ist es Euch wohl gar zu wenig? Ihr Juden wollt doch alles zehnfach bezahlt haben." Isaak schwieg und ging. Aber in seinem Innern drängte sich Gedanke auf Gedanke über das eben Erfahrene. „Wie soll es so bald besser mit uns werden, wenn sie noch immer nicht unterlassen, ihren Kindern uns als Schreckbilder vorzustellen? wenn sie noch immer fortfahren, Feindschaft zu legen zwischen ihren'Samen und den unsrigen?" So klagte er halblaut vor sich hin, und die Schicksale seines Volkes in der Vergangenheit zeigten ihm blutigrot die Früchte jener in den Kinderstuben gesäeten und später im Leben großgezogenen Giftpflanze der Judenscheu. Ein neues Dorf zog ihn endlich ab von den trüben Gedanken. Er pochte an die Türen, er rief in die Fenster, in die Höfe, er fragte die Begegnenden, und diesmal zu seiner Freude fast überall mit einigem Erfolge, so daß er bis zur Mittagszeit bereits eine beträchtliche Summe gelöst hatte. Nun zwang die brennende Sonne zur Raft. Nachdem er in der Dorfschenke an Brot und Butter, seine einzige Kost auf den Landumzügen, sich gelabt hatte, ward er von der ehrsamen Bauernversammlung ins Gespräch gezogen, über Stadtneuigkeiten befragt, mit den letzten Judennachrichten der Breslauer Zeitung, den jüdischen Betrügereien, den Viertel¬ und Achtel-Emanzipationen, den neuen Synagogenbauten und den aus Staatskassen hierzu gespendeten Beiträgen abwechselnd gekränkt und erfreut. Um die dritte Nachmittagsstunde brach er wieder auf. Noch war es drückend heiß im Freien und nicht weniger heiß in den niederen Dorfstuben, in denen der Hausierer, seine Ware auslegend, lange verweilen mußte: aber wiederholter Verkauf der letzteren ließ ihn Hitze und Durst leicht ertragen. Schnell verflossen ihm die Stunden, und heiter und vergnügt war sein Sinn ob des Segens, den ihm heute Gott gespendet. Wie innig pries er die Gnade des Allernährers im stillen Gebete! wie war er glücklich der arme Mann! . . . Da erschrak er Plötzlich über sich selbst, über seine Heiterkeit, und tiefe Reue ergriff sein Herz. Er hatte sich gefreut über sein eigen Glück, und vergessen, daß in wenigen Stunden schon die Trauer über Jerusalem und Israels Zerstreuung sein Gemüt ganz allein erfüllen müsse. Bitter schalt er seine Selbstsucht, seinen irdischen Sinn, seine Sündhaftigkeit: er war nun nicht mehr wert der Gnade seines Schöpfers. Und dünnt er für seine Schuld sogleich ein Sühnopfer bringe, beschloß er, für heute nicht wieder ans Geschäft zu gehen, sondern ausschließlich den traurigen Volkserinnerungen nachzuhangen. Gesenkten Blickes, daß keine Versuchung ihn abziehe, schritt er die lange Häuserreihe des Dorfes rasch hindurch, dem Wirtshause zueilend, wo er bis morgen nachmittags, wie das Gesetz es vorschreibt, die Trauer um Jerusalem zu begehen gedachte. Es galt in der Tat, hier standhaft zu bleiben, denn der Ruf nach ihm wiederholte sich fast vor jedem Hause; ja wie wenn die Vorsehung ihn Prüfen wollte, selbst der Besitzer des Dorfes, der reiche Baron von Pollwitz, der gerade vor dem Garten des herrschaftlichen Schlosses stand, winkte den demütig Grüßenden zu sich herüber. Eingedenk seines Gelübdes deutete Isaak dem Baron durch ein ängstliches Zeichen an, daß er nicht verweilen könne, und wollte so vorübergehen, als ein nicht fern stehender Bedienter, auf einen vom Baron gegebenen Wink, ihn ziemlich derb am Arme ergriff und trotz seines heftigen Widerstrebens in den Garten hineinzog. (Fortsetzung folgt.) ÄiKK . Sprechest. Geehrter Herr Redakteur! Nr. 26 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" berichtet Herr Dr. Gaster-London über das samaritanische Buch Josua, das „jetzt aus zweitausendjährigem Dunkel ans Tageslicht steigt". In diesem Buche befindet sich, wie Dr. Gaster weiter berichtet, an Stelle der Geschichte des Altarbaues durch die zweieinhalb Stämme, die Erzählung von dem Kriege der unter Führung des Königs Schobah vereinigten syrischen Könige gegen Josua. Ich möchte nun hierzu bemerken, daß diese Geschichte sich auch im Tarn wejaschar, fol. 856 der Sulzbacher Ausgabe von 1783 findet, dem ich sie im zweiten Bändchen meiner jüdischen Sagen und Legenden (Seite 11 bis 15) als „Josuas letzter Kampf" nacherzählt habe. Sie muß also auf diese samaritanische Quelle oder auf eine arabische Paraphrase des früheren oder späteren Mittelalters zurückgehen. Wie weit sie aber mit dieser Quelle übereinstimmt, oder von ihr abweicht (wie es den Anschein hat), das läßt sich ohne Kenntnis des samaritanischen Textes nicht sagen. Ergebenst Frankfurt a. M., 5. Juli. Prof. Dr. Kuttner. * Verehrliche Redaktion! Ihrer Nummer vom 12. Juni d. I. schließt Dr. Schwartz, Prag, seinen Artikel „Von den Falaschas" mit der Bemerkung: „Die Quelle (der Tradition der Ableitung der abessinischen Juden von Menelik) habe ich leider trotz eifrigen Suchens nicht gefunden. Vielleicht hat ein freundlicher Leser dieser Zeitung ,mehr Glück." Nun, ich melde mich hiermit zur Stelle und denke, einiges Licht in den Ursprung dieser Tradition zu bringen. Die Salomo-Sabasage hat nicht nur ein jüdisches und arabisches (Ib nal Atir, Masudi, Tabari, Talabi), sondern auch äthiopisches Gewand, das uns in dem von dem Orientalisten Prätorius herausgegebenen Werke Lebra Nagostgloria regum entgegentritt. Diese äthiopische Gestaltung der Mythe, welche übrigens die Wanderung derselben von Südarabien nach Äethiopien auch in der reichlichen Verwendung der Arabismen bekundet und sich sonst, als eine Tendenzschrift für die Abstammung der äthiopischen Könige von Salomo und zugleich als Hymnus auf dessen alles überstrahlende Weisheit darstellt, die keinen bestimmten Verfasser hat und nach Prätorius im siebenten bis achten Jahrhundert entstanden sein soll, endigt mit der Angabe, daß der Sohn des Salomo und der himjaritischen Makeda (der Name für die Königin, die arabische Bilkis) Baina hekem genannt wurde. Baina hekem soll nun das arabische ibn ei bakem, und dieses gleich bnil- oder bnelhakim, und noch die Vertauschung von b und in gleich Menilekh sein. In Kebra Nagost hätten wir also zunächst eine klassische Stelle für die Tradition der jüdischen Abstammung des äthiopischen Königs Menelik, und dürfte somit eine Tradition, „daß die Falaschas Nachkommen der aus Palästina von Menelik mitgebrachten Juden seien", eine auf jener Grundlage nur allzu leicht entstehende Fortspinnung des traditionellen Fadens bedeuten. Oberdorf-Bopfingen, den 7. Juli 1908. Rabbiner Dr. Krön er. $ Sehr geehrte Redaktion! ie bringen in der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitung einen Bericht über ein Gutachten, das ich über Hausandachten erstattet habe. Andere Zeitungen bringen dieser Tage Nachrichten