Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 357 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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unserer', gegenwärtigen Generation find mehrere jüdischchristliche Ehebündnisse zu erwähnen; unter anderen die Gräfin von Desart, eine Tochter von Mr. H. L. Bischossheim, die Gräfin von Orkney, die Witwe des verstorbenen Baron von Samuel, die Herzogin von St. Albans, eine Tochter von Ralph Vermal Osborne, die Gräfin von Rosebery, die Tochter des verstorbenen Baron Meyer von Rothschild, Lady Coutts Lindsah, eine Tochter von Hannah von Rothschild, welche den Right Honourable Henry Fitzroy, Bruder von Lord Southampton heiratete; Lady Charles Ducane, Enkelin von Louis Goldsmid, Autor von „Th6 Grimes of Gabinet", und die verstorbene Lady Owen Lanyon, eine Tochter von Mr. Joseph Moses Levy, einst Eigentümer des „Daily Telegraph". Bon den obengenannten Adligen find die Herzogin von Richmond und die -Vicomtes Gage Abkömmlinge von König Eduard I. und berechtigt, das königliche Wappen der Plantagenets in ihrem Schilde zu tragen, ein eigenes Verhängnis, denn es war Eduard I. ihr Ahnherr, welcher die Juden aus England verbannte. Auch die obengenannten Familien von St. Albans und Southampton find allerdings in illegitimer Linie königlicher Abstammung. Nebst diesen beansprucht die Familie De Vismes ihre Abstammung vom souveränen Haus von Ponthien, welches königlich französischen Blutes war, und mit den De Vismes ist ein Zweig der Familie der Goldsmid blutsverwandt. Die Erfahrung seit dem halben Jahrhundert der völligen Emanzipation der Juden in Großbritannien hat gelehrt, daß weder ihr Betragen noch ihre Gewohnheiten sie der vollständigen Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern unwürdig machten, und daß sie an der Wohlfahrt ihres Vaterlandes ein ebenso warmes Interesse wie die anderen Klassen der Nation nehmen. Sie verdanken ihre heutige einflußreiche Stellung und' ihre völlige Gleichstellung mit den übrigen Staatsbürgern ihrem aufrichtigen Patriotismus, sie sind und fühlen sich nicht als Fremde, sondern als echte Briten, und viele unter ihnen sind womöglich noch englischer als die Engländer im allgemeinen. Das englische Volk hat schon längst seine alten Vorurteile gegen die Juden geopfert, und nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch im Geiste der britischen Nation ist die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Großbritannien eine vollständige und unerschütterliche Tatsache für alle Zeiten. Der Hausierer. Eine Geschichte aus der guten alten Zeit. Von Eduard Mohr. IV. ährend der besorgte Familienvater dem Freunde noch andere kleine Aufträge und Grüße an Weib und Kind mitzugeben fortfuhr, trat Cohn hinzu. „Nun, wie sind Deine Geschäfte ausgefallen?" fragte Isaak. „Daß sich-'s Gott erbarme!" erwiderte Cohn schwer aufseufzend. „Ich habe immer das Marktbeziehen für ein großes Elend gehalten, aber so schrecklich, wie es in der Wirklichkeit ist, habe ich es mir nie denken können." „Ja, mein lieber Freund," versetzte Isaak, „schon unsere Alten haben gesagt: des Menschen, Ernährung ist so schwer wie das Spalten der Binsensee. Aber hinter der Binsensee kommt die Wüste, und der Gott, der Israel vierzig Jahre in der Wüste vor Hunger und Not geschützt hat, tut noch heute an uns dieselben Wunder. Laß den Mut nicht sinken; Du hast einen frommen Vater gehabt: sein Verdienst wird Dir beiftehen. Wirf auf Gott Dein Verlangen, und er wird Dich versorgen. Aber ich will Euch nicht aufhalten, geht zu Leben und Frieden." Ein großes allgemeines Strohlager, in der Gaststube zum „Goldenen Lamm" ausgebreitet, und jedem, der einen Silbergroschen für die Nacht zahlen kann, zugänglich, nahm um die zehnte Stunde auch Isaaks ermattete Glieder aus, ohne ihnen jedoch bald die gewünschte Ruhe gewähren zu können, da im Nebenzimmer Trunk und Spiel bis weit über Mitternacht hinaus ihr geräuschvolles Wesen trieben. Gleichwohl fand schon die vierte Morgenstunde Isaak wieder wach und, die Gebetriemen um Kopf und Hand, im östlichen Stubenwinkel seine Morgenandacht verrichtend. Nachdem er durch ein Stück Bauerbrot und zwei Taffen einer aus religiöser Strenge von ihm selbst gekochten, zichorienartigen Flüssigkeit sich gestärkt hatte, entlieh er von einem ihm bekannten Bauer aus der Umgegend einige Groschen, um seine Schuld zu bezahlen und begab sich auf den Hausierermarsch. Der Regen hatte wider Erwarten gegen Morgen ausgehört, aber seine Spuren waren noch in den stark aufgeschwemmten Fußstegen sichtbar. Isaak wanderte querfeldein den mehr südlich gelegenen Dörfern zu und mußte darum eine bedeutende Strecke weit sich durch Wasferpsützen mühsam hindurcharbeiteu, ehe er zu einem nur einigermaßen gangbaren Feldpfade gelangte. Das nächste Dorf, in das er kam, gehörte zu den ärmereren dieser Gegend. Bedürfnis und Verlangen nach Waren fand er fast überall, aber nur bei äußerst Wenigen Geld genug zu barer Bezahlung des Gekauften. Für solche Ortschaften ist ein hausierender Jude stets eine willkommene Erscheinung. Der seßhafte Kaufmann selbst der kleinsten Landstadt entschließt sich schwer, dem ganz armen Bauer Kredit zu geben, und dieser müßte oft die allernotwendigsten Bedürfnisse monatelang entbehren, wenn nicht der Hausierer, gerade auf den Dorfabsatz am meisten angewiesen, die Gefahr des Ausleihens — freilich oft zu seinem großen Schaden — auf sich nehme. Kaum der sechste Teil der Waren, die Isaak jetzt bei den Dorfbewohnern verkaufte, ward ihm sogleich bezahlt: alles übrige mußte auf Wochen und Monate hinaus gestundet werden. Am jenseitigen Ende des Dorfes lag das herrschaftliche Schloß, und hier hoffte er auf einige bare Lösung. Schüchtern entblößte er sein Haupt und fragte in das Parterre-Zimmer hinein, ob er etwas lösen werde. Ein kurzes „Nein" wies ihn ab. Noch einmal wagte er es, die Tür von neuem leise öffnend, einige seiner besten Waren anzubieten. Aber die wiederholte heftige Verneinung und die Weisung, sich sogleich aus dem Hofe zu packen, zwangen ihn, selbst bei der zahlreichen Dienerschaft keine Anfrage zu machen. Er war bereits mehrere hundert Schritte von dem Schlosse entfernt, als ein Dienstmädchen ihm keuchend nacheilte und ihn zurückzukommen aufforderte. Er kehrte um, und kaum war er wieder an das Schloß gelangt, so hieß ihn das Mädchen außerhalb desselben einige Augenblicke warten, während es selbst in den Hof zurückging. Schon war jedoch eine Viertelstunde verflossen, und noch immer erschien niemand. Zu wiederholten Malen sah er zwar Personen an die Fenster kommen und nach ihm blicken, wie wenn sie sich überzeugen wollten, ob er noch da sei, aber immer verschwanden dieselben i) Ps. 55, 23. .