Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-24 · Heft 30 (24.7.1908) · p. Seite 356

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
Seite 356 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228829--64727-3276804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Opposition hatte der Anzahl nach das Uebergewicht 'der Sprecher. Mit einem richtigen Takte und im Geiste echter Toleranz vergönnten es die Liberalen, die des praktischen Erfolges nun sicher waren, ihren Gegnern, noch einmal entschieden ihre Gesinnung auszusprechen und gleichsam zu Protokoll zu geben. War es diesen zu verargen, wenn sie .zum letztenmal, aber „mehr in Kummer als in Aerger", den Fall des zwölshundertjährigen britischen Christentums betrauerten, und ihren Protest gegen einen Schritt einlegten, der nach ihrer redlichen Ueberzeugung Unheil über den Staat bringen müsse? Aber kein Wort gegen die Herabsetzung der Juden ließen sie fallen; ja sie wetteiferten förmlich in Lobreden über ihre geistigen und moralischen Eigenschaften; sie sprachen mit Begeisterung von dem „interessanten Stamme", dem die Welt so Großes verdanke, und vor allem ver- ' weilten sie mit fast heftigem Nachdrucke auf den Tugenden des Mannes, dessen Zulassung das Haus so lange beschäftigt hatte. Sie wollten sich auf iede Weise von dem Vorwurf persönlicher Anti- ..pathien rein erhalten; sie wollten ihren Widerstand auf ihre Ueberzeugungen und Grundsätze allein zurückgeführt sehen. Damit aber auch die freisinnige Meinung einen Ausdruck fände, nahm der greise Fox, der berühmte unitarische Prediger, das Wort und erklärte in wenigen kernigen Sätzen ^sein Entzücken darüber, daß er den glücklichen Augenblick erlebt habe, einen neuen Triumph.der Aufklärung zu sehen, und rief unter lebhaftem Beifall des Hauses aus: es sei unmöglich, gegen die völlige Gleichstellung der Juden vom Standpunkte der Religionsgeschichte etwas einzuwenden, denn die Moral des Neuen Testaments sei aus der Moral des Alten entlehnt. — Die Abstimmung erfolgte. Von Lord John Russell und John A. Smith eingeführt, nahte sich Baron Rothschild dem Tische des Hauses; er sprach die gewöhnliche Eidesformel mit Ausnahme der Schlußworte, küßte die hebräische Bibel mit bedecktem Haupte, und nach der üblichen Reverenz vor dem Sprecher des Hauses, der ihm herzlich die Hand drückte, nahm er seinen Sitz neben Lord John Russell und Roebuck auf der liberalen Seite der Kammer. Und damit er gleich anfangs seine Unabhängigkeit wie seine Gesinnung bewähre, gab er bei der ersten Abstimmung sein Votum gegen den Antrag, der es Parlamentskandidaten gestattet. Wagen für die Wähler zu bezahlen. — Eines Studiums wert war während dieser Szene das bleiche Antlitz Disraelis, das seine Abstammung deutlich genug verrät. Stolz auf die Nasse, der er entsprossen ist, und überzeugt von der großen Zukunft, die ihr noch bevorsteht, durfte er sich des Bewußtseins freuen' zu einem neuen Siege derselben beigetragen zu haben." Uebrigens wurde in den Jahren 1866 bis 1868 ein den Israeliten annehmbarer Parlamentschwur für das Oberhaus sowohl als für das Unterhaus angenommen, und 1885 eröffnete sich das Tor des stolzen Oberhauses selbst den Juden, und es war wieder ein Rothschild, der diesen Sitz unter den Peers des Reiches einnahm. Seit jener vollständigen Emanzipation haben sich die Juden Englands im Staatsleben aufs glänzendste bewährt. Von Benjamin Disraeli, der als Lord Beaconsfield so lange die Staatsgeschäfte leitete und sowohl als Politiker wie als Redner zu den glänzendsten Erscheinungen des englischen Parlaments gehörte, soll hier nicht die Rede sein, weil er schon im Alter von zwölf Jahren aus dem Schoße des Judentums austrat; hier sei nur jener hochbegabter und hochverdienter jüdischer, das heißt ungetaufter Parlamentarier Erwähnung getan, die durch ihre parlamentarische und politische Wirksamkeit soviel zum Ruhme des englischen Verfassungslebens beigetragen haben. Es sind dies unter anderen die folgenden Persönlichkeiten: Montague, Arthur Cohen, Lionel - Cohen, Sir Julian Goldsmid. Auch jüdische Minister gab es, so den Baron von Worms. Bekanntlich wählte die City von London schon vor der völligen Emanzipation jüdische Sheriffe. Der erste jüdische Sheriff war Sir David Salomons; von den übrigen seien hier nur hervorgehoben: Sir Moses Montefiore, Sir Benjamin Samuel Phillips und Sir Robert Carden. Das war I auch bezüglich der Lordmajore der Fall, ^iner' der - letzten, Lordmajore von London war der Mderman Sir Henry Aaron Jsaacs, durch Neffen Mutter von der spanischen Familie Mendoza abstammend. Daß die Weltgeschichte das Weltgericht ist, zeigt sich auch in diesem Falle. Nachdem. 1290 die Juden aus England vertrieben würden, bekleidete sechs Jahrhunderte später ein Israelit das höchste Amt in der Weltstadt London! Auch' Jsaacs wurde früher, das heißt bevor die Parlamentsbill durchging, in das Parlament gewählt und nahm später mit anderen Glaubensbrüdern seinen Sitz darin ein. Jsaac war ein großer Philantrop. Sein Merkchen „Lounäs versus Signs" hat besonders dazu beigetragen, daß die deutsche Methode, die Taubstummen sprechen zu lernen, in England Eingang fand. Auch in Provinzialstädten wurden Juden zu Majoren ernannt: unter anderen in Bradford und Dorkshir Charles Semon, der später sogar Adjunkt des Lord-Leutenants, das heißt Statthalter der großen Grafschaft Jorkshir wurde. In der jüdischen Justiz gab es und gibt es eine große Anzahl jüdischer Advokaten und Anwälte, so zum Beispiel den Sir George Jessel, Vizekanzler der Universität,London, der als Master of the Rolls (Reichsarchivar) ein hochstehendes . Mitglied des Richterkollegiums war. Nicht minder dienten viele namhafte und verdienstvolle Offiziere besonders in der Artillerie und im Geniekorps, im britischen Heere, und ihre Zugehörigkeit zum Judentum hatte ihnen in ihrem Avancement nie geschadet. Bei diesem Anlaß sei schließlich zur Illustration des Schwindens antijüdischer Vorurteile in England und um die Toleranz des englischen Volkes zu kennzeichnen, noch einiges über die Stellung der Juden gegenüber dem 'englischen Adel hier mitgeteilt. Peers waren, beziehungsweise sind: die Rothschilds; Baronets Goldsmid, Jessel, Montefiore, Salomons und Knigths, Barrow Ellis, Phillips, Samuel, Safsoon, Simork Magnus, Vogel. Neben diesen jüdischen englischen Adligen gibt es noch zahlreiche Aristokraten, die von väterlicher oder mütterlicher Seite jüdischer Abstammung sind, wie zum Beispiel die Herschell, die Lopes, die Samuelson, die D'Aguilar, die Wolff. Von Moses Mendes gibt es in der englischen Aristokratie durch Heirat mit Jüdinnen mehrere Abkömmlinge, unter anderen Sir Francis Haed. Der Reverend George Herbert, Bruder des Grafen von Carnarvon, heiratete eine Enkelin von Moses Mendes, der Admiral Keith Stewart, Bruder des Grasen von Galloway, heiratete eine Tochter von Baron D'Aguilar. Eine Verwandte der Mendes' Familie und ihre Urenkelin ward die Gemahlin von Tweeddale, eine andere Frau von der Familie Mendes heiratete einen Vicomte von Galway, und von ihr stammt der Lord Hougthon ab. Mit der jüdischen Ricardo-Familie ist durch Heirat der jetzige Graf von March, Erbe des Herzogtums von Richmond und Gordon, verwandt. Eine andere jüdische Familie, deren Blut sich mit dem mehrerer adliger Geschlechter mischte, ist die der Abudientes oder Gideons, von der ein Familienglied die kurzlebige Eardley-Pairswürde gründete. Der zweite Vicomte Gage hatte eine Schwester von Lord Eardley zur Frau, der elfte Baron Saye und Sele heiratete dessen älteste Tochter, und der frühere Kanzler der königlichen Schatzkammer (Finanzminister) Mr. Childers ist von väterlicher und mütterlicher Seite ein Abkömmling von Sampson Gideon, welcher, nachdem er dem jüdischen Glauben entsagt hatte, nach testamentarischer Verfügung unter seinen jüdischen Stammesgenossen begraben zu sein wünschte. Auch in der Walpole-Familie und im alten kymrischen Hause von Lisburne fließt jüdisches. Blut mit britischem gemischt. Von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.