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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-24 · Heft 30 (24.7.1908) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
Seite 353 (sequence 7)
Language
German
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Koryphäen seiner Zeit und der nachfolgenden Generation geschleudert nmrde, und daß von diesen mittelalterlichen Bannstrahlen der talmudischen Autoritäten Polens, Ungarns und Palästinas sogar die Führer der Orthodoxie betroffen würden, welche es wagten, dem heiligen Jargon, der polnischen Kleidertracht und Bartlänge den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Der Biograph des für die Kulturgeschichte der Juden in Ungarn so hoch bedeutsamen Dr. Israel Hildesheimer wird darüber ein interessantes Kapitel zu schreiben haben. Der Liberalismus gilt zwar auch heute noch als Ketzerei in den Augen der Orthodoxie, aber heute werden die Ketzer nicht mehr verbrannt. Der religiöse Fanatismus wurde zu modernen Umgangsformen erzogen und gezwungen. Anders war es in der Kindheit des Liberalismus. Da war der Fanatismus schrankenlos, rücksichtslos. Toüt comprendre c’est tout pardonner — man kann es begreifen, man kann es verzeihen, daß auch die jüdische Orthodoxie aus Rechtgläubigkeit und äußeren Befürchtungen den Fanatismus gegen Zweifler und Reformer für ihre fromme Pflicht hielt. Auch die Geschichte kennt keinen Sprung. Es will alles seine langsame Entwicklung haben. Aber man wird es ebenso auch vice versa begreifen und verzeihen, daß -der Liberalismus in seinem Kampfe ums Dasein auch seine Macht, wo er sie in Händen hatte, ausnutzte, daß die Reform die Orthodoxie, von der sie schonungslose Vernichtung zu befürchten hatte, auch nicht mit Glacehandschuhen anfaßte, sondern einfach das Recht des Stärkeren ausübte. Ist es ja auch talmudisches Gesetz: dabo lehorgoch haschkem lehorgo (wer dich vernichten will, den darfst du zur eigenen Lebensrettung vernichten.) Die Zeiten haben sich geändert. Die Sitten sind milder geworden. Die Orthodoxie hat ihre numerische und dogmatische Autorität verloren. Die Orthodoxie sieht den Liberalismus zwar auch heute noch als Ketzerei an, aber der Fanatismus hat heute nur noch Federn und keine Dolche mehr; es gibt schon so viele Ketzer und so wenig reine Fanatiker, daß der Liberalismus den Kampf um sein Dasein in aller Gemütsruhe führen kann, daß er es nicht mehr nötig hat, zu seiner Verteidigung einen Vernichtungskampf gegen die Orthodoxie zu führen, ja daß er sogar der Orthodoxie die gleiche Existenzberechtigung innerhalb des Judentums zu gestehen kann, die er für sich in Anspruch nimmt. Das ist der Vorzug des Voluntarismus gegen-den Intellektualismus für das Gebiet der Religion. Der Intellektualismus kennt nur ein schroffes: „Entweder — Oder", der Voluntarismus hat die Norm: „Sowohl — Als auch". Der Intellektualismus legt den Maßstab der objektiven Wahrheit an, und es kann nicht zweimal zwei zugleich vier und fünf sein. Der Voluntarismus legt den Maßstab der subjektiven Wahrheit an, und die Variabilität der subjektiven Wahrheit ist so groß, wie die der Persönlichkeiten. Die „Ringe" sind nicht zu unterscheiden hinsichtlich ihrer Gültigkeit, denn sie gründen sich alle — im modernen Sinne — nicht auf Geschichte, sondern auf Individualismus, und die große Sorge ist nicht so sehr, wie ist Verschiedenheit, sondern wie ist Einheit möglich. — Die Orthodoxie glaubt ihre Einheit in der Tradition zu haben: auch die Einheit der Tradition ist keine objektive, sondern nur subjektive Wahrheit.' Die Einheit der Tradition ist eine Wahrheit der Orthodoxie, also des Glaubens, nicht der geschichtlichen Wissenschaft. Sie hat aber ihre volle religiöse Berechtigung für die Kreise, die in diesem Glauben eine Grundlage ihrer Religion erblicken. Der Liberalismus als Religion müßte seinem Prinzip untreu werden, wollte er einen solchen'Glauben zu erschüttern streben. Aber er will die Kreise, welche diesen Glauben für immer unwiederbringlich verloren haben, welche in anderen Anschauungen eine Grundlage ihrer Religion erblicken oder legen wollen, zu dem Bewußtsein ihrer Gleichberechtigung innerhalb des Juden- Ll^ms'bringen. Der Liberalismus will durchaus nicht niederri ßen; aber er will da, wo das Alte und in seinen Augen Veraltete schon niedergerissen und die Grundlegung schon in anderer Weise aufgeführt oder in Angriff genommen ist, einen Schutzwall aufführen gegen die Angriffe derjenigen, welche für den subjektiven Wahrheitsgehalt der Religion kein Verständnis haben, die mit der Welt des Objektiven das Subjektive erdrücken wollen, denen die Erkenntnis abgeht, daß das, was ihnen als geschichtlich Objektives erscheint, auch nur Subjektivität ist und darum jede fremde Subjektivität, die das Unendliche darzustellen und wirksam zu machen sucht, respektieren muß. Diese Selbstverteidigung des Liberalismus ist bisher von einzelnen als einzelne geführt worden: der Geschlossenheit der Orthodoxie gegenüber hatten diese Einzelkämpfer natürlich eine ungünstige Stellung. Einigkeit macht stark: darum mußte die liberale Vereinigung geschaffen werden. Aber diese Vereinigung gilt nur der Verteidigung, nicht dem Angriff. — Die Parteiorgane der Orthodoxie kommen durch diese Bescheidenheit der liberalen Vereinigung in Verlegenheit. Sie spielen gern die Angegriffenen, um Sturm blasen zu können. Da der Liberalismus aber nicht angreift, so wird seine Defensive als „strategischer Kunstgriff" ausgegeben. Gekämpft muß werden! Wenn nicht gegen wirkliche, dann gegen eingebildete Feinde . . . gegen „Windmühlen". Der Liberalismus hat aber gar keine Zeit zur Offensive, und auch keinen Beruf dazu. Er will nicht siegen. Er will nur sich behaupten. Er kennt keine Feinde, sondern nur Mitarbeiter an den großen Ausgaben des Judentums. Drei lörirke David jfriedländers au den Lrsbilchok von Marschau, frati? Malrzrwski. Von Dr. M. Wischnitz er in Petersburg. ie nachstehenden Briefe habe ich in einem starken Band von Handschriften der hiesigen Kaiserlichen öffentlichen Bibliothek, „Papiery tycz^ce si§ Zydöw w Polsce“ (Papiere betreffend die Juden Polens) betitelt, gefunden. Die Mehrzahl h Franz Malczewski (1754—181.9), 1806 zum Bischof von Kujawien ernannt, 1818 Erzbischof von Warschau und Primas des Königreiches Polen. Auf Grund der Bestimmungen der Konstitution des Königreichs Polen vom 24. Dezember 1815 genossen die Juden zwar volle Glaubensfreiheit, wurden jedoch vom Besitze politischer Rechte ausgeschlossen. An der Abfassung eines „besonderen Reglements" für die jüdische Bevölkerung des Königreichs arbeiteten verschiedene Kommissionen, und einzelne Staatsmänner, unter anderen der russische Kommissar des Königreichs Polen Geheimrat Rowosilzow, in den Jahren 1815—1817. Der nachmalige Erzbischof von Warschau, Malczewski, damals noch Bischof von Kujawien, wurde angegangen, David Friedländer zur Abfassung eines Gutachtens über eine zweckmäßige Reform der jüdischen Bevölkerung zu bewegen. Malczewskis Brief ist im französischen Original und in einer deutschen Uebersetzung in der Broschüre Friedländers „lieber die Verbesserung der Israeliten im Königreich Polen. Ein von der Regierung daselbst abgefordertes Gutachten" Berlin, 1819 abgedruckt worden. Die Antwort Friedländers und die Motive, die ihn zur Abfassung des Gutachtens veranlaßten, erfährt man aus den nachstehenden Briefen. Er schickte tatsächlich das Gutachten Malczewski zu, wir wissen aber nicht genau, ob und wie es die Ansichten der damaligen Negierung über die Emanzipation der jüdischen Bevölkerung beeinflußt hat. Die Arbeiten der vep- I schiedenen Kommissionen hatten praktisch keinen Wert. An eine

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