Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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minister, Herrn P. A. von Stolhpin, im Elaginschen Palais empfangen. Im Laufe einer längeren Unterhaltung, die während dieses Empfanges stattfand, wurden die wesentlichen Punkte der zionistischen Bewegung, ihre allgemeinen Ziele, die Tätigkeit ihrer Institutionen, und die zionistische Arbeit innerhalb Rußlands eingehend! erörtert. Zum Schluß gab der russische Premierminister seiner vollsten Sympathie für das zionistische Ideal Ausdruck und erklärte, die russische Regierung beabsichtige nicht, den Zionisten Rußlands Hindernisse in den Weg zu legen, sofern ihre Arbeit der Verwirklichung ihres programmatischen Bestrebens gewidmet ist. eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen. An demselben Tage hatte Herr David Wolffsohn eine längere Konferenz mit dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Herrn A. P. Iswolsky. Ob diese Wendung der in Rußland sehr stark zurückgegangenen Bewegung wieder auf die Beine Helsen wird, mag allerdings dahin gestellt bleiben. Aber daß Rußland den Juden, die es los werden will, keine Hindernisse in den Weg legen will, um sich eine rechtlich gesicherte neue Heimat zu gründen, ist wirklich eine Ironie der Weltgeschichte. Ueber die letzten russischen Dumasitzungen erhalten wir von unserem Korrespondenten aus Petersburg folgende Mitteilungen: Vor uns liegt der Bericht der 85. Sitzung der Reichsduma, und können wir es uns nicht versagen, aus der trefflichen, packenden Rede des berühmten Deputierten Roditschew einige Auszüge, betreffend die Juden, an dieser Stelle in extenso zu bringen. Er sagte: „Alle Nationalitäten müssen das Recht auf ihre Sprache besitzen; dieselben müssen vollberechtigte Bürger sein. Wir erscheinen als Gegner der menschlichen Kultur und der menschlichen Bildung, wenn wir ihr Recht auf eine selbständige Erscheinung ihrer Nationalität ableugnen." Der Redner wendet sich hierauf der jüdischen Frage zu und fährt fort: „Ich kann nicht umhin, auf die schreckliche Ungerechtigkeit bezüglich der Juden hinzuweisen. (Stimmen von der rechten Seite: „Aha! Aha!") Warum lassen wir die Juden nicht in die Schulen eintreten? Die Polen schleppen wir bei den Haaren dorthin und die Juden weisen wir zurück. Eine Schule, die nicht auf Gerechtigkeit basiert ist, und deren Ziel es vor allem ist, dem Jüngling den Paß abzufordern, ehe man demselben die Blüte des Wissens gibt, eineffolche Schule wird nicht die nationale Würde erhöhen, wird nicht zur Verbreitung der russischen Kultur führen — sie wird diese Kultur eher töten. (Links: „Bravo!"). Man sagt uns, daß man deshalb die Juden nicht in die Schulen lasse, weil eine Norm dafür besteht. Erstens, wer hat diese verordnet? Und zweitens, wir sprechen nicht vor einem Gericht, nicht in einem Administrationslokal, sondern an einem gesetzgeberischen Orte, und sprechen davon, was das Gesetz tun soll. Man darf keine Gesetze für einzelne Gruppen geben. Ein Recht für alle. Wenn Sie das russische Reich durch Quer- und lange Bretterwände abzäunen, und sagen werden, daß man so und so viele Juden hineinlassen darf, weil dieselben ein gewisses Prozent der Bevölkerung ausmachen, so werde ich darauf antworten: Gut, so wenden Sie diese Proportion auch auf die Adligen an (Stimmen rechts: „Er beleidigt die Adligen!"). Was werden Sie, meine Herren, tun, wenn jemals die Macht dieses Maß auch auf die Edelleute anwenden wird? Ich sage, daß es ungerecht in bezug auf die Juden ist. (Eine Stimme rechts: „Sie beleidigen die Edelleute." Eine Stimme links: „Sie beleidigen den gesunden Verstand.") Auch der jüdische Abgeordnete Nisselowitsch hielt in der 84. Sitzung der Reichsduma darüber folgende Rede: „Die Frage über das Verhältnis der Regierung zur Bildung der Juden ist im wesentlichen vollkommen unklar. Viele von den Deputierten der Reichsduma sind weder mit jener Verordnung, welche im Jahre 1887 erfolgte, noch mit dem. was später kam, bekannt. Ich werde mich bestreben, diese Frage von allen Seiten zu beleuchten. Schönim Jahre 1804 bestrebte sich die Regierung mit allen Kräften, die jüdische Jugend in die allgemeinen Lehranstalten' heranzuziehen. Unglücklicherweise waren damals die Bedingungen des jüdischen Lebens derart,-daß die Juden ihre Kinder in diese An- - stalten nicht schicken wollten. -Derselbe traurige Erfolg war die Heranziehung derselben unter der Regierung des Kaisers Nikolaus I. Die Juden verstanden damals nicht die Wohltat, die man ihnen bot. Und erst unter der Regierung Alexanders II. hatten diese Bestrebungen günstigen Erfolg, und die Regierung dieses Monarchen hinderte diesen Strom nicht. Aber einen ganz anderen Weg betrat die Negierung Alexanders III., und zwar seit dem Jahre 1887. In dieser Zeit wurden Maßregeln zur Entfernung der. Juden ergriffen. Unter dem Grafen Deljanow wurde eine Norm für die Aufnahme der Juden eingeführt. Diese Maßregel hatte einen demoralisierenden Einfluß bei der Ausnahme der Juden in höhere Lehranstalten. Außerdem wurde ganz einfach eine Taxe dafür ins Leben gerufen. Besonders traurig ist es, daß in einer ganzen Reihe von Lehranstalten die Juden gar nicht ausgenommen wurden. Hier in Petersburg fanden sie weder im Institut der Wegekommunikation, noch im elektro-technischen sowie der militär-juristischen Akademie Aufnahme. Man sagt, daß gegen die Aufnahme der Juden ein rein politisches Argument angeführt werde, nämlich, daß dieselben eine politische Mißwirtschaft hineinbringen. Ich verhehle nicht, daß ein Teil der jüdischen Bevölkerung mit der Freiheitsbewegung sympathisierte, aber die Ursache war die, daß den Juden der Zutritt zu den Lehranstalten verschlossen blieb, sie deshalb halbintelligent , blieben und sich der Revolution anschlossen. Die Juden waren nie die Anführer in den Universitäten; an der Bewegung nahm die russische Jugend Anteil, bei der alles Gute einen Widerhall findet! Unter der Regierung Alexanders III. hat der berühmte russische Kriminalist Nekljudon. geschrieben, „daß die einfache politische Umsicht die Befriedigung der gesetzlichen Erwartungen der jüdischen Bevölkerung fordert". Ich trage keine bestimmt formulierten Wünsche vor, aber ich will das Gewissen derjenigen wecken, bei denen dasselbe noch nicht gänzlich eingeschlafen ist." (Links: Händeklatschen. Ein Ausruf rechts: „Unverschämter!") Dir Vereinigung kür das libersle Iuvrntmn und Me Orthodoxie. Von Dr. I. Goldschmidt-Offenbach a. M. ie Orthodoxie betrachtet den Liberalismus als ihren Gegner, behandelt ihn als Feind. Sie hat vielleicht historische Berechtigung dazu. In seinen Flegeljahren hat der Liberalismus da, wo er das Regime in Händen hatte, die Orthodoxie nicht mit der Rücksicht, oder auch nur Schonung behandelt, die gleichberechtigte Richtungen einander schuldig zu sein sich bewußt sind. Die Kindheit des Liberalismus im Judentum fällt in die Zeit des Rationalismus, und dieser hatte keinen Sinn und nicht den richtigen Maßstab für die irrationalen Imponderabilien im Leben der Menschheit. Der Intellektualismus beherrschte die Psychologie;, der Voluntarismus mit der hohen Einschätzung des Unbewußten, des Vorbewußten, des Unterbewußten gehörte noch dem Reiche des Unbewußten an. Was vor dem Forum des klaren, nüchternen Denkens sich nicht behaupten konnte, mußte als minderwertig, angesehen werden, und so ist der Vernichtungskampf begreiflich, den der Liberalismus im zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts gegen die Orthodoxie geführt hat. Diese Stellung des Liberalismus in seinen ersten Stadien zur Orthodoxie ist noch begreiflicher, wenn man bedenkt, daß die Orthodoxie die historische Macht in Händen hatte und mit allen Waffen des Fanatismus jede freisinnige, Regung bekämpfte. Es war ein Kamps ums Dasein, den der Liberalismus zu führen gezwungen war. Man weiß, daß gegen Mendelssohn der.Bannstrahl der talmudischen