Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 350 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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fr dieser Hohn befremden, dahin gehört die-hehre, erhebende Kunst, nicht aber der verletzende Stachel gegen das, was dem Juden das Heiligste ist: die Familie. ... Um kurz zu sein: Was sieht man aus dieser Zeichnung? Eine Orgie'in Judennasen! Weiter nichts. Der bereits verstorbene Herr des Hauses prangt mit einer fürchterlichen Nase, in effigie, an der Wand der Wohnstube. Die Mutter, ebenfalls mit einem, übrigens nt* den meisten alten deutschen Adelsfamilien nicht minder kräftig ausgebildeten Niechorgan ausgestattet, hört ihrem Sohne zu, der ebenfalls über eine gehörnte „römische Nase" verfügt. Und dieses Monstrum von Geist und ästhetischer Grazie, betitelt „Der Sohn des Hauses", ziert den offiziellen illustrierten Katalog der Kunstausstellung. Bisher war dergleichen bei der Leitung der akademischen Ausstellung nicht der Brauch, und es scheint uns hierbei, wie bei der Wiedergabe der ebenfalls jüdelnden Bronze des anderen Künstlers „Non possumus“ eine Art Sezession seitens der Kunstleitung, aber nicht in montem sacrum,. sondern wider den heiligen Geist der Kunst vorzuliegen. Man fasse sich doch an die eigene Nase! Unser Familienleben hat den Geist öffentlicher Kritik nicht zu fürchten, aber eine schamlose Herabwürdigung der bekannten jüdischen Pietät zwischen Eltern und Kindern gehört nich^n ein de^ idealen Kunst dienendes Handbuch. Die zur Verachtung unserer Gemeinschaft aufstachelnde Juden-Karikatur ist so alt wie der Judenhaß selbst. Und das ist alt genug. Schon in der mittelalterlich-christlichen Zeit brachte man neben fratzenhaften Tierungetümen, die auf Architekturstücken als Karikaturen auf den Satan berechnet waren, gern Juden an den Außenteilen der Kirchen als Karikaturen an, indem man sie mit ebenfalls in Stein ausgehauenen Schweinen in lächerlicher Verbindung zusammenstellte. So sieht man noch heute an der berühmten Lutherkirche in Wittenberg ein steinernes -Reliefbild, aus dem Juden an den Zitzen einer Sau zu saugen versuchen. Aehnliche Bilder gibt es in anderen Kirchen. Wahrlich, in dieser feierlichen Verhöhnung der religiösen Gefühle der ohnehin schon genug hinabgedrückten, fast rechtlosen mittelalterlichen Juden hat sich die so oft pomphaft betonte „christliche Liebe", auf die sich ja sogar einer der kürzlich zum erstenmal in den preußischen Landtag eingezogenen sozialistischen Abgeordneten (übrigens unter dröhnendem Gelächter der Rechten) berief, ein gar herrliches Denkmal für alle Zeiten gesetzt. Heute sind wir aber nicht mehr rechtlos und protestieren daher gegen jede Verunglimpfung. Denn auch heute noch wird der Religions- und Klassenhaß in den Witzblättern, und zumeist gerade in den sich als unpolitisch bezeichnenden, durch die Judenkarikatur nicht unwesentlich geschürt. Die Wirkung ist eben schon heute gar nicht unpolitisch, sondern zeigt sich gerade in sozialpolitischer Beziehung. In einer Zeit, in der es allenthalben in den Volksmassen gärt, die alles möglichst bald zu nivellieren suchen, macht der einfache Leser gar keinen Unterschied in seiner Auffassung, ob ein jüdischer Baron von Goldstein oder ein Baron von Jtzenplitz mit dem Stolz auf den Adel als Titel usw. lächerlich gemacht wird. Gerade wir Juden lachen mit Recht am meisten, wenn der ungebildete Protz, der Am haarez, den unsere Ahnen stets verachtet haben, zur komischen Figur gestempelt.wird, und so kommt es, daß gerade ein Teil dieser jüdischen Karikaturen aus den Federn jüdischer Schriftsteller stammt. Es ist aber doch ein Unterschied, ob ein armer jüdischer Student, der Geist und Befähigung (die Sache ist gar nicht so leicht) dazu besitzt, alte jüdische Witze für unsere gut zählenden Witzblätter „modernisiert" oder ob der Jude m i t d e r kr u m m e n N a s e" (andere Juden gibt es für. diese Blätter gar nicht) als ständiger Sündenbock für allen sozialen Uebermut und für die krassen. Gegensätze unserer Zeit, welche durch Luxus den Klassenhaß schürt, herhalten muß. Das gebrannte Kind scheut das Feuer. In allen'kritischen Zeiten, so auch vor 60 Jahren, im Sturmjahr 1848, haben wir die furchtbare Wirkung namentlich der politischen Karikatur kennen gelernt. Auch damals verschonte man neben den politischen Machthabern in erster Linie die Juden nicht. So muß ebenfalls heute im- „Wahren Jakob" und anderen sozialistischen Witzblättern der Jude arg als Zielscheibe herhalten, und selbst in diesen der Religion doch eigentlich abgewandten Kreisen hat man sich mehr als einmal schon salbungsvoll auf die „christliche Liebe" berufen. In der Judenkarikatur steckt aber wenig Liebe, hier triumphiert zumeist der Haß. Die Satire als solche, die verrottete Zustände verspottet, die Laster und Torheiten der Zeit geißelt, ist sicher eine wohlberechtigte literarische Geltung, und sie hat im öffentlichen Leben schon oft Gutes geleistet. Sie muß nur die Klippe der Karikatur vermeiden, in die sie gar zu leicht übergeht. Und es darf ihr niemals das sittliche Pathos fehlen,, wenn dieses auch nicht offen zur Schau getragen werden und sich selbständig in den Vordergrund drängen darf. Bleibt sie in ihrem Element, so kann sie Großes leisten; wird sie zur Karikatur, so erregt sie bei allen Bessern Ekel und Widerwillen. Die Art, wie in neuerer Zeit die Juden von Satirikern und Humoristen behandelt werden, bietet geradezu den Maßstab für den Wert ihrer eigenen Schöpfungen. Und ein objektives Urteil wird bekennen müssen, daß wir wohl sehr viele Satiriker, aber keine eigentliche Satire mehr in der modernen Literatur haben. Dir Woche. Berlin, 21. Juli. er Schrecken über die angebliche Order betreffend die Offiziere und die Konfession derselben ist den Antisemiten arg in die Beine gefahren, obwohl bisher weder offiziell noch offiziös der Erlaß einer solchen Order und deren Ausdehnung auch auf die Juden bestätigt war. Nicht alle haben zwar den Mannesmut vor Königsthronen, den die Deutsch-Sozialen bei diesem Anlaß gezeigt haben; die Vorsichtigeren begnügen sich damit zu konstatieren, daß „zum Wesen des preußischen Offizierkorps gehört die freie Wahl der Kameraden. Und wir glauben nicht, daß unsere Offizierkorps sich darum reißen werden, die ersten zu sein, um den Stammesgenossen von Ullmo, Dreyfus und' Picquart die Kameradenhand zu geben." Picquart ist bekanntlich gegenwärtig der Kriegsminister von Frankreich. Und an nichtjüdischen Pendants zu Ullmo fehlt es wohl auch in den europäischen Heeren leider durchaus nicht. , Nun aber erklärt die „Tägliche Rundschau", die ganze Meldung sei unzutreffend. Sie schreibt: Es ist lediglich eine Verfügung des Kriegsministeriums ergangen, die ältere, bereits bekannte Bestimmungen über diese Angelegenheit von neuem ins Gedächtnis zurückruft. In der Order wird darauf aufmerksam gemacht, daß sowohl bei der Zulassung der Einjahrig- Freiwilligen zur Vorbereitung zur Reserveoffizieraspiranten-Aus» bildung, als auch bei der darauffolgenden Prüfung vor Beendigung der einjährigen Dienstzeit, bei den dann abzuleistenden Uebuugen A und B mit Prüfungen sowie bei der Wahl zum Reserveoffizier weder