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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-24 · Heft 30 (24.7.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig phtlixxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. «edakteur: Gustav Rarxeles. .Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Die Iuden-LsriKstur. Berlin, 21. Juli. ürzlich war an dieser Stelle betont worden, daß sich in bezug auf die Einwirkung der Juden auf die öffentliche Meinung in Deutschland langsam, aber allmählich seit Jahrzehliten schon ein erheblicher Niedergang vollziehe. Der Antisemitismus hat bei seinem ersten kurzen Emporstieg namentlich unaufhörlich versichert, erst mit dem Ausschalten der Juden werde auch für die Machtstellung des Deutschen Reiches das goldeue Zeitalter Heranbrechen, da die Juden „alles zersetzten" nsw. Dies wurde im Ernst versichert und durch die Satire bekräftigt. Nun hat die Satire im Politischen Leben jedes jugendlich und kraftvoll aufstrebenden Volkes ihr unangefochtenes gutes Recht. Man vergleiche aber einmal, was seit Ernst Dohm, David Kalisch, Rudolf Löwenstein, Julius. Stettenheim in den sechziger und siebziger Jahren ihre hervorragenden politischen Satiren schrieben, aus den sogenannten „Witzblättern", ebenso wie aus der einst klassischen „Berliner Posse" geworden ist; jene Satiren hatten durch ihren Stachel, ihre scharfen, geistvollen Spitzen und ihren ehrlichen Freimut in jenen entscheidungsreichen Jahren einen starken Einfluß auf das öffentliche Leben, die von ihnen geschaffenen Typen und Figuren leben noch heute, obwohl die Zeitschriften zum Teil der Zeitverhälrnisse wegen längst eingegangen sind. Was aber wird heute auf diesem Gebiete produziert? Mit Ausnahme des „Kladderadatsch" und des „Ulk", der sich aus der „guten, alten Zeit" in voller Frische hinübergerettet hat und der einen gesunden Humor und eine scharfe politische Satire mit Erfolg kultiviert, ist der heutige Bestand der politischen und gesellschaftlichen Karikatur derart, daß man zum Beispiel die jüngste Fürst Eulenburg-Moltke-Nummer des Verbreitesten modernen Witzblattes sorgfältig vor den Kindern im Hause verstecken mußte. Bloße Spekulation auf die Lüsternheit und die Sucht nach Pikantem und immer mehr Gepfeffertem, das ist die Signatur der von Herrn v. Treitschke, dessen Denkmal man demnächst in Berlin enthüllen wird, und seinen Trabanten, ja einst so sehnlichst herbeigewünschten Aera der sozialen Niederduckung der Juden. Da aller andere echte Witz aus dem Arsenal der berechtigten modernen Satire verschwunden zu sein scheint, so greift man mit Vorliebe zur albernsten Judenkarikatur. Der Spott über den Juden als den dereinstigen Prügelknaben des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, ist auch heute noch oft das A und O des modernen Witzes bei uns; denn wenn man die sittliche Vornehmheit eines Volkes nach der Art seiner Karikatur beurteilen kann, so wird man vergeblich etwa im englischen „Punch", im italienischen „Pasquino" oder „L'Asino" (der Esel), in amerikanischen, französischen oder irgend welchen anderen Witzblättern nach solchen öden Judenkarikaturen suchen, die hierzulande eine ständige Rubrik bilden. Doch wir sind die Letzten, die, mm mit den Worten des unvergeßlichen Moritz Lazarus zu reden, „den Juden die Freude am Vaterlande verderben oder stören" wollen, denn uns leiht gerade der heilige Eifer für die Sache des in der Geschichte mit Recht sittlich so hoch stehenden deutschen Geistes die Feder, auf daß dieser Geist wieder in der Welt als Führer der Gesittung vorangehe und nicht in Verflachung oder Verrohung versinke. Man hat den modernen Juden mitunter, als die Keulenschläge des Antisemitismus aus uns herniedersausten, übermäßige Empfindlichkeit vorgeworfen. Damals hätte man eine dreifach gegerbte Haut haben müssen, um alle diese Angriffe auf das jüdische Empfinden, auf unsere heiligsten Güter ruhig hinnehmen zu sollen. Wir sind gar nicht empfindlich; ganz im Gegenteil, wir freuen uns. wenn unternehmende Verleger eine Sammlung „jüdischer Witze" nach der anderen herausgeben und damit auch materiellen Erfolg haben. Aber, wenn zwei dasselbe tun, ist es noch nicht dasselbe. Gegen das immer stärkere Ueberhandnehmen der sogenannten Juden-Karikatur müssen wir aber schon im Interesse unserer Jugend, deren Selbstachtung man systematisch zu untergraben sucht, einmal ein Veto einlegen. Um so mehr wenigstens bei einem Anlaß, bei dem ein solches Veto auch bei dem gewiß berechtigten höchsten Stande freier Meinungsäußerung angebracht ist. Denn eine verletzende, die Familienliebe und Familienehre des Judentums antastende Karikatur mag überall hingehören, wo man sie für nützlich und nötig hält, in den „Offiziellen Katalog der Großen Berliner Kunstausstellung", wie sie alljährlich .von der Berliner Akademie der Künste im Landesausstellungspark veranstaltet wird, gehört sie entschieden nicht. Dieser Katalog, in dessen Anhang auch viele jüdische Firmen mit Inseraten vertreten sind, wird dort im Bureau verkauft, damit man einen Führer bei dieser Revue der idealen künstlerischen Produktion Norddeutschlands zur Hand habe, und die Wiedergabe der ausgestellten Kunstwerke im Anhang bedeutet eine Auszeichnung für den betreffenden Künstler und sein Werk. Daß Franz Jüttners Karikaturzeichnung „Der Sohn des "Hauses", welche der „Verband . deutscher Illustratoren" hier unter Hunderten anderer Blätter vorführt, auf der Kunstausstellung im Landesausstellungspark zu sehen ist, berührt uns nicht im geringsten, aber im „Illustrierten Katalog" muß.

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