Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228828--64712-3276788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
';*?£?*?' >*' ff*. Frauenverein" sein 60jähriges Stiftungsfest in eindrucksvoller Weise. Eröffnet wurde die Feier durch eine kurze, aber Stimmung weckende religiöse Ansprache des Rabbiners Dr. Vogelstein, welcher die allgemeinen Tendenzen des Vereins berührte und Gottes fernere Huld auf ihn herabflehte. Ein eingehenderes Bild von dem Verein, von seiner Gründung und seinem Wachstum — er zählt zurzeit an 600 Mitglieder — von seinen bisherigen Leistungen auf sozial-humanitärem Gebiet und seinen erweiterten Aufgaben entwarf sodann in einer meisterlichen Rede die verdiente-Vorsitzende, Frau Dr. Vogelstein. Man erfuhr aus ihren Darlegungen den segensreichen Einfluß, den der Verein auf die sozialen Verhältnisse in unserer Gemeinde, insbesondere auf die im. Erwerbsleben stehenden jungen Damen ausübt, welch letzteren er durch Fortbildungskurse und gemütvolle Veranstaltungen geistige und gesellige Förderung und seit nunmehr drei Sommern durch Begründung von Ferienheimen an der Ostsee — dieses Jahr in Swinemünde — gegen geringes Entgeld auch Gelegenheit zur körperlichen Erfrischung und Kräftigung bietet. Neben den Arbeiten in der Gegenwart, so führte die Rednerin weiter aus, dürfe man aber auch die Aufgaben, welche die Zukunft, zum Teil in veränderter Form, stelle, nicht außer acht lassen, und allem Streben wie aller Liebestätigkeit müsse Begeisterung für das Judentum sowie für das wahre Menschentum zugrunde liegen und die Mitarbeiter beseligend erfüllen. — Diese begeisternden Worte, die ihren Eindruck auf die Hörer nicht verfehlten, ließen jeden erkennen, daß hier die rechte Persönlichkeit an der Spitze stehe, und so ist die fast mustergültige Entwicklung des hiesigen israelitischen Frauenvereins hauptsächlich das Verdienst der Frau Dr. Vogelstein. An Sympathiekundgebungen und Glückwünschen hat es daher an diesem Tage dem Verein und seinen Leitern nicht gefehlt. Namens der übrigen Vorstandsmitglieder anerkannte Frau Oberkantor Sarasohn die Verdienste der Vorsitzenden sowie des ältesten Mitgliedes, Frau J.M eh er. Die Glückwünsche des Gemeindevorstandesbrachte Dr. Ehrenberg in warmherziger Weise zum Ausdruck. Die Vereine hatten ferner Deputierte entsandt und ihre Festgrüße entboten, und auch aus der Ferne waren viele briefliche und telegraphische Glückwünsche, unter anderem vom Frankfurter Verein, eingelaufen. Diesem, offiziellen Teil reihte sich der gesellige mit einer Festtafel an, welcher, durch Dichtungen und Toaste verschönt, der Feier einen harmonischen Abschluß gab und erhebende Eindrücke hinterlietz. —' Ein persönliches Jubiläum hätte jüngst Herr Dr. Vogelstein begehen können. Am 14. Mai blickte er auf eine' vierzigjährige Amtstätigkeit als Rabbiner zurück. Obwohl er diesen Tag still bei gewohnter emsiger Pflichterfüllung dahingehen lassen wollte, nahmen der hiesige Gemeindevorstand sowie viele Private l doch gern Veranlassung, ihm in aufmerksamer Weise zu gratulieren. Auch die Gemeinde Pilsen hat ihrem früheren Seelsorger ein herzliches Glückwunschschreiben übersandt. — Schließlich sei noch erwähnt, daß das Vorpommersche Bezirksrabbinat, das früher Dr. Finkel von Pasewalk aus verwaltet hatte, nunmehr, nach einem Beschluß des Provinzialverbandes, durch Rabbiner Dr. Worms von Stettin aus weiter geführt wird. Mit seinen Bezirksreisen hat er bereits begonnen und vorläufig in Pasewalk und Swinemünde Predigt und Schulinspektion abgehalten. So ist zu hoffen, daß der Anschluß der kleineren Gemeinden an die Hauptgemeinde unserer Provinz ersteren zur Förderung und zum Segen gereichen wird. ---Dortmund, 6. Juli. Der Verband der Synagogengemeinden Westfalens teilt uns mit, daß er am 4. d. M. auf dem Gemeindetag in Gelsenkirchen telegraphisch die Nachricht erhalten, daß die Königliche Regierung in Marburg das rituelle Schlachten verboten habe und daß dieses Verbot vielleicht auf den ganzen Regierungsbezirk ausgedehnt werde. Einzelheiten fehlen noch, aber der Verband hat trotzdem sofort bei der Königlichen Regierung* Schritte in der Sache getan. M. Hamburg, 6. Juli. In der Generalversammlung des Israelitischen Unterstützungsvereins für Obdachlose, die unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalts Alexander stattfanch__tzrrrde der Jahresbericht für 1907 erstattet. "Dieser segensreich wirkende Verein, dessen Aufgabe bekanntlich darin besteht, den armen jüdischen Auswanderern Unterkunft, Verpflegung, Kleidung und Neiseunterstützung zu gewähren, hat auch im verflossenen Jahre eine selbstlose, aufopfernde Tätigkeit entfaltet. In den Jahren 1904—1906 war bekanntlich die Auswanderung über Hamburg bedeutend gestiegM; im Berichtsjahre hingegen beruhigten sich die politischen Zustände in Rußland so weit, daß keine Pogrome mehr stattfanden, und dieser Umstand zusammen mit dem Abflauen der amerikanischen Konjunktur bewirkte natürlich sofort eine merkliche Abnahme der Auswanderung. Es waren gut ein Drittel weniger jüdische Passagiere in der Auswandererhalle der Hamburg-Amerika-Linie als 1906. Seit Ende 1907, seit Beginn der Krisis ist die Auswanderung kleiner als seit vielen Jahren. Die wirtschaftliche Lage der Juden in Rußland ist jedoch derartig schlecht, daß voraussichtlich die russische Auswanderung sofort sehr stark werden wird, sobald die amerikanischen Geschäftsverhältnisse sich bessern. Die Beherbergung der Durchreisenden konnte immer noch nicht in der gewünschten Weise, nämlich durch Ankauf oder Bau eines eigenen Heims geregelt werden. Die zu diesem Zwecke gespendeten Summen reichen noch nicht aus. Die rituelle Speisung der Leute in der Auswandererhalle, in der Stadt und auf den Dampfern nach New Jork und auch nach Buenos-Aires geschah in unveränderter bewährter Weise. In der Abteilung für Bekleidung war Vorkehrung getroffen, daß stets Bekleidungsgegenstände vorrätig waren, so daß die bedürftigen Auswanderer schneller und ausgiebiger als früher versorgt werden konnten. Die Fürsorge für die Kranken geschah en gleicher Weise wie früher. Wohl infolge der ruhigeren Verhältnisse in Rußland flössen die Einnahmen bedauerlicherweise wesentlich geringer als früher. Die Folge davon ist eine Ueberschreitung der Einnahmen durch die Ausgaben, und hat der Verein ein Defizit zu verzeichnen. Aus der Statistik ist ersichtlich, daß im Laufe des Jahres in den Auswandererhallen an 29 007 Personen 118 759 Portionen Mittagessen aus der rituellen Küche verteilt wurden; an 1948 Personen wurden Anweisungen für Nachtquartier in der Stadt gegeben; an 1331 Durchreisende, die nach dem Inland gingen, wurde Reiseunterstütznng gezahlt, 4314 Personen wurden mit Kleidung versehen und für Erkrankte die Kurkosten für 526 Verpflegungstage an das Krankenhaus entrichtet. Der Verein wird im Jahre 1909 sein 25 jähriges Jubiläum begehen, er hofft, daß ihm bis dahin reichlich Beiträge zufließen, um ein würdiges Heim zur Unterbringung der jüdischen Durchreisenden in der Stadt zu errichten. --- Homburg v. d. H«, im Juli. Der Israelitische Holz- Verein, gegründet 1818, und Verein zur Ausstattung israelitischer Mädchen, beziehungsweise Ausbildung für einen Lebensberuf, Begründung eines Geschäfts oder einer Häuslichkeit, gegründet 1886 von Louis Lehnlann s. A., durfte in diesem Jahre ein Jubiläum feiern. Es sind gerade 90 Jahre seit seiner Begründung her. Aber was hat er in dieser Zeit Gutes geleistet! Auch im abgelaufenen Berichtsjahre. Im Vorstand des Holzvereins hat ein zweimaliger Personenwechsel stattgefunden. An Stelle des langjährigen zweiten Vorstehers, Herrn Karl Kaufmann, der zum lebhaften Bedauern seiner vielen Freunde nach Berlin übersiedelte, ist Herr Karl Neugaß. für den aus Altersrücksichten als Deputierter ausgeschiedenen Herrn Mor. Rothschild Herr Dr. med. A. Rosenthal gewählt worden. Im Mädchen-Ausstattungsverein sind jetzt im Gegensatz zu früher mehr Reflektantinnen vorhanden, als Mittel zu deren Befriedigung. Bewilligt und zum Teil bereits ausgezahlt wurden im Jahre 1907 an drei Bräute insgesamt 3500 Mark Mitgift. n. Worms, 5. Juli. In diesem Sommer sind es 25 Jahre, daß der Hassiabezirk Worms gegründet wurde. Er umfaßt sämtliche militärische Vereine des Amtsgerichtsbezirks Worms, soweit sich diese dem Landesverband angeschlossen haben und dadurch alle die Vorteile genießen, die eine derartige große Korporation (über 60 000 Mitglieder) bieten kann. Das mächtige Aufblühen der Vereine ist mit in erster Linie der aufopfernden, unermüdlichen Tätigkeit des ersten Vezirksvorsitzenden Hauptmanns d. L. a. D. Jos. Gernsheim in Worms zu verdanken, der es während der 25 Jahre verstanden hat, durch die Pflege treuer Kameradschaft Uneinigkeit aus dem Bezirke fern zu halten und dadurch die Vereine groß und. stark zu machen. Kein Wunder, daß die Kameraden des ganzen Bezirks in warmer Anerkennung dieser Tatsachen das Bedürfnis fühlten, ihrem, ersten Vorsitzenden bei seinem 25 jährigen Jubiläum ihren Dank darzubringen. Sie hatten daher einmütig beschlossen, am Abend des 4. Juli dem Jubilar eine Ovation darzubringen und ihm bei dieser Gelegenheit eine künstlerisch ausgestattete Gedenktafel zu