Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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■VL. Jahrgang. Nr. 29 'f Berlin, 17. Juli 1908. Weilsse zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums. lkorrelpondkn?en und Kgchrichten. Deutschland. s. Berlin, 12. Juli. Der Kultusminister hat bestimmt, daß, da in § 44 des Schulunterhaltungsgesetzes die Personenkreise genau umgrenzt, sind, aus denen die Mitglieder der Schuldeputationen zu ernennen oder zu wählen sind, es nicht zulässig ist, daß durch Ortsregulative bestimmt wird, wie viele der Mitglieder den einzelnen Konfessionen bezw. Religionsgemeinschaften anzugehören haben. Zur Vertretung der evangelischen Landeskirche und der katholischen Kirche sowie der Judenschaft sind die nach der genannten Bestimmung in die Schuldeputation eintretenden Geistlichen und Rabbiner berufen. . s. Berlin, 12. Juli. Die in der Elsasserstraße 85 neben dem Königlichen Taubstummen-Institut befindliche bisherige Privatkrankenanstalt des Geheimen Medizinalrats Professor Dr. A. Martin, welche bereits vor einigen Monaten mit dem Grundstück in den Besitz der Israelitischen Synagogengemeinde Adaß Jisroel übergegangen ist, soll nunmehr zu einem größeren Krankenheim ausgebaut werden. Zu diesem Zweck ist auch das angrenzende alte Haus Linienstraße 86 niedergelegt worden. In diese neuen Räume, deren Eröffnung für Oktober in Aussicht genommen ist, soll das jetzige, in der Königgrätzerstraße belegene Krankenheim der Adaß Jisroelgemeinde verlegt werden. £2 Berlin, 13. Juli. Auf ein 75jähriges Bestehen blickt in diesem Jahre die Knaben-Anstalt der Baruch Auerbachschen Waisen-Erziehungsanstalten in Berlin zurück, die in diesem Zeitraum viel Gutes gewirkt und bei allen ihren Zöglingen ein dankbares Andenken hinterlassen hat. Die Anstalt wurde 1833 mit vier Knaben in der Rosenstraße 12 in zwei Hinterstübchen des damaligen Schulgebäudes der jüdischen Gemeinde begründet. 1838 hatte sie 10 Pfleglinge, 1843 wurde das Mädchen-Waisenhaus begründet und 10 Jahre später wurden die Anstalten, da die Räume zu eng geworden, nach der Oranienstraße 38 verlegt. Beim Tode des hochherzigen Stifters (1864), dem sein Sohn uls Direktor bis 1883 folgte, waren 30 Knaben und 14 Mädchen Zöglinge der Anstalt. Zu Ostern 1897 bezog die Anstalt, die 50 Knaben und 25 Mädchen als Zöglinge zählte, ihr jetziges schönes Heim in der Schönhauser Allee 162; es weilen gegenwärtig in ihr 56 Knaben und 30 Mädchen. Gegenwärtiger Leiter der Anstalten ist Direktor Dr. A. Strelitz. Seit ihrem Bestehen erfreuten sich die wohltätigen Anstalten der Fürsorge der Königin Elisabeth und der Kaiserin Augusta. .Im März 1866 übernahm der Kronprinz (nachmaliger Kaiser Friedrich) mit seiner Gemahlin das Protektorat, das sie bis zu ihrem Hinscheiden geführt haben. — Von einer Feier des 75jährigen Bestehens der Anstalt ist abgesehen worden. s. Berlin, 6. Juli. In den Räumen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes war heute der Ausschuß der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums zu längeren geschäftlichen Beratungen versammelt. Der Geschäftsbericht konstatierte eine weitere Zunahme der Mitgliederzahl, die zurzeit über 1100 beträgt, sowie das Erscheinen mehrerer teils von der Gesellschaft herausgegebener, teils von ihr subventionierter Schriften, wie des ersten Bandes des Maimonideswerkes, der zweiten Auflage der trefflichen Schritt von I. Eschelbacher „Das Judentum und das Wesen des Christentums", der Vorträge von N. Porges über den französischen Bibelexegeten Joseph Vechor Schon und von I. Guttmann über Kant und das Judentum. Diese beiden Vorträge gelangen demnächst zur Verteilung an die Mitglieder der Gesellschaft; sonst erhielten diese noch, außer dem Jahrbuch 1908, den ersten Band, der gesammelten Schriften von David Kaufmann s. A. Noch im nächsten Herbst wird eine weitere wertvolle Schrift: „Die Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter", aus der Feder des Züricher Privatdozenten Dr. G. Caro, erscheinen. In eingehender Beratung verhandelte sodann der Ausschuß über die eigenen 'wissenschaftlichen Arbeiten der Gesellschaft, von deren erfreulichem Fortschreiten die einzelnen Kommissionen Kenntnis geben konnten, und nahm hierauf den Bericht des Berliner Universitätsprofessors Dr. Nikolaus Müller über seine Katakombenforschnngen in Rom, zu deren Ermöglichung die Gesellschaft dem verdienstvollen Gelehrten einen namhaften Betrag bewilligt batte,' entgegen. Ueber diesen Bericht werden wir demnächst ausführlicher referieren. Zum Schluß bewilligte die Versammlung noch eine Reihe von Subventionen für das kommende Geschäftsjahr, um das Erscheinen mehrerer für die Wissenschaft des Judentums verdienstlicher Arbeiten zu ermöglichen. 8. Berlin, 12. Juli. Zum Direktor der Universitäts-Poliklinik für orthopädische Chirurgie an der Berliner Universität ist der Privatdozent Professor Dr. Georg Joachimsthal ernannt worden. Die Neubesetzung des seit einem halben Jahre durch den Tod Hoffas verwaisten Lehrstuhls für Orthopädie — Joachimsthal wurde gleichzeitig zum außerordentlichen Professor ernannt — erregt allgemeine Befriedigung, nachdem lange Zeit Bestrebungen im Gange waren, die Orthopädie als selbständiges Lehrfach an der Universität wieder eingehen zu lassen. Joachimsthal ist am 8. Mai 1863 zu Stärgard in Pommern geboren; er studierte in Berlin von 1882 bis 1887, wurde 1887 auf Grund einer Arbeit „Zur Pathologie und Therapie der Skoliose" zum Doktor promoviert, erlangte 1888 die Approbation als Arzt und wurde bald darauf Assistent in der Privatklinik von Julius Wolfs, der wegen seiner erfolgreichen plastischen Operationen von Gaumenspalten und ähnlichem, vor allem aber durch seine Klumpfußbehandlung und Knochenoperationen schon seit langem als „Knochen-Wolff" zu den populärsten Berliner Aerzten zählte. Die hervorragende Stellung, die Wolff der Orthopädie in Berlin zu verschaffen suchte, veranlaßte 1890 die Regierung, eine Universitäts- Poliklinik für orthopädische Chirurgie zu errichten, deren Leitung ganz selbstverständlich Wolff übertragen wurde. Joachimsthal wurde auch dort sofort sein Assistent und verblieb in dieser Stellung bis 1900. Frühzeitig erregten seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen die Aufmerksamkeit der Fächgenossen, 1897 wurde ihm für seine Arbeit „Funktionelle Formveränderungen an den Muskeln" von der Pariser Akademie der Wissenschaften der Pourot-Preis zuerkannt. 1898 habilitierte er sich als Privatdozent, 1902 wurde er zum Professor ernannt. Seit Begründung der Deutschen Gesellschaft für orthopädische Chirurgie bekleidete er in ihr das Amt des ersten Schriftführers. -k- Königsberg i. Pr.. 13. Juli. Der Rentier Jacob Kirschner vollendete sein achtzigstes Lebensjahr. Aus diesem Anlaß berichtete die „Königsberger Hartungsche Zeitung": „Durch die freiheitliche Bewegung im Jahre 1848 kam Kirschner mit den damals im öffentlichen Leben hervortretenden Persönlichkeiten in Berührung, so mit Möller, . Johann Jacoby, Nupp, Sanier, Falkson und anderen. Namentlich bei den Wahlen zeigte er rührigen Eifer als begeisterter Anhänger der Fortschrittspartei. Nachdem Kirschner drei Jahrzehnte geschäftlich tätig gewesen, zog er sich ins Privatleben zurück und widmete sein Interesse gemeinnützigen Bestrebungen. So ist er seit 32 Jahren im Vorstand des Handwerkervereins, 33 Jahre versieht er das Amt des Bücher- und Kassenrevisors im Schlittschuhklub, von 1878 ab ist er Vorstandsmitglied im Tierschutzverein, sehr lange auch im Vorstande des Vereins jür jüdische Geschichte und Literatur, und im Polytechnischen und Gewerbeverein. Besonderen Dank hat er sich noch dadurch erworben, daß es bei den Ausweisungen russischer Juden seinen unermüdlichen Bemühungen in vielen Fällen gelungen ist, die bereits verhängte Ausweisung wieder rückgängig zu machen. Wir wünschen, daß dem würdigen Greise ein fernerer glücklicher Lebensabend beschieden sein möge." An dem Ehrentage wurden dem Jubilar zahlreiche Ehrungen in Wort und Schrift zuteil. 8. Stettin, im Juli. Aus unserer Gemeinde, die sich eines regen religiösen und geistigen Lebens erfreut, dürften einige Fakta von allgemeinerem Interesse fein! So beging der hiesige „Israelitische