Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 348 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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nach irgendeinem Dienste, einer beschwerlichen Bestellung in Breslau, dem Abläffen einer besonders schönen Ware zum Einkaufspreise und dergleichen äufgetaucht; ja selbst das Standgeld war mittels solcher humanen Einleitungen im Laufe der Zeit bereits bis zum Dreifachen erhöht worden: wer wollte es daher dem armen Juden verargen, daß er auch, diesmal im Hintergründe der obigen Erklärung des Bäckermeisters irgendeine eigennützige Absicht befürchtete? Doch schlug er sich für jetzt diese Gedanken aus dem Sinne und ging ans Auspacken. Ueber die ganze Fläche des Tisches breitete er schlesische Kattune aus in Mustern, von denen eines immer greller als das andere war. Die der Tischplatte zunächst befindlichen drei oberen Fächer nahmen Taschen- und Halstücher und ähnliche schlesische Fabrikate in nicht viel zarteren Dessins ein; zuletzt fanden auf der ganzen Weite des obersten dreikantigen Faches zahlreiche Bänderröllchen ihren Platz und bildeten durch Zartheit der Farben und der Muster einen wunderbaren Kontrast mit den unter ihnen befindlichen Waren. Isaak hatte auf seinen Landumzügen stets ein doppeltes Publikum zu befriedigen. Für die unterste Volksklasse, die sich bei ihm mit Kattunen und Tüchern versorgte, konnten die Farben und Muster nicht schreiend genug gewählt werden; dagegen mußte in den Bändern der feine Geschmack der Bürgerdamen, die in Schlesien wie fast überall diesen Artikel gern bei den Juden kaufen, berücksichtigt werden. Isaak konnte das Letztere um so leichter, als er selbst, sei es von Natur oder durch das in ihm vorwaltende Gemütsleben, in den Farben wie in den Tönen sich vorherrschend zu dem Weichen und Schmelzenden hinneigte. Deshalb sah man auch oftmals seinen Warentisch von sehr vornehmen Damen umstellt, die nicht begreifen konnten, wie dieser alte bärtige Jude eine so sinnige Auswahl der zartesten Muster zu treffen wisse. Endlich war die Kirche vorüber und der Strom der Volksmenge ergoß sich in so vielen Armen, als der Marktplatz Zugänge hat, nach der im Sonnenglanze doppelt strahlenden Ausstellung. Noch denkt niemand ans Einkäufen, wie oft auch der eine und der andere nach dem Preise einer Ware fragt. Vorerst muß die Schaulust befriedigt werden, und die Menge schlendert auf und ab, sich gegenseitig drängend und hemmend, durch die Reihen der Buden und an den Häusern entlang, und begafft und betastet die ausliegenden Dinge nach Herzenslust. Erst wenn die Zeit bis zum Mittag neigt, schickt ein Teil der dienenden Volksklasse sich zum Heimkehren an und macht alsdann den Feilhabenden den Handkauf, während die freiere Menge ihre Einkäufe meist auf den Nachmittag aufspart. Der Ohlauer Jahrmarkt wird von den Verkäufern in der Regel zu den mittelmäßigen gezählt; heute war er noch weniger als dies, für die an den Häusern Feilhabenden konnte er sogar als schlecht gelten. Die wenigen Einkäufe, welche vormittags gemacht wurden, fielen meist den Buden zu; nur hier und da gelangten auch die Tischchen zu wenigem Absätze. /Des Nachmittags aber, gerade um die Zeit des Hauptmarktes, stellte sich ein starker Landregen ein, der mehrere Tage anzuhalten drohte. Ein Teil der Marktbesucher zog ohne alle Einkäufe ab, der andere beschränkte dieselben aus das Notwendigste; die Damen aus dem Städtchen und der Umgegend, Isaaks beste Kunden, blieben, durch das Wetter abgehalten, fast ganz aus. So sah denn Isaak am Abende, als er seine Lösung überzählte und das Standgeld von dem Verdienste abzog. Die Hoffnung vereitelt, seiner fast ganz ohne Zehrung zurückgelassenen Familie von Ohlau aus den nötigen Bedarf nachsenden zu können. Nur wenige Groschen blieben ihm als Reinertrag übrig, und von diesem Wenigen war noch ein Teil u seinem eigenen Bedarf nötig, da zu befürchten stand, daß der anhaltende Regen ihm die nächsten Tage das Hausieren sehr erschweren, vielleicht unmöglich machen würde. Aber - wann hätte jemals ein jüdischer Familienvater' an -seine - Person gedacht, so lange seine Familie noch nicht versorgt war? Isaak suchte Horwitz auf, der noch heute seinen Rückmarsch antreten 'wollte, und übergab ihm die gelöste Summe zur Einhändigungen.seine älteste Tochter, welche den größten Teil derselben zu neuen Wareneinkäufen und den Rest, so gut es ginge, für die häuslichen Ausgaben verwenden sollte. (Fortsetzung folgt.) - Sprechsssl. Sehr geehrter Herr Redakteur! meinem Bedauern nötigt mich der Bericht über die Reprasentanten- Versammlung in Nr. 27 zu einer Berichtigung, da mein Antrag, die Unterkunft der Gemeindebibliothek betreffend, falsch wiedergegeben ist. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Der Vorstand hatte beantragt: „zu den Vorarbeiten des Neubaus auf dem Grundstück Oranienburgerstr. 28, vorbehaltlich späterer Genehmigung des Kostenanschlages und der definitiven Zeichnungen, einen Betrag von 3000 Mark zu bewilligen". Mein Antrag hierzu, der von der Repräsentantenversammlung angenommen wurde, lautet, hinter „Zeichnungen" einzuschalten: „und der Verteilung der Räume an die einzelnen Kommissionen". Wenn Ihr Berichterstatter meinen Antrag als „harmlos" bezeichnet, so mag er im Rechte sein; mein wirklicher Antrag aber ist keineswegs so „harmlos", daß er sich, wie es in dem Bericht lautet, mit der Bekanntgabe der Verteilung der Räume begnügt, sondern er behält tatsächlich der Repräsentantenversammlung die Entscheidung über die Verteilung der Räume, also auch über die Unterkunft^er Bibliothek, vor. Hochachtungsvoll Berlin, 8. Juli 1908. Prof. Dr. Kalischer. $ Geehrter Herr! Bit Ihrem letzten Bericht aus Paris über die nationalistische Attacke gegen Major Drehfus wird es Sie sicher interessieren zu erfahren, daß ganz Paris sich gegenwärtig über einen der Führer dieser Attacke, über Herrn Leon Daudet, den ungeratenen Sohn eines _ großen Vaters, amüsiert. Dieser Herr schreibt auch Romane, daneben aber macht er als wütender Nationalist und Antisemit „in Politik". Man hat nämlich entdeckt oder will wenigstens entdeckt haben, daß er selbst ein echter Jude ist, und daß seine Nase in unwiderleglicher Weise seine semitische Herkunft offenbart. Während der Straßenkundgebungen, durch welche die Nationalisten Zolas Beisetzung im Pantheon zu verhindern suchten, soll Läon Daudet einer der ärgsten Schreier gegen Zola, Drehfus und die Juden gewesen sein; andere Nationalisten aber, die ihn nicht persönlich kannten, und die ihn seinem Aussehen nach für einen Juden hielten, wollten ihn tätlich angreifen, in der Meinung, er fei ein jüdischer „agent provocateur". Es wäre dem armen Loon Daudet übel ergangen, wenn nicht im kritischen Augenblicke seine Freunde erschienen wären und vor aller Welt kundgetan hätten, daß er ein aufrichtiger Antisemit sei. Inzwischen hat ein Professor der Universität von Montpellier sestgeftellt, daß Alphonse Daudet tatsächlich von Juden abstammte, die im 18. Jahrhundert nach der Provence gekommen sein dürften. Der beste Beweis sei der Name selbst. „Daud" bedeute David, und das Suffix „et" sei eine Verkleinerungsform: Daudet heiße also einfach „Davidchen". Wenn diese etymologische Enthüllung, die Herrn Leon Daudet in die größte Wut versetzt hat, nicht wahr sein sollte, ist sie wenigstens gut erfunden. Hochachtungsvollst Paris, 23. Juni. - S. H. Drück und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.