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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 347 (sequence 13)
Language
German
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Der tzsulierrr. Eine Geschichte aus der guten alten Zeit. Von Eduard Mohr. UI. YyT cl, (Bvtä) Bündeljuden gönw ich die Bescherung," sagte ein den Hausierern entgegenkommender Bauer, indem er mit der Hand nach dem südöstlichen Himmel hinwies, „Ihr sollt bald eine hübsche Taufe kriegen." Die drei Freunde richteten ihre Blicke nach der von dem Bauer bezeichneten Gegend und wurden zu ihrem Schrecken jetzt erst gewahr, daß, während sie sorglos ihrem Gemütsleben nachgehangen, die Außenwelt ein schweres Gewitter über ihren Häuptern znsammengetrieben hatte. Aengstlich beschleunigten sie ihre Schritte, um aus dem Wetterstriche herauszukommen, aber es dauerte nicht lange, so überzeugte sie der mächtige Staubwirbel und das in Ost und Süd immer lauter werdende Donnergerolle, daß der Ausbruch des gefürchteten Wetters ganz nahe bevorstehe. Ein Dorf, in das sie eben eintraten, bot ihnen Schutz; aber sie hatten keine Zeit zu verlieren, denn längst war der Tag angebrochen und Ohlau lag noch eine starke Meile entfernt. Sie schritten daher ohne Aufenthalt vorwärts, sich gegenseitig stützend, so oft ein starker Windstoß sie niederzuwerfen drohte. Bald fuhren auch blendende Blitzstrahlen zur Rechten der Chaussee nieder, und die Wandernden vergaßen nicht den Segensspruch zu beten: „Gelobt seist du Ewiger, König der Welt, der du die Erscheinungen der Schöpfung erneust." Furchtbar heulte der Sturm, bis ein tosender Regensturz seine Gewalt brach. Mit dem dichten Regen verdoppelte 'sich die Not der drei Wanderer, denn nun waren auch die Bündel, der Armen Hab und Gut, in Gefahr? Sie deckten die Mäntel, deren sie zu ihrem eigenen Schutze nur zu sehr bedurft hätten, über die Waren und zogen so, von Nässe triefend und in sich gekehrt, still nebeneinander dem Orte ihrer Bestimmung zu. Allmählich ließ der Regen nach; aber neue schwarze Wolkenmasfen zogen heran. Plötzlich schoß es wie eine riesige Feuerschlange dicht vor ihnen aus der Höhe zur Erde nieder, und gleichzeitig erdröhnte ein so tobender Donnerschlag, daß die Wanderer fast gelähmt mehrere Augenblicke ihre Glieder nicht bewegen konnten. Bald machte auch eine auflodernde Flamme die Stätte kund, die der'Blitz getroffen. Kaum hundert Schritte vor ihnen brannte rechts am Wege ein hoher starker Baum, und neben ihm stieg aus den Fenstern eines kleinen, einzeln stehenden Hauses dicker Qualm empor. Die Wanderer verdoppelten ihre Schritte ngch der Brandstätte zu. Schon schlug das Feuer durch die Fenster, und aus der Tür stürzte ein halbnacktes Weib auf die Straße, händeringend und nach Hilfe schreiend. Ohne Säumen warfen die drei Männer ihre Bündel ab und übergaben sie der Frau zur Bewahrung; sie selbst eilten in das Haus, und in kurzer Zeit waren vier kleine Kinder dem Feuertode entrissen. An ein Löschen des hölzernen Hauses war nicht zu denken. Isaak blieb jetzt bei der Frau und half ihr mit den von den beiden anderen herausgeworfenen Betten und Kleidungsstücken die vor Frost zitternden Kinder einhüllen. Erst nach Verlauf einer halben Stunde, als Horwitz und Cohn bereits die meisten Habseligkeiten auf die Straße geschafft hatten, kam Hilfe aus dem nächsten Dorfe, und die drei Hausierer schickten sich nun an, ihre Bündel wieder auszünehmen und weiter zu ziehen. „Aber , wo ist denn Euer Mann?" fragte ein Bauer die noch an allen Gliedern zitternde Frau. „Er ist erst vor einer Weile nach Breslau gegangen." Cohn wurde aufmerksam aus diese Worte. „Trug Euer Mann vielleicht eine blaue Jacke und eine Mütze mit roten Streifen?" , „Ja ja, das war der Josef, Ihr müßt ihm begegnet sein." Ein Gefühl des Stolzes fuhr durch Cohns Seele. Er wollte der Frau eine derbe Lehre für ihren Mann zurücklassen, aber ein Blick auf den trostlosen Zustand der abgebrannten Familie drängte die Rede zurück. Er schwieg und eilte den beiden Freunden nach, die sich bereits wieder auf dem Marsche befanden. Es war beinahe acht Uhr, als sie zur Verwunderung ihrer Bekannten halb versengt und halb durchnäßt in Ohlau ankamen. Ein wirres Drängen und Treiben herrschte bereits in dem kleinen Städtchen. An den Buden und vor den Häusern des Marktes waren tausend Hände geschäftig, Waren in bunter Reihe auszulegen, die besten und gesuchtesten nach vorn, an den Seiten und in der Tiefe die minder gangbaren. Und mitten durch diese auf das irdische Bedürfnis gerichtete Tätigkeit zogen die Scharen der Landleute, sonntäglich geputzt und mit Gesangbüchern versehen, der Kirche zu. Unsere drei Hausierer kehrten zuerst in ein Wirtshaus ein, um sich vollends zu trocknen, und trennten sich dann, ein jeder dem andern „Glück und Segen" zum Markte wünschend. Isaak hatte seinen Stand an dem Hause eines Bäckermeisters. Ein großer Tisch mit übergesetzten Fächern reichte völlig hin, um seinen Warenvorrat aufzunehmen und gehörig sortiert den Augen der Käufer vorzulegen. Als er sich dem gedachten Hause näherte, gewahrte er zu seinem nicht geringen Schrecken, daß ein anderer seinen Markttisch mit Waren zu belegen sich anschickte. Er lief nach Kräften dem Hause zu. „Gut, daß Ihr kommt, Vater Isaak," rief ihm der wohlbeleibte Wirt aus der Haustür entgegen; „da draußen der will durchaus Euren Tisch haben, aber ich hab^s ihm rund abgeschlagen, ich werd' doch den alten Isaak nicht verdrängen lassen. Aber wo seid Ihr denn geblieben?" Während Isaak mit Hilfe des Wirtes den Tisch von den Waren des Eindringlings frei machte, erzählte der Verspätete, wie ihn zuerst das schwere Wetter und dann die Feuersbrunst aufgehalten habe. „Dem Bauer wird auch nicht luehr viel Segen aufgehen," bemerkte der Wiederverdrängte im Abzüge, indem er zornige Blicke bald aus Isaak, bald auf den Bäcker warf, „ich hab's immer gehört, das Haus, das ein Jude berührt, muß über kurz oder lang zugrunde gehen." ' „Ha, ha, ha," brach der Bäcker aus und hielt sich den Schmeerbauch, „der will mich schrecken! Nee, da kommt er viel zu spät. Ich glaub nur, was ich sehe. Christ oder Jude, ist mir ganz egal; Ihr bezahlt mir seit zwanzig Jahren Euer Standgeld pünktlich: was werd ich mich mit dem Bruder Söfflich einlassen? Packt Ihr ruhig aus, Vater Isaak, wir bleiben gute Freunde." Isaak war durch die beschwichtigenden Worte keineswegs ganz beruhigt, denn er kannte seinen Mann. Der Ohläuer Bäckermeister gehörte zu der nicht kleinen Zahl von Judenfeinden, die ihre freie Gesinnung offen kund zu geben gegen ihren Vorteil halten, vielmehr bei jeder schicklichen Gelegenheit von Menschenliebe und religiöser Duldung sprechen, und sich alsdann für diese Menschenliebe bei den auf solchem Wege leicht zu gewinnenden Juden bezahlt machen.- Sooft bisher der ehrsame Bürger von Ohlau sich gegen Isaak zugunsten der Juden geäußert hatte, war hinterher immer das Verlangen

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