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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 345 (sequence 11)
Language
German
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. Auch nach der Restauration siedelten sich Israeliten in größerer Anzahl in England an, ohne daß ein gesetzliches Dekret erlassen worden wäre, das in optima forma die früheren Verbannungsgesetze, aufgehoben hätte. Obwohl später und bis zur Mitte des' 19. Jahrhunderts selbst in England geborene Juden, kein Grundeigentum besitzen durften, erwarben sie doch ein Stück Land als sogenanntes Lehenöder Erbzinsgut. Der berühmte deistische Schriftsteller Toland, ein besonderer Verehrer der philosemitischen Königin Sophie Charlotte von Preußen, befürwortete im Jahre 1715 in einer besonderen Schrift die GleichsteÜung, das heißt Naturalisierung der Juden, und im Jahre 1753 wurde dem Parlament ein Gesetzesvorfchlag vorgelegt, um fremden, beziehungsweise ausländischen Juden die Möglichkeit zu geben, sich naturalisieren zu lassen, ohne gezwungen zu sein, das'Sakrament, das heißt das Abendmahl, zu empfangen, was eine Zeitlang als eine Bestätigung der Mitgliedschaft der anglikanischen Kirche galt. Dieser Gesetzesvorschlag ging zwar ohne Opposition im Oberhause durch, aber die Volksstimmung bekämpfte aufs heftigste diese Maßregel. Dennoch nahm auch das Unterhaus das Gesetz an und so erhielt es die königliche Genehmigung. Besaßen sie nun noch lange nicht die vollen Rechte der Eingeborenen, so konnten sie doch ohne Belästigung und Hindernisse in England leben, und der hier und da von Agitatoren geschürte Haß konnte dadurch nicht ausarten, weil die staatliche Macht allen Ausschreitungen mit größter Tatkraft begegnete. Von einer völligen Emanzipation konnte aber damals noch nicht die Rede sein, weil sie noch manchen Rechtsbeschränkungen ausgesetzt waren. So durste zum Beispiel bis 1832 keinJude in der City von London einen Laden eröffnen, da solches nur den sogenannten Freemen, das heißt den Mitgliedern bürgerlicher Korporationen gestattet war. Auch war es ihnen nicht erlaubt, Land zu besitzen. Vergebens waren alle Eingaben an das Parlament, diese Rechtsbeschränkungen aufzuheben. Alle Petitionen wurden zurückgewiesen. In diesem Punkte galten sie als Fremde, selbst wenn sie in England geboren waren. Erst langsam und mühsam ging die Humanitätssonne endlich auch in England auf. Schritt für Schritt gelangten sie schließlich zu ihrer völligen Emanzipation. Berühmte Staatsmänner wie Macuslay und Lord John Ruffel vertraten die Sache der Israeliten im Parlament mit Feuer und Geschick. Das einzige Moment, das der Krönung des Gebäudes der Judenemanzipation hemmend und hindernd im Wege stand,' war die Formel des sogenannten Beschwörungseides, der sogenannte Deklarations- und Test-Akt. Dieser Beschwörnngseid wurde durch ein Statut des Königs Georg IV. festgesetzt. Dasselbe schloß Juden von einer großen Zahl von Stellungen aus, da die Eidesformel die Worte: „aus dem wahren Glauben eines Christen" (opon the true faith of a Christan) enthielt. Demgemäß waren sie ausgeschlossen vom Parlament, von jedem Zivil- und Militäramt unter der Krone, von dem Amte eines Landrichters und Magistraten, von allen Gemeindebehörden, von dem Berus eines Advokaten, Anwalts oder Notars, der Beteiligung an Parlamentswahlen usw. Der sogenannte Test-Akt schrieb eine von allen Zivil- und Militärbehörden abzülegende Eidesformel vor, worin die Oberherrschaft des Papstes verworfen wurde und wonach das Abendmahl nach der Lehre der Kirche von England zu nehmen war. Dieser Probeeid schloß ferner die Juden noch von den Privilegien der alten Universitäten, vom Genuß der Stipendien und von der Lehrsähigkeit in Oxford und Cambridge aus. Trotz dieser Beschränkung zeigte sich von Jahr zu Jahr immer mehr, daß es unmöglich war, die Juden als Staatsbürger zweiter Klasse zu behandeln. So erteilte im Jahre 1832 der neue Wahlreformakt denjenigen Juden, die sich' durch den darin vorgeschriebenen Besitz dazu eigneten, das Wahlrecht für die Parlamentswahl. Ein Jahr daraus öffneten sich den Juden die Tore der alten Rechtskorporationen, und Sir Francis . Goldsmid war der erste Jude, dem es gestattet wurde, als Barrister, das heißt als Advokat sich niederzulaffen. 1835 wurde der sogenannte Lord Campells-Akt angenommen. Dieser hatte den Zweck, gewisse Eide und Beteuerungen in verschiedenen Geschäftskreisen des Staates abzuschaffen und an deren Stelle gewisse Erklärungen zu setzen. 1845 wurde der sogenannte Lord Lindhurst-Akt angenommen, der den Zweck hatte, die Aufhebung des Ausschlusses der Juden von statistischen Aemtern zu bewirken. Vor dieser Zeit verlangte man den Empfang des Abendmahls zur Befähigung für gewisse Gemeindestellen und Aemter, wie Unter anderen für die eines Mayor, Alderman, Recorder, Bailiff, Common, Councilman, Councillor, Chamberlain, Treasure, Town Clarke, in allen Korporationen. Der Lord Lindhurst-Akt erlaubte den Juden statt dessen bloß die Unterzeichnung einer sogenanuten Deklaration. Ein Jahr darauf wurde im Parlament den jüdischen milden ' Stiftungen das Recht zuerkännt, Grundeigentum zu besitzen. Wie man sieht, wurden in die einst so mächtige Zwingburg des englischen Antisemitismus von Jahr zu Jahr immer mehr Breschen gelegt, und es galt nur noch die parlamentarische Emanzipation der Juden herbeizusühren. Die Judenfeinde hatten jedoch sich Jahre hindurch in diese Verschanzung zurückgezogen und boten alle ihnen zur Verfügung stehenden vergifteten Waffen auf, um die Anhänger des Fortschritts, des Rechts und der Freiheit abzuwehren und die Erstürmung auch des letzten Schutzwalls unmöglich zu machen. Einen mächtigen Beschützer hatten die Juden in dem schon erwähnten britischen Staatsmann Lord John Rüssel (geboren 18. August 1792 und gestorben 29. Mai 1878) gesunden. Dieser hervorragende liberale Staatsmann nahm sich auch der unterdrückten Katholiken an und wirkte 1828 für die Aufhebung des Test-Akts und 1829 für die Emanzipation der Katholiken. Im liberalen Kabinett Grey zum General-Zahlmeister ernannt, hatte er im Jahre 1832 die Genugtuung, seine langjährigen Bemühungen durch die Annahme der Reform-Bill gekrönt zu sehen. Im Ministerium Palmerstone, worin er Minister der Kolonien war, vertrat er das fortgeschrittenste wighistische Prinzip und war unermüdlich, der Sache der Juden zum Siege zu verhelfen. Schon im Dezember 1857 verhandelte auf seinen Antrag das Parlament über die Frage des Eintritts der Juden in das Unterhaus. Auf seine Initiative hin bildete das Parlament sich als Komitee zur Erwägung der Parlaments-Eide, wobei er den Vorschlag machte, eine Bill einzubringen des Inhalts, daß ein ins Unterhaus gewähltes jüdisches Mitglied nicht verpflichtet sein sollte, die Formel „beim wahren Glauben eines Christen" auszusprechen. Dieses sein Vorgehen entfesselte jedoch anfänglich und viele Monate hindurch einen Sturm der Entrüstung bei den judenfeindlichen Mitgliedern des Unterhauses, während die liberalen Abgeordneten die Ansicht vertraten, daß dem Unterhaus das Recht zustehe, die Frage der Judenemanzipation, beziehungsweise des Parlaments-Eides auf dem Wege der Resolution zu lösen, ohne erst die Bill in zweiter und dritter Lesung im Unterhaus und Oberhaus durchzupeitschen, und dies um so mehr, als doch das reaktionäre Oberhaus sich nie dazu verstehen werde, einem so freisinnigen Gesetz seine Zustimmung zu geben. Nun entwickelte sich Monate hindurch eine wahre Komödie der Irrungen. Immer neue Stürme wurden seitens des

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